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Ungebildet und teuer? : Die gefährlichen Vorurteile über Flüchtlinge

Begegnungen: Flüchtlinge bei ihrer Ankunft im sächsischen Haselbachtal-Häslich. Bild: Helmut Fricke

Flüchtlinge sind kriminell und werden vom Staat verwöhnt – Vorurteile dieser Art sind derzeit weit verbreitet. An solchen Unterstellungen ist allerdings nicht viel Wahres dran.

          Bis zu 800.000 Asylbewerber kommen in diesem Jahr nach Deutschland, erwartet die Bundesregierung. Mancherorts reagieren Einwohner mit Protest oder gar schwerem Krawall gegen Flüchtlingsheime, wie im sächsischen Heidenau. Wo Vorurteile Stimmungen schüren, sind Argumente gefragt.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die nehmen unsere Arbeitsplätze weg?

          Noch nie gab es in Deutschland so viele Arbeitsplätze. Das Statistische Bundesamt zählte zur Jahresmitte fast 43 Millionen Erwerbstätige, 170.000 mehr als ein Jahr zuvor. Und die Tendenz ist weiter steigend. Gleichzeitig sind allein bei den Arbeitsagenturen 589.000 offene Stellen gemeldet. Das sind 87.000 mehr als vor einem Jahr. Das garantiert zwar noch nicht, dass an jedem Ort für die vorhandenen Bewerber die passende Stelle verfügbar sind. Doch insgesamt sind die Bedingungen so günstig wie nie. Zudem ist die Arbeitsmenge in einer Volkswirtschaft nicht festgelegt.

          Je mehr Menschen produktiv arbeiten, desto günstiger sind die Voraussetzungen, dass dadurch zusätzlicher Wohlstand und Beschäftigung entstehen. Allerdings kann sich im Bereich einfacher Tätigkeiten der Wettbewerb verschärfen. Umso mehr kommt es darauf an, dass gut ausgebildete Flüchtlinge nicht in Tätigkeiten unter ihrem Qualifikationsniveau gedrängt werden. Die Wirtschaftsverbände sehen gute Chancen: Allein das Handwerk hat gerade noch 27.000 unbesetzte Lehrstellen. Manche Berufe sind für die insgesamt sinkende Zahl inländischer Bewerber nicht erste Wahl wie das Bäckerhandwerk und die Gastronomie.

          Die sind alle ungebildet?

          Das Grundrecht auf Asyl steht Menschen zu, die vor Krieg und Verfolgung fliehen. Anders als bei den Verfahren zur Fachkräfteeinwanderung spielt die Qualifikation der Flüchtlinge im Asylverfahren keine Rolle. Eine amtliche Statistik darüber gibt es deshalb nicht. Allerdings deutet auch nichts darauf hin, dass Flüchtlinge grundsätzlich ein geringes Bildungsniveau haben, im Gegenteil. Kommunalpolitiker berichten, dass gerade Syrer gut gebildet und sehr integrationswillig seien.

          Flüchtlinge am Bahnhof in Rosenheim
          Flüchtlinge am Bahnhof in Rosenheim : Bild: dpa

          „Ich staune, wenn ich mich mit Menschen aus Syrien unterhalte, die sechs Monate hier sind, und mit denen ich mich gut auf Deutsch verständigen kann“, sagt Tübingens Landrat Joachim Walter (CDU). Er denkt nicht, dass er so rasch arabisch lernen würde. Flüchtlinge aus Syrien sind in Deutschland mit einem Fünftel der Anträge die größte Gruppe der Asylbewerber. Wer dort oder im Irak das Geld für die Flucht aufbringt, zählt eher nicht zur unteren Bildungsschicht. Gleichwohl fliehen auch Menschen mit geringer Bildung, die womöglich traumatisiert sind und es sich am Arbeitsmarkt schwertun werden.

          Ein günstiger Faktor ist indes das geringe Alter: Ein Viertel der 200.000 Asylbewerber im Jahr 2014 war zwischen 16 und 25 Jahre alt; Inländer dieses Alters machen dagegen nur ein Zehntel der Bevölkerung aus. Und jungen Menschen fällt es im Zweifel leichter, deutsch zu lernen und sich für einen Beruf zu qualifizieren. Einige statistische Hinweise liefern daneben Befragungen im Rahmen eines Förderprogramms zur Vorbereitung auf die deutsche Arbeitswelt: Von 16.000 Teilnehmern hatten 87 Prozent die Schule besucht, gut 60 Prozent mindestens neun Jahre lang. 12 Prozent hatten studiert. In einem Modellprojekt von Arbeitsagenturen für neu angekommene Flüchtlinge beschrieben Mitarbeiter diese als motiviert und fleißig: „In ihren Herkunftsländern waren sie Leistungsträger und wollen in Deutschland nicht staatlich alimentiert leben“, heißt es in einer Begleitstudie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

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          Die kriegen eine Luxus-Ausstattung?

          Wer als Flüchtling ankommt, hat Anspruch auf Unterbringung in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Essen, Kleidung und Artikel des täglichen Bedarfs werden durch Sachleistungen gedeckt. Daneben gibt es 143 Euro im Monat Taschengeld für eine Einzelperson. Für Partner sind es 126 Euro, für Kinder je nach Alter 82 bis 90 Euro.

          Später wohnen Flüchtlinge bis zum Ende des Asylverfahrens in Gemeinschaftsunterkünften. Dort erhalten sie für Essen und den täglichen Bedarf oft Geld statt Sachleistungen. Alleinstehende bekommen dann zum Taschengeld weitere 216 Euro. Für Partner und Kinder sind es 133 bis 194 Euro. Flüchtlinge erhalten damit etwas weniger als Hartz-IV-Empfänger. Noch weniger ließe das Bundesverfassungsgericht kaum zu: Wie es 2012 entschied, könnten „migrationspolitische Erwägungen“ keine Rechtfertigung sein, die Leistungen unter das physische und soziokulturelle Existenzminimum zu senken.

          Die sind besonders häufig kriminell?

          Die Hilfsorganisation Pro Asyl urteilt, dass dies statistisch nicht belegbar sei. Die Polizei in Bremen und Berlin hat mitgeteilt, dass sie im Umfeld von Flüchtlingsheimen keine erhöhte Kriminalitätsrate feststellen. Im sächsischen Heidenau ist das anders - was aber an den ausländerfeindlichen Krawallmachern liegt.

          In Heidenau bei Dresden kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen vor einer Flüchtlingsnotunterkunft
          In Heidenau bei Dresden kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen vor einer Flüchtlingsnotunterkunft : Bild: Reuters

          Das kostet viel Geld, das können wir uns nicht leisten?

          Für Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge kommen Länder und Kommunen auf. Der Bund gibt dieses Jahr 1 Milliarde Euro dazu. Welche Kosten entstehen, wird erst später klar. Der Landkreistag rechnet dieses Jahr mit bis zu 8 Milliarden Euro und etwa 10.000 Euro je Asylbewerber. Auch braucht es mehr Personal und mehr Plätze in Schulen und Kindergärten. Der SPD-Politiker Burkhard Lischka verwies zur Finanzierung auf die steigenden Steuereinnahmen. Zudem wirkt der Zuzug der Flüchtlinge auch positiv: Wer bleiben darf, die Sprache lernt und Arbeit findet, verdient eigenes Geld und wird Steuerzahler.

          Quelle: F.A.Z.

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