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Digitalisierter Arbeitsmarkt : Die Chancen der „Gig-Economy“

Alles mögliche kann heutzutage geliefert werden. Angestellte solcher Plattformen nutzen dies meist als kleinen Nebenverdienst. Bild: dpa

Fest angestellt sind Lieferanten von Online-Plattformen wie Uber meist nicht. Ihre Arbeitskräfte abzusichern, kann sich für Vermittlungsdienste jedoch lohnen.

          Ist in Deutschland von der „Gig-Economy“ die Rede, geht die Erzählung oft wie folgt: Nach dem Vorbild des amerikanischen Fahrtenvermittlers Uber entstehen immer mehr Plattformen, die einem auf Wunsch das Mittagessen oder das gebügelte Hemd liefern, den Kühlschrank füllen oder eine Reinigungskraft vorbeischicken.

          Ihre Arbeitskräfte sind in der Regel nicht festangestellt, sondern werden je Auftrag (Gig) bezahlt. Sie haben dementsprechend kein festes Einkommen und sind nicht für den Krankheitsfall oder das Alter abgesichert. Deutschland, so gipfelt das Bedrohungsszenario, drohe daher ein Heer digitaler Tagelöhner.

          Es übersieht zweierlei: Zum einen, dass die neuen Geschäftsmodelle den Arbeitskräften viele Freiheiten ermöglichen. Sie entscheiden selbst, wie viel sie arbeiten und wann sie welche Aufträge annehmen. Weil in Deutschland vielerorts nahezu Vollbeschäftigung herrscht, dürfte die Not, sich auf unattraktive Arbeitsverhältnisse einzulassen, ohnehin nicht allzu weit verbreitet sein.

          Wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert

          Stattdessen können Tätigkeiten in der „Gig-Economy“ zum Nebenerwerb zusätzlich zu der eigentlichen Stelle werden. Zum anderen macht die Digitalisierung es leichter, innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln: Eine gute Idee und einen Programmierer, viel mehr braucht es dazu erst mal nicht. Die Chance des Aufstiegs ist ebenso Teil der Sozialen Marktwirtschaft wie die soziale Absicherung, das sollte man über den Bedrohungsszenarien nicht vergessen.

          Daher lohnt ein differenzierter Blick darauf, wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Denn es stimmt ja, dass sich die Beziehungen zwischen Unternehmen und Arbeitskräften wandeln. In den Vereinigten Staaten ist das schon deutlicher zu spüren, wobei die Wirtschaftskrise 2009 das Land auch besonders hart traf und viele Menschen aus der Not heraus begannen, freiberuflich zu arbeiten.

          Zudem ist im Falle einer Festanstellung das Ausmaß der sozialen Absicherung nicht mit der in Deutschland zu vergleichen. Doch auch hierzulande breitet sich das Phänomen aus. Das Putzkräfteportal Helpling etwa betont gerne, dass es kein Reinigungs-, sondern ein Softwareunternehmen sei, das nur die Plattform zur Verfügung stellt. Ähnlich argumentiert Uber, das sich ebenfalls nicht als Fahrdienst versteht.

          Die Zukunft der Sozialversicherung auf dem digitalen Markt

          Und auch der Essenslieferdienst Deliveroo, der derzeit Fahrer mit großen Thermo-Rucksäcken durch die Großstädte schickt, sucht seinen Stellenausschreibungen zufolge Fahrer, die selbständig oder auf Midijobbasis tätig sind. Diese Unternehmen sehen sich als Vermittler von Dienstleistungen, nicht als Arbeitgeber im klassischen Sinne.

          Wie sollte man darauf reagieren? Diese Frage stellt sich gerade in Deutschland, wo die Beiträge zu den Sozialversicherungen paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern finanziert werden. Ein guter Schritt ist es sicher, dafür zu sorgen, dass Selbständige besser für das Alter vorsorgen, wie es die große Koalition nun plant.

          Viele allein tätige Selbständige verdienen so wenig, dass sie nicht von sich aus etwas zurücklegen, so dass im Alter die Gemeinschaft in Form der Grundsicherung für sie eintreten muss.

          Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen

          Doch sollte man das Thema viel grundsätzlicher angehen und die Vermittlungsplattformen darin bestärken, Verantwortung für ihre Arbeitskräfte zu übernehmen. Das muss gar nicht so weit gehen, dass man sie dazu zwingt, ein paar Euro mehr je Auftrag oder Stunde zu zahlen, die dann in die Sozialversicherungen fließen, wie es der amerikanische Autor Steven Hill fordert.

          Vielmehr haben die Unternehmen ein ureigenes Interesse an zufriedenen Mitarbeitern, schließlich sind diese oft der einzige echte Kontakt der Plattformen zum Kunden. Wer bekommt schon gerne seine Pizza von grimmigen Lieferanten in die Hand gedrückt? Oder beschäftigt eine unfreundliche Putzfrau? Die Plattformen haben nicht nur einen moralischen Anreiz, sich um ihre Arbeitskräfte zu kümmern – es kann sich für sie auch finanziell auszahlen.

          Einige Start-ups in Amerika haben das erkannt und sind dazu übergegangen, ihre Mitarbeiter fest anzustellen. So etwa das Reinigungsportal My Clean, der Butler-Service Alfred oder Parcel, das für seine Kunden Pakete entgegennimmt. Zwar sind so die Personalkosten der Unternehmen deutlich gestiegen. Doch sie argumentieren, dass die zusätzlichen Umsätze noch stärker zugelegt haben und diese Kosten wieder wettmachen.

          Selbst wenn diese Unternehmen Ausnahmen bleiben sollten, gibt es für die neuen Vermittlungsdienste immer noch Möglichkeiten, für ihre Mitarbeiter mehr als nur das Minimum zu tun, ohne sie gleich fest anzustellen. Denkbar sind höhere Löhne, Fortbildungen oder Beiträge zu einer Krankenversicherung oder Altersvorsorge.

          Auch das kann sich für sie lohnen. Schließlich bringt die Digitalisierung auch eine nie dagewesene Transparenz mit sich. In einer Zeit, in der von der Amazon-Bestellung über die Ferienwohnung bis zum Uber-Fahrer alles online bewertet wird, können inzwischen auch Arbeitskräfte die Vermittlungsportale bewerten, für die sie tätig sind. So sind die Anbieter, die ihren Mitarbeitern am meisten bieten, für jeden leicht zu identifizieren.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

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          Quelle: F.A.Z.

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