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Warschau : Entsorgter Umweltminister soll Klimagipfel retten

Braucht jetzt viel Verhandlungsgeschick: Marcin Korolec Bild: AFP

Während des Klimagipfels in Warschau wird Marcin Korolec seinen Posten als polnischer Umweltminister los. Doch an diesem Freitag soll nun ausgerechnet er in letzter Minute die Verhandlungen retten.

          Es war wohl sein schwerster Gang. Am Mittwoch musste Marcin Korolec auf einer rasch einberufenen Pressekonferenz um seine Integrität als Gastgeber des an diesem Freitag offiziell endenden Weltklimagipfels COP19 in Warschau kämpfen. Kurz zuvor hatte ihn Premierminister Donald Tusk im Zuge einer großangelegten Kabinettsumbildung als Umweltminister abgesetzt. Was für eine Schmach!

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Doch Politik bedeutet auch die Kunst, selbst der größten Niederlage etwas Gutes abzugewinnen. Also betonte der 43 Jahre alte Korolec, dass er ja noch bis zum kommenden Mittwoch im Range eines Ministers dienen werde und Tusk ihn darüber hinaus als Klimabeauftragten der Regierung im Amt lasse. „Ich bin nun in der Lage, mich voll auf Klimapolitik zu konzentrieren“, versprach Korolec.

          Korolec gilt den meisten Umweltaktivisten als rotes Tuch

          Diese Ankündigung dürfte mancherorts als Drohung aufgefasst worden sein. Denn niemand hat auf europäischer Bühne Polens Image als Bremser in Sachen Klimaschutz so verkörpert wie Korolec. Das Scheitern ehrgeiziger Zielvereinbarungen wird auf Polens Unwillen zurückgeführt, die Abhängigkeit von heimischer Kohle schneller zu reduzieren. Während viele Mittel- und Osteuropäer sein Anliegen unterstützen, den ökonomischen Aufholprozess nicht durch immer neue und detaillierte Klimaauflagen auf Brüssel zu gefährden, gilt Korolec für die meisten Umweltaktivisten als rotes Tuch. Manche fürchten den schlanken, hochgewachsenen Mann mit den markanten Zügen sogar als Verhandlungspartner: Sein Blick ist durchdringend, er lächelt selten, redet stoisch und wägt seine Worte sorgfältig ab.

          Es gebe heute ein viel größeres Verständnis für die polnischen Positionen in Brüssel als noch vor ein paar Jahren, hatte Korolec noch vor kurzem im Gespräch mit der F.A.Z. gesagt. Die hohe Arbeitslosigkeit in vielen EU-Staaten habe die Einsicht beflügelt, dass Klimaschutz nicht auf Kosten von Wirtschaftskraft und Arbeitsplätzen gehen dürfe. „Polen hat als einziges Land selbst während der Finanzkrise eine wachsende Wirtschaft gehabt und trotzdem seine Schadstoffemissionen um 32 Prozent gesenkt“, sagte der Jurist, der auch schon stellvertretender Wirtschaftsminister gewesen ist. „Das ist ein gewaltiger Erfolg.“

          Seine Forderung: Europa kann gemeinsame Reduktionsziele festlegen, aber den Weg dahin sollte doch jedes Land im Sinne der Subsidiarität selbst festlegen dürfen. Es brauche keine europäischen Instrumente, schon weil die Voraussetzungen etwa in einem Atomkraftland wie Frankreich und Polen, das mehr als 90 Prozent seiner Energie noch immer aus Kohle gewinnt zu unterschiedlich seien. Zudem müsse Europa seine Verhandlungstaktik ändern. Es bringe nichts, mit gutem Beispiel voranzugehen, wenn der Rest der Welt nicht folgt.

          Die knallharte Vertretung polnischer (Wirtschafts-)Interessen hat Korolec jedoch nicht vor wachsendem innenpolitischen Druck geschützt. Dass vor allem ausländische Investoren so zögerlich bei der Erkundung polnischer Schiefergasvorkommen agieren, weil aus dem Umweltministerium noch immer kein Rahmengesetz vorliegt, soll Premier Tusk mächtig verärgert haben. Während in Nordamerika der Schiefergasboom für günstige Energiepreise und eine Reindustrialisierung sorgt, steht Polen noch immer in den Startlöchern. Bis Ende dieses Jahres hatte Korolec versprochen zu liefern. Schiefergas ist einer der großen Hoffnungswerte für Polens künftigen Energiemix. Das Land sitzt Schätzungen zufolge auf enormen Vorkommen. Um aber zu wissen, welche Vorkommen wirtschaftlich auszubeuten sind, benötigt es mehrere hundert Probebohrungen, von denen eine rund 15 Millionen Euro kostet. Verständlich, dass Investoren da eine Garantie haben wollen, um im Erfolgsfall auch die spätere Förderkonzession zu erhalten.

          Neben der ersehnten Unabhängigkeit von Russland und einem starken wirtschaftlichen Impuls nährt das Gas auch die Hoffnungen auf sinkende Schadstoffemissionen. Bezeichnenderweise war eine der ersten Aussagen von Maciej Grabowski, Korolecs designiertem Nachfolger im Umweltministerium und übrigens ein Ökonom, dass die Schiefergasförderung für ihn nun oberste Priorität besitze.

          Für Korolec, der in seiner Freizeit gerne lange Strecken läuft, bleibt nun nur noch der Klimamarathon als Herausforderung. Ausgerechnet am entsorgten Umweltminister ist es nun, in der Schlussphase des Warschauer Gipfels nach dem Rückzug der Nichtregierungsorganisationen die Zügel der Verhandlungen in die Hand zu nehmen. Wenn am Ende um Detailformulierungen gerungen wird, sind geschicktes Taktieren und ein gutes Händchen für die Auswahl der Gesprächspartner gefragt, um aus den Interessen von 193 Teilnehmerstaaten doch noch ein vorzeigbares Ergebnis zu schmieden. Die Erwartungen an Warschau waren schon im Vorfeld gering. Es gehe darum, die Weichen zu stellen, damit 2015 in Paris ein neues Weltklimaabkommen vereinbart werden kann. Die Personalie Korolec hat selbst an diesem Minimalziel noch Zweifel aufkommen lassen.

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