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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Werner Wenning „Kein Manager muss zehn Millionen verdienen“

 ·  Der ehemalige Bayer-Chef Werner Wenning ist einer der mächtigsten Aufsichtsräte der Republik. Im Interview spricht er über Euro-Retter und Boni-Banker: „Es ist nötig und richtig, die Gehaltsexzesse zu stoppen“, sagt er. „Manches ist da aus dem Ruder gelaufen.“

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Herr Wenning, Sie kehren zwei Jahre nach der Pensionierung als Aufsichtsratschef zu Bayer zurück. Sind Sie gut abgekühlt nach der gesetzlich verordneten Zwangspause?

Ich fühle mich auf guter Betriebstemperatur, denn ich hatte in der Zwischenzeit noch einige andere interessante Aufgaben.

Wohl wahr: Außer Bayer sind Sie in den Aufsichtsräten von Eon, Deutscher Bank, HDI und Talanx sowie in den Gesellschafterausschüssen von Henkel und Freudenberg. Gibt es mächtigere Aufsichtsräte in Deutschland?

Der Begriff „Macht“ ist nicht angemessen, ich rede lieber von Verantwortung im Zusammenhang mit meinen Mandaten. Natürlich stellt sich die Frage, wie ich mein Portfolio künftig gestalte - um diese Frage vorweg zu nehmen.

Was ist die Antwort?

Mein Portfolio wird sich verändern: Es werden insgesamt sicher nicht mehr Mandate, da ich jeder Aufgabe gerecht werden möchte. Ich mag es nicht, unvorbereitet zu sein. Das kostet mitunter Zeit. Aber ich möchte wissen, was in Sitzungen auf mich zukommt.

Müssen Sie viel nacharbeiten bei Bayer? Haben Sie viel verpasst in den vergangenen zwei Jahren?

Nein, fast 45 Jahre Bayer, das lässt man nicht links liegen. Vom Herzen her war ich ohnehin nie weg.

Sie haben sehr mit dem neuen Gesetz gehadert, wonach Konzernchefs zwei Jahre pausieren sollen, ehe sie den Nachfolger kontrollieren. Haben Sie sich inzwischen damit angefreundet?

Nein, ich halte das nach wie vor für eine überflüssige Regulierung. Das Entscheidende für einen Aufsichtsrat ist doch, dass er das Unternehmen versteht und zum Beispiel die Strategie beurteilen kann.

Dagegen spricht, dass der Ex-Chef dem Neuen Steine in den Weg legt, wenn der das Erbe antastet.

Wenn sich alle an die Spielregeln halten, besteht diese Gefahr nicht. Schauen Sie Bayer an: Als ich 2002 Vorstandsvorsitzender wurde, haben wir tiefgreifende Änderungen beschlossen und umgesetzt - mit meinem direkten Vorgänger Manfred Schneider im Aufsichtsrat. Auch insofern bin ich dafür, die „Abkühl“-Periode wieder abzuschaffen.

Wie viel Zeit stecken Sie heute in Ihre Aufsichtsratsarbeit?

Ich habe mir vorgenommen, vier Tage die Woche für meine Mandate da zu sein. Einen Tag und das Wochenende möchte ich gerne freihalten. Das schaffe ich leider nicht immer.

Sie hatten beim Abschied versprochen, sich mehr um die Enkel zu kümmern: Füllen Sie die traditionelle Großvaterrolle aus?

Was heißt schon traditionell? Ich verbringe sehr gerne Zeit mit meinen Enkeln. Das ist einfach schön! Und ich bin dafür bekannt, dass ich am besten rechnen kann in der Familie. Mein ältester Enkel, gerade in der zweiten Klasse, rechnet gerne mit mir - und ich sehr gerne mit ihm.

Sie haben Mandate im Finanzwesen wie in der Industrie. Auf welcher Seite stehen Sie im Gefecht Realwirtschaft gegen Banker?

Vieles an der Kritik aus der sogenannten Realwirtschaft ist berechtigt. In den vergangenen Jahren hat sich mancher Ärger aufgestaut, diverse Betrugsfälle, die Libor-Manipulation, das alles hat ihn zusätzlich befeuert. Trotzdem: Nicht an allem sind die Banker schuld, für die Staatsschuldenkrise jetzt sind sie nicht verantwortlich. Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass wir ein funktionierendes Bankensystem brauchen.

In den Banken ist jetzt viel von Läuterung zu hören. Wie glaubhaft sind diese Schwüre?

Im Fall der Deutschen Bank - da rede ich jetzt als deren Aufsichtsrat - bin ich fest davon überzeugt, dass die Doppelspitze einen Kulturwandel herbeiführen wird. Man sollte Anshu Jain und Jürgen Fitschen diesen Kredit geben, aber das wird Zeit brauchen. Die Chemieindustrie hatte in den 70er Jahren ebenfalls ein schlechtes Image. Es hat damals etliche Jahre gebraucht, bis sie wieder zu Ansehen gekommen ist. Dafür wurde viel getan, Milliarden investiert und der Ruf Stück für Stück verbessert. Die Distanzierung zur Finanzindustrie ist im Moment jedenfalls noch sehr ausgeprägt.

So stark, dass hochrangige Manager gefordert haben: Zerschlagt die Großbanken, die Deutsche Bank vorneweg. Trennt die Zocker vom klassischen Geschäft.

Mich hat die ein oder andere Aussage schon überrascht. Die Industrie ist angewiesen auf die Dienstleistungen der Investmentbanken, nicht auf die Verrücktheiten aus dem Kasino, aber auf die anderen Leistungen. Die Konzerne der Realwirtschaft fahren besser mit einer Universalbank, mit allen für sie nötigen Leistungen unter einem Dach.

Ein Grund für den Zorn auf die Banker ist die irrsinnige Bezahlung. Haben die Investmentbanker zu viel verdient all die Jahre?

Das Boni-System mit den kurzfristigen Anreizen hat mit Schuld an den Verwerfungen, die wir gesehen haben - das stimmt. Es sind sehr viele relativ junge Menschen an Bezüge gekommen, die für uns in dem Alter unvorstellbar waren. Es ist nötig und richtig, die Gehaltsexzesse zu stoppen: Manches ist da aus dem Ruder gelaufen.

Sie würden die Boni deckeln?

Ja. Ich bin für Caps, also klar definierte Obergrenzen.

So weit will die Doppelspitze in der Deutschen Bank nicht gehen.

Das weiß ich nicht. Die Deutsche Bank will ein externes Panel einsetzen, um die Objektivität von Dritten einzubringen. Mancher Vorschlag überzeugt eher, wenn er von außen kommt. Viele Unternehmen haben Caps, Systeme, wo man genau weiß: Was ist das Maximum, das jemand verdienen kann, wenn 100 Prozent aller Ziele erreicht werden?

Wo sollte dieses Maximum liegen?

Kein Manager, auch kein Banker, muss zweistellige Millionenbeträge verdienen.

Fürchten Sie nicht, dass die besten Talente dann abhauen? Investmentbanker kassieren in guten Jahren ein Mehrfaches.

Ach was, das ist die Argumentation von gestern. Die Welt hat sich verändert, auch das Investmentbanking. Wir reden heute von Entlassungen, Boni werden überall angepasst. Der Wettbewerb ist keine ausreichende Begründung mehr, mit astronomischen Boni zu locken.

Ist ausgerechnet der Star-Investmentbanker Anshu Jain der Richtige, solch einen Kulturwandel voranzutreiben?

Davon bin ich überzeugt. Man braucht Leute, die aus diesem Umfeld kommen, die wissen, was schiefgelaufen ist. Manager, die aus eigener Überzeugung sagen: So geht es nicht weiter, die sich selbst korrigieren und die Dinge ändern. Herr Jain hat gesagt, man muss den Kontrakt mit der Gesellschaft erneuern - eine sehr bemerkenswerte und meiner Ansicht nach auch glaubwürdige Äußerung.

Sie haben diverse Chefwechsel verfolgt. Ist es irgendwo verkorkster gelaufen als in der Deutschen Bank mit der Ackermann-Nachfolge?

Es hätte sicherlich besser laufen können.

Wer hat Schuld an dem Schlamassel?

Wir tun der Bank nichts Gutes an, wenn wir in der Vergangenheit graben: Lasst uns nach vorne schauen. Die schließlich gefundene Lösung mit der Doppelspitze ist sehr gut.

Was sind akut die größten Herausforderungen für Deutschlands Manager? Wovor haben sie den meisten Respekt?

Aktuell überragt die Euro-Krise, in die wir überhaupt erst hineingekommen sind durch eine Folge von Rechtsbrüchen. Hätten sich zum Beispiel alle an den Maastricht-Vertrag gehalten, wären wir heute nicht in dieser Lage. Das gibt mir sehr zu denken.

Was ist Ihr Tipp: Wird der Euro überleben?

Das hoffe ich - und damit rechne ich auch. Den Euro zu bewahren hat allerhöchste Priorität. Strittig ist der Weg: Wie stellen die Länder im Süden ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder her? Das Mittel der Vergangenheit, Abwertung der Währung, steht in einer Währungsunion nicht mehr zur Verfügung. Der andere Weg, interne Abwertungen etwa über sinkende Löhne, sinkende Pensionen und steigende Steuer ist hart: Werden die betroffenen Regierungen dies durchsetzen gegen den Druck der Straße?

Sie glauben eher nicht?

Ich bin zumindest skeptisch, dass das klappt, schon wegen der Erfahrungen in der Vergangenheit. Als ich im April 1992 für Bayer nach Spanien wechselte, war es dort richtig teuer. So teuer, dass ich schon gezweifelt habe, ob ich mein Gehalt richtig verhandelt habe - Spanien war absolut nicht konkurrenzfähig. Noch im selben Jahr kam die Abwertung: circa minus 35 Prozent. Doch die grundlegenden Probleme ist man nicht angegangen.

Wenn das so ist und die Wettbewerbsfähigkeit auseinanderdriftet, wäre es dann nicht klüger, die Währungsunion aufzulösen?

Nein, wie gesagt: Der Erhalt des Euro hat höchste Priorität.

Ohne Rücksicht auf Verluste?

Eins ist sicher: Es wird Deutschland etwas kosten. So oder so. Aber vergessen wir nicht: Deutschland als Exportnation, die 40 Prozent der Güter in den Euroraum ausführt, hat einen großen Vorteil durch die gemeinsame Währung.

So spricht die Exportindustrie, die vom Euro profitiert. Zahlen für deren Rettung muss der Steuerzahler: Ist das gerecht?

Ich kann da bei bestem Willen keinen Interessengegensatz erkennen. Wenn die Industrie Gewinne macht, Beschäftigung schafft und Steuern zahlt, dann hilft das allen. Unterm Strich hat Deutschland als Ganzes einen Nutzen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Kanzlerin als Krisenmanagerin?

Die Vorgehensweise von Frau Merkel ist aller Unterstützung wert. Sie hat das Prinzip durchgesetzt: Hilfe nur gegen Gegenleistung. Ohne sie wären heute schon Entscheidungen gefallen, die viel weniger akzeptabel gewesen wären - eine Vergemeinschaftung der Schulden durch Eurobonds etwa.

Gleicht das den Ärger aus über den überfallartigen Ausstieg aus der Atomkraft? Wie stark hadern Sie damit als Aufsichtsratschef von Eon?

Die Energiewende ist von der Gesellschaft gewollt. Punkt. Jetzt wird sie umgesetzt. Und Eon wird bei der Gestaltung eine führende Rolle spielen.

Das Gespräch führte Georg Meck.

Quelle: F.A.S.
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