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Unzufrieden im Alter : Trump und die weißen Männer

Zeichnet Amerika so düster, wie viele weiße Männer es heute sehen: Donald Trump Bild: Reuters

Weiße Männer sind weniger arbeitslos, verdienen mehr Geld und sind gesünder. Trotzdem ist keine Gruppe in Amerika so schlecht gestimmt wie sie – das überrascht.

          Eine Frucht des Fortschritts ist die sinkende Sterberate in Industrieländern. Die Menschen leben von Jahr zu Jahr länger. Das ist seit vielen Jahrzehnten so und galt auch für die Vereinigten Staaten bis 1999. Seitdem nimmt jedoch dort die Mortalität einer Gruppe zu, statt weiter abzunehmen: Weiße im Alter zwischen 45 und 54 sterben häufiger als früher. Dies gilt vor allem für Leute mit geringer Bildung und vor allem für Männer.

          Die Umkehr dieses säkularen Trends ist ein exklusives Phänomen, es trifft keine andere Ethnie oder Rasse in den Vereinigten Staaten. In anderen Industrieländern ist die Trendumkehr auch nicht zu beobachten. Der Wirtschafts-Nobelpreisträger Angus Deaton ist einer der Ersten, die dies herausgearbeitet und sich auf die Suche nach Ursachen gemacht haben. Der Zuwachs in der Sterberate hat schockierende Gründe. Die weißen Männer (im geringeren Maße die weißen Frauen) sterben an Drogenmissbrauch, trinken sich zu Tode oder bringen sich um. Kliniken diagnostizieren Krankheiten der Leber, häufig Folge von Alkoholsucht. All das sind Zeichen, dass sich ältere weiße Männer in den Vereinigten Staaten als unter außergewöhnlichem Druck stehend fühlen.

          Geht es weißen Männern wirklich besser?

          Die nackten Wirtschaftsdaten sprechen gleichwohl eine andere Sprache. „Ich bin ein weißer Mann, wie viele Vorteile kann man sonst noch haben?“, fragt der in Amerika bekannte Komiker Louis CK. Tatsächlich sind Weiße seltener arbeitslos als Schwarze oder Mitbürger aus Lateinamerika, sie verdienen mehr Geld, sie wohnen in besseren Gegenden und sitzen seltener im Gefängnis. Und unterm Strich sind sie auch noch gesünder als die anderen Bevölkerungsgruppen. Zudem beherrschen sie die Politik (jenseits der Ausnahmeerscheinung im Weißen Haus), die Wirtschaft und die Kultur einschließlich Hollywood vor und hinter den Kulissen.

          Warum sind weiße Männer dann bloß so schlecht drauf? Drei von vier sagen, dass sie mindestens einmal am Tag so richtig ärgerlich sind, deutlich häufiger als die Vertreter der anderen Bevölkerungsgruppen. Das ergab eine Umfrage des TV-Senders NBC mit dem Magazin „Esquire“. Weiße geben öfter als schwarze Erwachsene an, ihre finanzielle Lage entspreche nicht dem, was sie sich als jüngere Menschen ausgemalt hatten. Sie geben dabei eher den Umständen die Schuld an dieser Entwicklung als eigenen Fehlentscheidungen. Schließlich glaubt nur noch jeder dritte Weiße an den amerikanischen Traum, also an die Vorstellung, dass es in diesem Land der Möglichkeiten jeder mit harter Arbeit zu etwas bringen kann. Die Schwarzen sind deutlich optimistischer.

          Der weiße ungebildete Mann in Amerika misst sich und sein Fortkommen an seinem Vater. Da blickt er auf eine Generation, die in den wirtschaftlichen Blütejahren der amerikanischen Industrie arbeitete und ein Auskommen fand auch ohne Universitätsdiplom. Sie machte die Erfahrung, dass es von Jahr zu Jahr wirtschaftlich immer etwas besser wurde. Seit Mitte der siebziger Jahre dagegen sinken die Reallöhne der Männer ohne Diplom.

          Abstand zwischen den Weißen und dem Rest mindern

          Schwarze und Latinos messen sich ebenfalls an ihren Vätern, sie schneiden in diesem Vergleich aber eher gut ab. Die Väter der Schwarzen waren Opfer einer oft legalen Diskriminierung in allen Lebensbereichen. Die Väter der Bürger mit lateinamerikanischer Herkunft kamen oft als Hungerleider und schlugen sich häufig als Landarbeiter durch. Für ihre Kinder stimmt das amerikanische Versprechen noch, dass es ihnen besser geht und deren Kindern womöglich noch besser.

          Doch auch an anderen Referenzgruppen messen sich die Weißen. Sie sehen, dass Amerikaner asiatischer Herkunft seltener arbeitslos sind. Sie registrieren zahllose Programme zur Förderung von Minderheiten mit dem Ziel, den alten Abstand zwischen den Weißen und dem Rest zu mindern. Sie müssen gelegentlich feststellen, finanziell von den eigenen Frauen eingeholt zu werden, die oft in Branchen arbeiten, die weniger durch internationale Konkurrenz unter Druck stehen: im Bildungssektor und im Gesundheitswesen.

          Und in der Ferne sehen sie noch die hochqualifizierten Ivy-League-Weißen, die wirtschaftlich weit davongeprescht sind und sich ein Leben organisieren können, das den amerikanischen Alltagssorgen wie schlechte öffentliche Schulen, schlechte Gesundheitsversorgung für Geringverdiener und Kriminalität enthoben ist.

          Trump fehlt der Anstand, Präsident zu werden

          Und dann tritt Hillary Clinton auf in den Vorwahlen in South Carolina, spricht von weißen Privilegien und der Notwendigkeit, dass Weiße besser zuhören müssen, wenn Schwarze von ihren speziellen Sorgen sprechen. Clinton hat gute Gründe, das zu fordern. Aber viele Weiße werden ihr nicht zuhören wollen, weil sie sich selbst nicht gehört fühlen. Die Demokratische Partei gibt ihnen keine Heimat mehr, spätestens seit Bill Clinton abgetreten ist.

          Jetzt bilden die ungebildeten weißen Männer die Kerntruppe der Unterstützer des Republikaners Donald Trump, der mit seinen öffentlichen Äußerungen noch nicht bewiesen hat, dass sein Intellekt reicht, die Welt in ihrer Komplexität zu begreifen. Seine Worte zeigen dagegen, dass ihm der Anstand fehlt, Präsident zu werden. Sein Reiz liegt darin, Amerika so düster zu zeichnen, wie viele weiße Männer es heute sehen. Das hat seine eigene Tragik.

          Vorwahlen in Amerika
          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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          Quelle: F.A.Z.

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