Home
http://www.faz.net/-gql-78bj9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Vogelgrippe in China Mit Isatiswurzeln gegen das tödliche Virus

Die neuen Fälle von Vogelgrippe in China wecken böse Erinnerungen und verhageln manchem Markthändler das Geschäft. In den Apotheken wuchs dagegen die Nachfrage nach der vermeintlichen Wunderwurzel Isatis.

© AFP Vergrößern Die Geschäfte mit Geflügel laufen schlecht in China

„Ich verkaufe nur halb so viele Eier wie früher“, murrt Mo Junpu, ein Verkäufer auf dem Donghuashi-Markt in Peking. Er macht gerade noch 500 Yuan Umsatz am Tag, etwa 60 Euro. „Die Leute haben Angst vor der Vogelgrippe, also bleibe ich auf meinem Zeug sitzen.“ Empört schüttelt Mo den Kopf. Die Preise senken kann er nicht, der Großhändler spielt nicht mit. Mo hat seine Ware hübsch aufgestapelt. Jene ganz links stammen angeblich von freischarrenden Glucken. Das Pfund kostet 12 Yuan, 1,50 Euro. Die große Pyramide daneben besteht aus normalen Hühnereiern zu 4,80 Yuan je Pfund, 0,60 Euro. Rechts folgen die großen Exemplare der Enten. Davor steht ein Karton mit Taubeneiern, hinten die kleinen fleckigen der Wachteln.

23960886 © AP Vergrößern In der Nähe einer geschlossenen Geflügelfarm bewegen sich viele Menschen nur noch mit Atemschutzmasken im Freien.

Christian Geinitz Folgen:    

Am Geflügelstand nebenan flucht Jiang Meihua. Zwei Drittel weniger Umsatz mache sie seit Ausbruch der Vogelgrippe, schimpft Jiang. Die Menschen seien hysterisch, schließlich trete das Virus H7N9 mehr als 1000 Kilometer südlich auf. Tatsächlich beschränkt sich die Krankheit bisher auf Schanghai und drei umgebenden Provinzen. Bekannt sind erst 38 Fälle am Menschen, 10 Personen sind gestorben. Dennoch zeigen sich viele Chinesen verunsichert. Sie misstrauen den Behörden, die bei Lebensmittelskandalen und Epidemien oft spät und unzureichend informieren. Am schlimmsten war es vor zehn Jahren, als die Atemwegserkrankung SARS Teile des Landes und seiner Wirtschaft lahmlegte.

Die Arzneimttelhersteller profitieren

„Die Lage mit damals zu vergleichen, ist verfrüht“, urteilt Sun Jianbo, Analyst im Wertpapierhandelshaus China Galaxy Securities in Peking. „Aber natürlich müssen wir wachsam sein.“ Jede Massenverunsicherung treffe die Wirtschaft, unabhängig von der wirklichen Gefahr. Darunter leiden etwa die Fluggesellschaften, deren Aktienkurse nach Bekanntgabe der ersten Fälle stark sanken. „Das war reine Panik, wir haben nicht weniger Passagiere oder Fracht als sonst“, versichert Wang Kai von der Abteilung für Anlegerinformationen von Air China. Die neuen Buchungen liefen ebenfalls normal. Ähnlich Beschwichtigendes ist von Quanjude zu hören, einer Restaurantkette für Peking-Enten.

Wertpapierfachmann Sun erwartet indes, dass die Unsicherheit noch zunehmen könnte. Betroffen seien dann das Gast- und Hotelgewerbe, der Fremdenverkehr, öffentliche Transportmittel und natürlich die Geflügelfleischindustrie. Profitieren dürften hingegen Arzneimittelhersteller, Produzenten von Schutzkleidung sowie anderer Fleischarten. Wie bei SARS könnte der Individualverkehr steigen. Damals wurden besonders viele Elektroräder und Stadtautos verkauft. „Die negativen Effekte werden aber überwiegen“, glaubt Sun.

Wegen Vogelgrippe sinkt der Sojapreis

Wie hoch der Rückgang sein könnte, will niemand beziffern. Immerhin gibt die Bank of America in Hongkong einen Anhaltspunkt. „Die Situation scheint ernster zu sein als bei früheren Fällen von Vogelgrippe“, sagt Bank-Analyst Hu Weijun. SARS habe Chinas Wachstum in einem Quartal 2 Prozentpunkte gekostet. In Analogie dazu könnte es nötig werden, die Vorhersage für das zweite Quartal 2013 von 8,1 auf weniger als 8 Prozent zu verringern. „Aber nur, wenn die Sache wirklich viel schlimmer wird“, wie Hu versichert. Immerhin: Falls das eintritt, würden fast 12Milliarden Yuan (1,5 Milliarden Euro) weniger erwirtschaftet als ohne Grippe.

A woman, wearing a mask, rides past a KFC restaurant in Shanghai © REUTERS Vergrößern Seit den neuen Meldungen zum H7N9 Virus gibt´s bei KFC in China öfter mal „drive-by“ als „drive-in“

Die ersten Unternehmen melden bereits Einbußen. Dazu gehört Yum Brands, die amerikanische Muttergesellschaft der Schnellrestaurantketten KFC und Pizzahut. „In der vergangenen Woche ist KFC mit der Vogelgrippe in China in Verbindung gebracht worden, das hatte einen signifikant negativen Effekt auf den Verkauf“, teilt der Konzern mit. Nach einer Stagnation im Februar ist der KFC-Umsatz in China im März um 16 Prozent gefallen. Allerdings ist unklar, wie viel des Rückgangs der Vogelgrippe geschuldet ist. KFC leidet auch unter Chemikalienfunden im Hähnchenfleisch.

Unwohl ist derzeit auch dem Agrarkonzern Wilmar aus Singapur. Wegen der Geflügelkrankheit importiere China als größter Verbraucher der Welt weniger Sojabohnen. Erstmals seit 2004 könnte der Import 2013 sinken, hieß es. Die Bohnen werden an Geflügel verfüttert, das Öl zum Braten genutzt. An den Warenbörsen fällt deshalb der Sojapreis.

Atemschutzmasken gehen immer

Es gibt aber auch Profiteure der Unsicherheit. Einer heißt Supermax und ist der zweitgrößte Hersteller von Gummihandschuhen in Malaysia. Wegen der Vogelgrippe werde das Unternehmen geradezu „überschwemmt“ mit Bestellungen aus China, meldet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Frohlocken können zudem die Hersteller einiger Arzneien, vor allem jene der Traditionellen Chinesischen Medizin. Der Aktienkurs des Unternehmens Yiling, das ein angeblich wirksames pflanzliches Mittel namens Lianhua Qingwen herstellt, ist stark gestiegen

Mehr zum Thema

Ähnliches zeigt sich in einer Apotheke in der Nähe der unglücklichen Geflügelhändler des Donghuashi-Markts. Nachdem im Internet das Gerücht aufkam, die Wurzel des Kreuzblütengewächses Waid (Isatis) schütze vor einer Ansteckung, kauften viele Kunden das entsprechende Pulver. „Aber der Ansturm hat sich schon wieder gelegt“, sagt die Apothekerin Zhang Shuzhi und zuckt mit den Schultern. Was sie weiterhin reichlich verkaufe, seien Atemmasken. „Aber das liegt eher an der schlechten Luft als an der Grippe.“

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kartenmonopol Dürfen die Chinesen bald mit Visa zahlen?

In China geben die Banken nur eine Kreditkarte aus: mit Unionpay können Chinesen sogar im Frankfurter Kaufhof bezahlen. Nun könnte das Kartenmonopol aufgebrochen werden – vielleicht. Mehr Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai

30.10.2014, 07:02 Uhr | Wirtschaft
Kampf gegen Ebola dauert an

Aus Sierra Leone und Guinea werden neue Fälle von Ebola gemeldet. Gerade an Orten mit vielen Menschen ist die Ansteckungsgefahr dort derzeit groß. Je nach Art der Infektion kann der Virus in bis zu 90 Prozent der Fälle tödlich sein. Mehr

29.05.2014, 23:23 Uhr | Gesellschaft
Heiratsmarkt Chinesinnen wollen den erschwinglichen Mann

Chinesische Frauen ändern bei der Partnerwahl ihre Präferenzen: die Männer müssen nicht mehr viel Geld haben, sondern sich um den Partner kümmern und gut kochen können. Mehr Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai

31.10.2014, 06:30 Uhr | Wirtschaft
Ente 2CV

Ente 2CV 6 (innen) Jahrzehnt: 1987 Typ, Name: Ente 2CV 6 Hersteller, Marke: Citroen Mehr

17.07.2014, 15:37 Uhr | Gesellschaft
Seehundsterben in der Nordsee Auf hoher See bleibt man eher gesund

An der Nordseeküste verenden gerade mehr Seehunde als üblich. Die berüchtigte Staupe ist es nach bisherigen Erkenntnissen. Vielleicht eine Variante der Vogelgrippe? Mehr Von Von Georg Rüschemeyer

20.10.2014, 17:39 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.04.2013, 20:44 Uhr

Geld rettet Japan nicht

Von Carsten Germis

Die japanische Zentralbank überrascht die Märkte mit einer noch weiteren Öffnung der geldpolitischen Schleusen. Doch das rettet das Land nicht. Mehr 3 7

Umfrage

Sparen Sie angesichts der niedrigen Zinsen noch?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Womit im Umweltschutz am meisten verdient wird

Deutsche Wind- und Solarenergie sind weltweit gefragt. Das gilt auch für andere Bereiche aus dem Umweltschutz, wie unsere Grafik des Tages zeigt. Mehr

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden