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Star-Ökonom Thomas Piketty : „Nicht die Regierung entscheidet, wer zu ehren ist“

Thomas Piketty Bild: dpa

Der Autor des „Kapitals im 21. Jahrhundert“ will nicht von der Regierung ausgezeichnet werden. Damit reiht er sich ein in eine Riege prominenter Trotzköpfe.

          Seit ihrer Einführung vor gut 200 Jahren durch Napoléon Bonaparte sind etwa eine Million Franzosen damit ausgezeichnet worden. 92.000 davon leben noch. 691 Franzosen sollten in diesem Jahr den französischen Verdienstorden bekommen, doch ein prominenter Ökonom wies die damit verbundene Aufnahme in die französische Ehrenlegion zurück: Thomas Piketty, Autor des Bestsellers „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Er glaube nicht, dass „es der Regierung zukommt zu entscheiden, wer zu ehren ist“, sagte der Wirtschaftswissenschaftler der Nachrichtenagentur AFP. „Sie sollte sich lieber auf die Wiederankurbelung des Wachstums in Frankreich und Europa konzentrieren“, fügte er hinzu.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Zurückweisung des französischen Verdienstordens ist zwar eine Ausnahme, doch kein Einzelfall. Sie sichert die Aufnahme in einen anderen, inoffiziellen Orden der prominenten Trotzköpfe: So verweigerten sich in der langen Geschichte der Ehrenlegion etwa die Wissenschaftler Pierre und Marie Curie, die Schriftsteller und Philosophen Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus und Marcel Aymé, die Modemacherin Coco Chanel, die Schauspielerin Brigitte Bardot, der Filmregisseur Claude Lelouch sowie der katholische Priester und Wohltäter Abbé Pierre. Der Chansonnier Georges Brassens machte sogar ein Lied aus seiner Abfuhr, die letztlich dem französischen Präsidenten gilt, denn dieser unterzeichnet jede Ernennung zur Ehrenlegion.

          Dass der Ökonom Piketty den regierenden Sozialisten einen Korb gibt, hat indes eine besondere Note. Sein Werk von fast 1000 Seiten, das sich vor allem in den Vereinigten Staaten und Großbritannien glänzend verkauft und eine Gesamtauflage von 1,5 Millionen Exemplaren erreicht hat, ist eine beißende Kritik am Kapitalismus, der seiner Meinung nach zu einer wachsenden Vermögenskonzentration in den Händen weniger führe. Der 43 Jahre alte Piketty stand lange Zeit der sozialistischen Partei nahe; so beriet er die Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal im Wahlkampf 2007. Zu ihrem einstigen Lebensgefährten François Hollande aber ging Piketty auf Distanz.

          Er hat es vor allem nicht verwunden, dass die regierenden Sozialisten seine steuerpolitischen Vorschläge ablehnen. Piketty ist für eine Fusion der proportional angelegten Sozialsteuer CSG und der progressiven Einkommenssteuer. Hollande hatte im Wahlkampf mit der Zusammenlegung geworben, den Plan dann aber ad acta gelegt, denn sie würde das gesamte Steuersystem progressiver machen. Nach dem Aufschrei über die nun ausgelaufene Reichensteuer über 75 Prozent der Einkommen über 1 Million Euro hielt die Regierung diesen Schritt nicht mehr für vertretbar. Zudem findet Piketty, dass die europäischen Regierungen von der Sparpolitik ablassen und etwa massiv in Bildung investieren sollten.

          Die Reaktionen auf seine Zurückweisung des Ordens fielen am Freitag höchst unterschiedlich aus. Sein Ökonomen-Kollege Elie Cohen hielt den Schritt für „mittelmäßig“, weil er damit eine billige Kritik an der Regierung verbinde. Politiker am rechten und linken Rand des politischen Spektrums äußerten dagegen Verständnis. Auf jeden Fall sichert sich Piketty mit seiner Ablehnung mehr Aufmerksamkeit als mit der Annahme des Verdienstordens. Dass der französische Wirtschaftsnobelpreisträger Jean Tirole etwa ausgezeichnet wurde, fand deutlich weniger Erwähnung in den Medien. Und nicht zuletzt spart sich Piketty 20,28 Euro. Soviel kostet nämlich der Orden der „Légion d’Honneur“, den jeder Ausgezeichnete selbst kaufen muss.

          Quelle: FAZ.NET

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