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Kirche : Wir kaufen uns eine Pfarrerin

Pfarrerin Anke Spory darf noch länger in ihrer Gemeinde in Bad Homburg bleiben - dank der Großzügigkeit der Gemeindemitglieder. Bild: Röth, Frank

Die Kirchen nehmen so viel Geld ein wie nie. Trotzdem müssen Gläubige ihren Pfarrer selbst bezahlen. Wird der Kirchgang zum Luxus?

          Die gute Nachricht zuerst: Pfarrerin Anke Spory darf bleiben. Seit drei Jahren arbeitet die 46 Jahre alte Pfarrerin nun schon in der kleinen Taunusstadt Bad Homburg im Stadtteil Gonzenheim, leitet Gottesdienste, unterrichtet Konfirmanden, führt Trauergespräche. Selbst beim Einkaufen ist sie immer im Dienst, ihre Seelsorge ist auch an der Käsetheke im Supermarkt gefragt. Doch Ende des Jahres läuft ihr Vertrag aus. Für die 2500 Gemeindemitglieder wäre dann nur noch ihr Kollege, Pfarrer Ulrich Bergner, zuständig.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Ein einziger Pfarrer für alles: Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, Gottesdienste an jedem Sonntag. Unmöglich fanden das die Bad Homburger Protestanten. Deshalb mobilisierten sie all ihre Kräfte und sammelten Spenden, um Sporys halbe Stelle über den Förderverein selbst finanzieren zu können. Ein Paradebeispiel für bürgerschaftliches Engagement.

          Womit wir auch gleich bei der schlechten Nachricht wären: Denn dieses Paradebeispiel kommt ausgerechnet in einer Zeit, in der es überhaupt nicht nötig erscheint. Noch nie sprudelten die Kirchensteuern so munter wie in diesem Jahr. Die evangelische Kirche wird rund fünf Milliarden Euro einnehmen, das sind etwa fünf Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Schon seit Jahren geht das so. Seit 2005 sind die Kirchensteuereinnahmen um mehr als 43 Prozent gestiegen - und das trotz massenhafter Austritte enttäuschter Gläubiger. Die gute Konjunktur macht es möglich, schließlich ist diese Einnahmequelle an die Einkommensteuer gekoppelt. Freut sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, sind auch die Kirchenvertreter zufrieden.

          Warum müssen die Gläubigen darben?

          Doch wenn es der Kirche so gut geht, warum müssen dann die Gläubigen darben? Das ist etwa so, als würden die Theater in Zeiten von Rekordeinnahmen erst einmal ihre Stammschauspieler abbauen. Doch bei der Kirche erscheint es besonders absurd.

          Auch in Bad Homburg ist man empört über die Stellenkürzung. Der Kirchenvorstand Hoimar von Ditfurth sieht darin sogar eine „radikale Fehlentwicklung“. „Die Kirche muss nah bei den Menschen sein“, sagt er. Und nah bei den Menschen heißt für ihn vor allem: in den Gemeinden, also genau dort, wo die evangelische Kirche schon seit Jahren systematisch die Pfarrstellen kürzt. Ein Prozent der Stellen muss im hessischen Regionalverband dran glauben, jedes Jahr. Egal, wie üppig die Einnahmen ausfallen. Zum Verhängnis wird der Gemeinde auch, dass sie mit 2500 Mitgliedern genau an der Grenze liegt, die nach der Pfarrstellenbemessung nur noch einen Pfarrer vorsieht. Das klingt nach Planwirtschaft, die zu träge ist für den konjunkturellen Aufschwung.

          Das Phänomen ist keine hessische Spezialität, es findet sich im ganzen Land: Stellen fallen weg, und nur dort, wo die Gläubigen mit besonders üppigen Gehältern gesegnet sind, kaufen sie sich einfach ihren Pfarrer selbst. In Hessen hat die Gemeinde Falkenstein 2006 den Anfang gemacht. Aber auch in Berlin ist das ein erstaunlich weit verbreitetes Modell. Besonders skurrile Züge nimmt die Privatfinanzierung des Kirchenpersonals ausgerechnet im Herzen des Westteils in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche an: Die kann sich eine extra Pfarrstelle auch deshalb leisten, weil sie ihren Vorplatz an Stände vermietet, die Andenken verkaufen.

          Überall sonst müssen die übrig gebliebenen Pfarrer die anfallende Arbeit allein übernehmen. Ist die Not besonders groß, zum Beispiel im Osten des Landes, betreuen sie auch schon mal ein knappes Dutzend Gemeinden und tingeln sonntags gleich durch mehrere Gotteshäuser.

          Die übrigen Pfarrer müssen die Arbeit allein übernehmen

          „So bekommen wir keinen Zugang zu den Menschen“, seufzt Ditfurth. „Damit schafft die Kirche sich selbst ab.“ Seine Freude über das finanzielle Engagement seiner Gemeindemitglieder ist deshalb getrübt. „Das kann nicht das Modell der Zukunft sein“, stellt er klar. „Mit dem Verständnis von Kirche ist das nicht zu vereinbaren.“

          Über das Verständnis von Kirche kann man allerdings geteilter Meinung sein. Zwischen Frau Sporys Kirche in Bad Homburg und ihrem Arbeitgeber, der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) mit Sitz in Darmstadt, liegen knapp 50 Kilometer. Gefühlt sind es mehr. Die EKNH residiert in einem wahren Prachtbau direkt am Paulusplatz, der früher selbst den Ansprüchen der Landesbank Hessen-Thüringen genügte. Während Ditfurth im Bad Homburger Gemeindehaus auf einer ausgeleierten grünen Sitzgruppe die radikalen Fehlentwicklungen beschwört, redet man dort von nötigen Strukturanpassungen.

          Die Kirchensteuer mag derzeit einer munter sprudelnden Quelle gleichen, tatsächlich mache die Entwicklung eine Seitwärtsbewegung, wenn man die Inflation berücksichtige, erläutert Heinz Thomas Striegler, Leiter der Kirchenverwaltung und Finanzdezernent der EKHN. Und sie zeige sogar nach unten, wenn man die Personalkosten genau betrachte. Drei Viertel der Einnahmen steckt die Evangelische Kirche ins Personal. Die Pensionslast werde jedes Jahr erdrückender. Und dann auch noch die Kirchenaustritte: Mehr als 23 000 waren es in der EKHN im vergangenen Jahr. Derzeit könne die gute Konjunktur den Schwund noch kompensieren. Aber schon in fünf Jahren werde das nicht mehr möglich sein, sagt Striegler, denn dann werden die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand treten. Für diese Zeit muss man gerüstet sein. „Nachhaltige Haushaltsplanung“ könnte man das nennen. Oder „Ökonomisierung der Kirche“.

          Wobei allerdings zu klären wäre, ob das zum Schmähbegriff taugt. Schließlich muss auch die öffentliche Hand mit dem Geld der Steuerzahler pfleglich umgehen. Da darf man auch etwas vorausschauende Planung erwarten. Das hat auch die EKHN erkannt: Erstmals setze sie im Haushalt 2015 auf eine „kaufmännische Buchführung“, kündigte sie im November an. Das sorgt für Transparenz und eine bessere Übersicht über die Kosten.

          Pfarrer können überall eingesetzt werden

          Zu einer verantwortlichen Unternehmensführung gehört auch eine sorgfältige Personalplanung. Und die gestaltet sich lange nicht mehr so übersichtlich wie früher, als Pfarrer nur in ihren Gemeinden saßen und nirgendwo sonst. Heutzutage können sie überall eingesetzt werden, auch an „übergemeindlichen Stellen“. Sie sind dann nur für die Gefängnisseelsorge zuständig oder für Krankenhäuser und Altenheime, was früher jeder Pfarrer für seinen Ort einfach miterledigt hat. Auch der „bürokratische Apparat“, wie es in Bad Homburg heißt, ist in Darmstadt üppiger besetzt. Inzwischen gibt es alle möglichen Abteilungen, unter anderem auch eine für Öffentlichkeitsarbeit. Glaube muss schließlich kommuniziert werden, und das geschieht im 21. Jahrhundert eben nicht nur von der Kanzel aus, sondern auch über Twitter.

          Die Personalplanung der Kirche ist Anke Spory bestens bekannt. Gleich zu Beginn der Karriere ist sie ihr schon einmal zum Opfer gefallen, diesmal haben es die Bad Homburger vereitelt. Damit haben sie dem Darmstädter Personaldezernenten der EKHN, Jens Böhm, die Planung verhagelt, zumindest ein kleines bisschen. Denn Böhm ist gerade damit beschäftigt, das drohende Unheil zu bekämpfen, das sein Säulendiagramm zu den Ruhestandsversetzungen in den kommenden 25 Jahren ankündigt. Die immer größer werdenden Säulen offenbaren eine Entwicklung, die man geradezu als Pensionsexzess bezeichnen kann. Zwischen 2017 und 2025 verabschieden sich fast zwei Drittel der Pfarrer in den wohlverdienten Ruhestand. Gleichzeitig kommen nicht ausreichend neue Pfarrer hinzu, um all die freiwerdenden Stellen zu besetzen.

          Wer angesichts dieser Zahlen Fehler der Kirchenleitung in der Vergangenheit wittert, liegt goldrichtig. Das sehen selbst Böhm und Striegler so. Mindestens zweimal hat die Kirche in den vergangenen Jahrzehnten die Weichen grundlegend falsch gestellt: Zuerst vor 30 Jahren als - gebettet auf ein üppiges Finanzpolster - massenweise Pfarrer eingestellt wurden, nämlich all diejenigen, die nun in den Ruhestand drängen.

          Dann, Ende der neunziger Jahre, versuchte die Kirchenleitung der Pfarrerschwemme Einhalt zu gebieten: Theologen, die nach der langen Ausbildungszeit von acht oder neun Jahren auf die versprochene Pfarrstelle hofften, gingen zu ihrem Entsetzen leer aus. Sie mussten sich Alternativen in der freien Wirtschaft suchen. Auch Anke Spory gehörte dazu. Ihr gelang dies ausgerechnet im Schoße des Großkapitals: Statt Gottes Schäfchen zu hüten, arbeitete Spory zweieinhalb Jahre bei der Deutschen Bank in der Personalentwicklung.

          „Die Kirche hat viel zu lange Pfarrer in die Flucht geschlagen“, resümiert Kirchenvorstand Hoimar von Ditfurth. Jetzt setzt die Kirche alles daran, die früheren Fehler wieder auszugleichen. Mit einer Kampagne will sie den Nachwuchs wieder an die Kanzel locken. Motto: „Mach doch, was du glaubst.“

          Anke Spory ließ sich nur kurzzeitig in die Flucht schlagen. Sobald sich die Gelegenheit bot, kehrte sie zurück, zuerst auf eine Pfarrstelle in Friedberg. Jetzt ist sie dankbar, dass sie in Bad Homburg noch länger bleiben kann.

          Dabei geht es gar nicht darum, dass Spory sonst in die Arbeitslosigkeit fallen würde. Im Gegenteil: Spätestens 2017 wird sie an allen Ecken und Enden gebraucht. Warum sie dann nicht wenigstens bis dahin in Bad Homburg bleiben darf, so lange bis der personelle Engpass über die EKHN hereinbricht? Ihr Dienstauftrag endete schlicht 2015, heißt es aus Darmstadt. Und außerdem: „Frühzeitig lieber überall etwas geschmeidiger abschmelzen und vor Ort entsprechende Anpassungsprozesse ermöglichen, anstatt plötzlich kaum zu bewältigende Löcher ab 2017 vorzufinden“, findet Böhm.

          „Geschmeidig abgeschmolzen“ wurde Anke Spory allerdings schon einmal, nach ihrer Ausbildung. Für die Vakanz-Vertretung steht sie nun nicht mehr zur Verfügung. Den Bad Homburgern sei Dank.

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