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Veröffentlicht: 16.04.2013, 11:53 Uhr

Wegen Personalmangel Rosige Zeiten für Lehrer

Den Schulen fehlt es an Personal. Lehrer sind deshalb so umworben wie nie: Bayern lockt mit Geld, Hamburg mit weniger Unterrichtsstunden. Finanzschwache Länder können kaum mithalten.

von
© Laif Junge Naturwissenschaftler sind in deutschen Schulen heiß begehrt

Roland Kern (Name geändert) wird ihnen fehlen, den Schülern des Berliner Gymnasiums. Kern ist jung, an seiner Schule beliebt, er unterrichtet Mathematik und Sport. Allerdings nicht mehr lange in der Hauptstadt. Im Sommer zieht er nach Hamburg, dorthin, wo die Schulverwaltung händeringend Lehrer sucht. Vor allem in Mathematik. Mit ihren guten Konditionen hat die Hansestadt Berlin einiges voraus. „Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder“, sagt Kern. In Hamburg winken dem bisher nur angestellten Lehrer die Verbeamtung und ein besseres Gehalt. Kern will nicht mehr nur angestellt und damit gegenüber verbeamteten älteren Kollegen ein Pädagoge zweiter Klasse sein.

Inge Kloepfer Folgen:

So einer wie Kern mit der Fächerkombination Mathematik und Sport ist gefragt - deutschlandweit. In der Bundesrepublik hat der Kampf um die Lehrer längst begonnen. Überall fehlen sie, auch wenn die Kultusminister das im Einzelnen nicht gerne eingestehen. In Bayern manifestiert sich ein erheblicher Mangel an Lehrern für die Mittelschulen und Berufsschulen, in Sachsen-Anhalt sollen Lehrer künftig mehr arbeiten, um Lücken zu füllen. In Nordrhein-Westfalen fehlen derzeit Schuldirektoren. In Hamburg steigen die Schülerzahlen, was mehr Lehrer erforderlich macht. Und in Berlin gelingt es kaum, eine funktionierende Lehrerreserve vorzuhalten.

Länder sparen an Lehrern

Klickt man sich durch die Seiten der Bildungsverwaltungen der Bundesländer, dann findet man fast überall bei den ausgeschriebenen Stellen, dass auch Quereinsteiger höchst willkommen sind, weil die Universitäten offenbar nicht genügend Nachwuchs produzieren. Ganz düster sieht es an den Berufsschulen aus. Hier konstatiert sogar die Kultusministerkonferenz einen gravierenden Mangel an Pädagogen und spricht von einer „schwierigen Situation“ bis 2020. Ausgerechnet in der Berufsausbildung, dem Rückgrat der deutschen Industrie, fehlen die Lehrer in Fächern wie Metall-, Elektro- und Informationstechnik.

Infografik / Der Lehrermangel wird spürbar Altersstruktur an allgemeinbildenden Schulen, Lehrerbedarf an Berufsschulen und Lehrerbesoldung nach Ländern © F.A.Z. Bilderstrecke 

Genaue Prognosen über die Entwicklung am Lehrermarkt sind schwierig. „Wenn, wie auf dem Bildungsgipfel 2008 beschlossen, trotz langfristig sinkender Schülerzahlen das Geld der Länder in den Schulen bleibt, dann haben wir im Saldo bis zum Jahr 2020 weniger Lehrer auf dem Markt, als wir brauchen“, sagt Bildungsforscher Klaus Klemm. Er ist Experte für den Lehrerarbeitsmarkt und hat schon vor Jahren die Republik mit einer Schreckensmeldung über die Altersstruktur der rund 700.000 Lehrer in Deutschland aufgeschreckt. 2009 hatte Klemm eine Pensionierungswelle von rund 300.000 Lehrern bis zum Jahr 2020 prognostiziert, die heute bereits im vollen Gange ist. „Bliebe das Geld im System, dann müssten nämlich alle freiwerdenden Stellen wieder besetzt werden, und Deutschland brauchte in den nächsten Jahren jährlich mehr als 30.000 neue Lehrer“, sagt Klemm. Diese Anzahl würden die Hochschulen derzeit nicht bereitstellen können. Die Länder aber seien gar nicht unbedingt bereit, zu ihrem Versprechen von 2008 zu stehen. Sie müssen sparen und tun das auch an Lehrern. Dadurch wird der statistische Mangel, also die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage, automatisch geringer, nicht aber das Gefühl von Schulleitern, Lehrern, Eltern und Schülern, dass es vorne und hinten nicht reicht.

Finanzschwache Länder haben das Nachsehen

„Der Lehrermangel fällt darüber hinaus auch noch regional, nach Fächern und Schulformen sehr unterschiedlich aus“, sagt Klemm. Im Osten Deutschlands stiegen die Schülerzahlen. Aber es gebe kaum Lehramtsstudenten. Die jungen Leute hätten nämlich vor Jahren, als kaum Lehrer eingestellt wurden, prozyklisch reagiert und sich nicht mehr für das Lehramtsstudium immatrikuliert. Im Westen stellt sich die Lage etwas ausgeglichener dar. Eklatant ist allerdings das zu geringe Angebot an Lehrern für Mathematik, Chemie, Physik und die technischen Fächer an den Berufsschulen - und zwar bundesweit. In der Gesamtstatistik fällt das zwar nicht so ins Gewicht, weil nicht nach Fächern differenziert wird und die Überzahl an Deutsch- und Geschichtslehrern die Knappheit an Mathe-Lehrern überkompensiert. Aber alle, die Schule organisieren, spüren den Mangel tagtäglich deutlich.

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