20.02.2002 · Bei der Karriere kommt es nicht allein auf die Leistung an. Was sonst noch zählt, wollen immer mehr Frauen in Mentoring-Programmen lernen.
Von Natascha LenzBei der Karriere kommt es nicht allein auf die Leistung an. Was sonst noch zählt, hat die promovierte Ingenieurin Marion Bartsch in regelmäßigen Gesprächen mit einem Top-Manager herausgefunden. Zusammengekommen ist die Wissenschaftlerin mit ihm über ein Mentoring-Programm ihres gemeinsamen Arbeitgebers, des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, mit dem Ziel, den Frauenanteil in Führungspositionen langfristig zu steigern.
Auch nach dem Ende des einjährigen Programms trifft sich die 43-Jährige noch weiter mit ihrem Mentor: „Ihm kann ich Fragen stellen, die ich meinem eigenen Chef nicht stellen würde“, sagt sie. Vermutlich würde der sie auch anders beantworten, denn der Mentor ist in der Hierarchie in der Regel noch über dem Vorgesetzten des "Mentee" angesiedelt.
Netzwerke über Firmengrenzen hinweg
„Mentoring-Programme für Frauen sind in letzter Zeit in Mode gekommen“, weiß Nele Haasen, Mentoring-Expertin und Trainerin. Nachwuchskräfte kommen auf diese Weise in ganz persönlichen Kontakt zu erfahrenen Managern und gewinnen Zugang zu deren Erfahrungsschatz. Das geschieht entweder innerhalb von Unternehmen oder Firmen schließen sich zusammen - wie beispielsweise Deutsche Bank, Commerzbank, Lufthansa, Fraport, Merck, Telekom und Procter & Gamble - und lassen die jüngeren Führungskräfte von den Managern in einem fremden Unternehmen lernen. Etwa 100 Paare haben bisher teilgenommen, im Mai geht das Programm in die vierte Runde. "Intern bietet es einen großen Anreiz", sagt Elisabeth Gierg, die das Programm für die Mentoren und Mentees der Deutschen Bank koordiniert.
Die Idee des Mentoring bewährte sich schon vor 3.000 Jahren. Als Odysseus zu seinen Reisen aufbrach, vertraute er seinen Sohn Telemach dem alten Gefährten Mentor an mit der Bitte, sich um seine Erziehung zu kümmern. In den USA gehören Mentoring-Programme seit Jahren zur Personalentwicklung von Unternehmen.
Großer Pluspunkt ist der hohe Praxisbezug: „Ich habe nicht damit gerechnet, so viel aus der Mentor-Mentee-Beziehung zu gewinnen. Ich hatte eher auf die Seminare, die am Anfang stattfinden, gesetzt“, resümiert eine Teilnehmerin des EAF-Programms „Preparing Women to Lead“. Durch das ständige Feedback werden die Teilnehmerinnen in ihrer Kompetenz bestärkt. Zu wissen, dass man auf dem richtigen Weg ist, hat den weiblichen Nachwuchskräften am meisten geholfen, weiß Trainerin Haasen aus Gesprächen. Die Frauen werden nicht nur im Alltagsgeschäft begleitet, sondern können mit dem Mentor auch gezielt über ihre Karriereplanung reden.
Bühne statt Bescheidenheit
Vor allem sehen sie an den erfahrenen Vorbildern, wie wichtig es ist, Netzwerke zu nutzen und sich selbst zu präsentieren, hat Expertin Haasen beobachtet: „Bei den Frauen herrscht eher Bescheidenheit vor. Sie müssen lernen, Bühnen zu nutzen.“ Eine gute Gelegenheit, um Netzwerke zu knüpfen, war das Programm auch für die Wissenschaftlerin Bartsch. Ihr Mentor hat ihr seine Kontakte weitervermittelt: „Ich kenne Leute in höheren Positionen, mit denen ich im Berufsalltag nicht zusammengekommen wäre.“ Doch auch unter den Frauen sei es wichtig, sich zu kennen und auszutauschen, sagt sie.
Aus den Fehlern anderer lernen
Bei der Kombination von Mentor und Mentee gibt es jedoch einige Grundregeln zu beachten. „Ein Mentor sollte nie der eigene Chef sein - oder jemand, der es werden könnte“, warnt Expertin Haasen. Denn nicht das Unternehmen steht im Mittelpunkt, sondern was für den Mentee gut ist. Vorteil: Die Mentees lernen aus den Fehler der anderen. „Der Mentor muss allerdings bereit sein, auch zu erzählen, was bei ihm nicht so lief“, sagt Haasen. Ganz wesentlich ist, dass sich die Beteiligten menschlich verstehen - und sich ohne Komplikationen im Programm auch wieder trennen können, falls das nicht so ist.
Bereicherung auch für Mentoren
Aber auch der Mentor kann die Zusammenarbeit als Bereicherung erleben. Je höher jemand auf der Karriereleiter klettert, um so seltener erhält er sonst offenes Feedback von Mitarbeitern. Manchmal bekommen erfahrene Manager auch neue Einsichten. „Anhand meiner Mentee habe ich erst gemerkt, wie Frauen häufig ausgenutzt werden und als 'fleißiges Lieschen' enden“, gibt ein Mentor zu.
Ob der Mentor Mann oder Frau sein sollte, bleibt abzuwägen. Wer wissen will, wie die Männerwelt tickt, sollte sich einen Mann als Mentor suchen, rät Trainerin Haasen. Mit einer weiblichen Mentorin lerne eine Mentee an einem der seltenen weiblichen Vorbilder.
Während die Mentoring-Programme unter Frauen immer beliebter werden, zögern Männer jedoch häufig, solche Angebote anzunehmen. Als das Zentrum für Luft- und Raumfahrt sein Programm auch für Männer öffnete, zeigten die Männer kaum Interesse. Von einem Erfahrenen zu lernen und Chancen zu nutzen, kann allerdings auch Männern nicht schaden - das wusste schon Odysseus.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.382,15 | −0,86% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2460 | −0,23% |
| Rohöl Brent Crude | 105,89 $ | −0,90% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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