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Veröffentlicht: 26.10.2015, 12:08 Uhr

Zuwanderung Das Geschäft mit den Flüchtlingen boomt

Unterkunft, Lebensmittel oder Kleidung: Die vielen Flüchtlinge wollen versorgt werden. Die Auftragsbücher von deutschen Unternehmen sind voll.

© dpa In Taufkirchen bei München wird eine Traglufthalle als Flüchtlingsunterkunft genutzt.

800.000 Asylbewerber erwartet die Bundesregierung für dieses Jahr. Die Ankömmlinge wollen wetterfest untergebracht werden, müssen mit Kleidung und Lebensmitteln versorgt werden. Für die Versorgung der Flüchtlinge geben Bund und Länder in diesem Jahr und wohl auch in den kommenden Jahren Milliarden aus. Nicht nur bei Baufirmen lassen diese Aufträge die Kassen klingeln.

Der Wohnraum in den Kommunen ist knapp. Viele Städte sind auf der Suche nach Einrichtungen, in denen Flüchtlinge untergebracht werden können. Neulich vermeldeten auch die Container-Hersteller Engpässe bei der Lieferung von Unterkünften. Die Preise schnellten in die Höhe, mehrere Gemeinden sattelten auf Alternativen wie flexible Holzbauten um. Auch Traglufthallen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Über einer festen Bodenplatte wird hierbei eine elastische, luftdichte Hülle aufgeblasen. Betreten wird eine solche Halle über eine Druckschleuse.

Flexible Unterkünfte bei Kommunen beliebt

Das Unternehmen Paranet gehört zu den Profiteuren von der Flüchtlingskrise. Während es früher vor allem Schwimmbäder oder Sportplätze mit Traglufthallen belieferte, kommen nun mehrere Aufträge für die Unterbringung von Flüchtlingen hinzu. Zehn Hallen, in denen mehrere Hundert Menschen untergebracht werden können, hat Paranet bereits in Deutschland errichtet, mehrere davon im Raum München. „Weitere 15 werden die nächsten drei Monate noch folgen“, sagt Geschäftsführerin Erika Wowra. Produktionsstandort für die Traglufthallen ist in Augsburg. Seit rund zwei Jahren hat sich Paranet nach Worten von Wowra auf die Unterbringung von Flüchtlingen vorbereitet und sein Modell „Care Dome“ bei Regierungsvertretern vorgestellt. Die große Nachfrage könne das Unternehmen daher bewältigen: „Wir haben unsere Standardhallen für Flüchtlinge in Teilen bereits vorproduziert.“

Auch beim Zelt-Hersteller Tartler auf dem hessischen Lützelbach gehen normalerweise andere Aufträge ein: Bierfeste, Firmenfeiern, Sportveranstaltungen. Inzwischen interessieren sich viele Kunden für die Zelte als Flüchtlingsunterkünfte. „Die Nachfrage ist schon deutlich spürbar gestiegen“, teilt das Unternehmen mit. Derzeit hat Tartler Zeltanlagen mit 5000 Quadratmetern Fläche in Hanau, Darmstadt und dem Odenwaldkreis vermietet. Trotz der großen Nachfrage will Tartler seine Zelte auch weiterhin nur in der Region aufstellen: „Wir sind bestrebt, nur für den regionalen Bedarf anzubieten und bei Beauftragung auch zu decken.“

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Auf die Baubranche wirkt der Flüchtlingsstrom wie ein Konjunkturprogramm: Die Bundesarchitektenkammer geht davon aus, dass mehr als 400.000 Wohnungen benötigt werden, um die Flüchtlinge dauerhaft unterzubringen. Der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) warnte bei einer Diskussion mit Immobilienfirmen vor Geschäftemacherei mit der Not. Die große Nachfrage habe die Preise für Unterkünfte deutlich ansteigen lassen. „Für ein Schweinegeld gehen jetzt Ladenhüter über die Theke.“ Er appellierte an die Firmen, die Situation nicht auszunutzen, um eine maximale Rendite zu erwirtschaften. „Bitte, ein bisschen ist es eine Situation, wo man Gemeinsinn an den Tag legen muss.“

Aloo Gobi statt Currywurst

Viele Flüchtlingsunterkünfte sind auf Kantinenkost angewiesen. Doch die Gerichte sind oft typisch deutsch. Das verträgt nicht jeder Flüchtling. Der Kantinenkost-Hersteller apetito nimmt für die Belieferung von den Heimen neue Rezepte mit ins Programm. „Aktuell sind wir dabei, neue Gerichte zu entwickeln, die sich speziell auf die Bedürfnisse der Menschen in den Asylbewerberunterkünften ausrichten“, sagte ein Unternehmenssprecher. Neben anderen Gewürzen wie Kurkuma und Koriander geht es bei den Gerichten für die Flüchtlinge auch um das Fleisch. „Die Betreiber der Einrichtungen, die die Mahlzeiten bestellen, achten insbesondere darauf, dass die Gerichte kein Schweinefleisch enthalten.“

Flüchtlingslage im Norden © dpa Vergrößern Dolmetscher sind in der Flüchtlingsbetreuung besonders gefragt.

Auch Übersetzer freuen sich über viele Aufträge von Kommunen und Behörden. Der Münchner Übersetzungsanbieter lingoking, der fast 5000 Dolmetscher und Übersetzer im Netz hat, meldet eine „deutlich gesteigerte Nachfrage.“ „Wir erhalten fast täglich Anfragen von Behörden aus ganz Deutschland, die für eine reibungslose Kommunikation mit den Flüchtlingen auf kompetente Dolmetscher und Übersetzer angewiesen sind“, sagt Vertriebsleiter Friedemann Holland. Einige Sozialämter ließen zur Zeit beispielsweise Willkommensbroschüren in die jeweiligen Muttersprachen der Flüchtlinge übersetzen.

Den Handwerkern ging es auch vor der Ankunft hunderttausender Hilfesuchender in Deutschland schon ziemlich gut - dank boomendem Wohnungsbau und niedriger Immobilienkredit-Zinsen. Für Dachdecker, Sanitär-Betriebe oder Maurer lief es dank des Booms im Wohnungsbau und niedriger Immobilienkredit-Zinsen schon vor dem Flüchtlingsstrom ziemlich gut. Nun bescheren die Flüchtlingsunterkünfte den Dachdeckern, Sanitär-Betrieben oder Maurern viele zusätzliche Aufträge. Gerade in Ballungsräumen wie München führt die Kombination aus dem regen Wohnungsbau und den Flüchtlingsunterkünften zu Engpässen. „Da dürften etliche Überstunden anfallen“, sagt ein Sprecher der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Die bayerischen Zimmerer haben vor wenigen Tagen die Internet-Plattform „Schneller-Wohnraum“ freigeschaltet, auf der Kommunen nach freien Kapazitäten bei Zimmerern suchen können. „Auch mittlere und kleine Betriebe sollen künftig bei der Bewältigung dieser dringenden Bauaufgabe mitmachen“, erklärte der Innungsverband.

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