Mervyn King, der Gouverneur der Bank von England, hat sich nach eigenen Aussagen immer darum bemüht, die Notenbankpolitik so langweilig wie möglich zu gestalten. Damit meinte der Absolvent der Elite-Universitäten Cambridge und Harvard die pragmatische Ausrichtung der Zinspolitik auf die Einhaltung des Inflationszieles.
Eine Zentralbank hat freilich nicht nur die Inflation, sondern auch die Sicherheit des Bankensystems im Auge zu behalten und hier kann von Langeweile in London derzeit keine Rede sein. Es muss für King eine erschreckende Erfahrung gewesen sein, dass sich auf Großbritanniens Einkaufstraßen plötzlich Schlangen verängstigter Sparer bildeten, die der Sicherheit ihrer Einlagen nicht mehr trauten. King ist seit Juni 1998 Gouverneur der Bank von England, in die er im März 1991 als Chefvolkswirt eintrat. Zuvor hatte er seit 1984 als Professor für Wirtschaftswissenschaften an der London School of Economics gelehrt.
King für einen liberalen Finanzmarkt
Der 1948 geborene King gilt bei der Zinspolitik im geldpolitischen Komitee der Bank von England als Mitglied, das im Zweifel eine harte Linie vertritt, für eine restriktivere Zinspolitik argumentiert und – anders als andere Notenbankgouverneure – sogar ein Zinsvotum gegen die Mehrheit des Gremiums abgibt. Eine ähnlich harte Linie hat King in dieser Finanzkrise befolgt.
King hat gemeinsam mit der britischen Finanzaufsichtsbehörde (FSA) und dem britischen Finanzministerium immer für einen liberalen Finanzplatz in London plädiert, an dem Banken weitgehend ungehindert Geschäfte mit neuen, auch riskanten Strategien ausüben können. King erwartet aber im Gegenzug von den Marktteilnehmern, dass sie Eigenverantwortung übernehmen, im Zweifel die verlustreichen Konsequenzen ihrer Strategieentscheidungen tragen und nicht auf den Beistand der Notenbank und des Steuerzahlers zählen.
Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt
King pochte deshalb darauf, dass diese konsequente Linie gerade in der jetzigen Finanzkrise eingehalten wurde. Anders als die Europäische Zentralbank (EZB) und die Federal Reserve weigerte sich die Bank von England daher über Wochen, dem angespannten Geldmarkt außer der Reihe zusätzliche Liquidität bereitzustellen. Auch warnte King die Banken, dass eine allzu bereitwillige Rettung eines Institutes letztlich nur die nächste Finanzkrise heraufbeschwöre. Gerade weil King die Marktteilnehmer schon vor Monaten auf die Risiken am Markt hingewiesen hatte, blieb der Chef der Bank von England trotz der Kritik an seiner Politik hart.
Die Brisanz der Krise zwang King jedoch einzulenken und von seiner Linie abzurücken. Als Northern Rock in Liquiditätsnöte schlitterte, musste die Bank von England als Kreditgeber letzter Instanz der Hypothekenbank die rettende Hand reichen. Das brachte King den Vorwurf ein, seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen. Als die verängstigten Sparer dennoch auf den Straßen um ihr Geld bangten, musste das Finanzministerium mit einer Staatsgarantie für die Einlagen einspringen. King musste sich den Vorwurf gefallen lassen, dass es die Bank von England nicht geschafft habe, eine gefährliche Vertrauenskrise am Bankenmarkt im Keim zu ersticken.
King muss sich erklären
Am Dienstag musste King dann eine weitere Position aufgeben: noch vergangene Woche hatte King mit einem indirekten Hinweis die Europäische Zentralbank gerügt: Er kritisierte, dass die Politik, dem Markt außer der Reihe zusätzliche Liquidität am Geldmarkt einzuräumen, nur die nächste Finanzkrise provoziere. Die Anspannung ist am Londoner Geldmarkt derzeit jedoch so extrem, dass die Bank von England dem Markt am Dienstag nun doch über einen zusätzlichen Tender Liquidität zufließen lassen musste – etwas, wogegen sich King erst vergangene Woche explizit ausgesprochen hatte. Wenn sich die Wogen dieser Finanzkrise geglättet haben, wird King daher vielen Skeptikern erklären müssen, ob er die Brisanz der Marktturbulenzen eine Zeit lang nicht unterschätzt hat.