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Thomas Piketty : Ein Rockstar-Ökonom erobert Amerika

Thomas Piketty ist seit dem Erfolg seines Buches ein gefragter Redner. Bild: AFP

Selten hatte ein Ökonom so viel Aufmerksamkeit: Der Franzose Thomas Piketty beschäftigt sich mit Fragen von Armut und Reichtum. Doch je länger die Aufregung um Piketty dauert, desto mehr Kritik findet sein Buch.

          Sind wir noch eine Demokratie, oder sind wir eine Oligarchie, in der nur wenige Reiche noch das Sagen haben?“ Die Frage von Bernard Sanders kam nicht überraschend. Der parteilose Senator aus Vermont ist im amerikanischen Kongress der Linksaußen. Ungewöhnlich ist die Antwort, die Janet Yellen, die Vorsitzende der Notenbank Federal Reserve, vor wenigen Tagen in einer Anhörung gab. „All diese Statistiken über die Ungleichheit, die Sie zitieren, beunruhigen mich sehr“, sagte Yellen, sich weit von ihrer geldpolitischen Aufgabe entfernend. Die Ungleichheit könne dazu beitragen, dass unterschiedliche Gruppen nicht in gleichem Maße an der Demokratie partizipierten und die soziale Stabilität beeinträchtigen. Yellens Reaktion zeigt, wie sehr die Ungleichheit in Amerika mittlerweile die öffentlichen Debatten bewegt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Nun hat der französische Ökonom Thomas Piketty mit seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ in Amerika unerwartete Verkaufserfolge erzielt. Die linksliberale Presse bezeichnet ihn als „Rockstar-Ökonomen“, nachdem die Erstauflage der englischen Übersetzung schnell vergriffen war. Harvard University Press verkaufte bislang rund 280000 Stück – davon etwa 45000 als elektronisches Buch – und kommt mit dem Drucken nicht nach. 7000 gelten für ein Wirtschaftsbuch schon als Erfolg, sagte eine Sprecherin. Von John Rawls‘ „Theorie der Gerechtigkeit“, einem der Bestseller des Verlags, setzte man seit 1971 nur gut 650000 Stück ab. In Frankreich hatte Pikettys Buch im Herbst nach seinem Erscheinen nur mäßig Wellen geschlagen. Diese Zeitung brachte im Wirtschaftsteil eine große Besprechung der französischen Ausgabe (F.A.Z. vom 13. Januar); ansonsten wurde sie im Ausland kaum beachtet.

          Amerikanische Debatte zurück nach Europa und Deutschland geschwappt

          Jetzt aber ist die Aufregung groß – und die amerikanische Debatte ist mittlerweile auch zurück nach Europa und nach Deutschland geschwappt. Den Verkauf der englischen Ausgabe des Buchs hat eine Werbereise Pikettys angekurbelt, die ihn vom Finanzministerium über die Thinktanks in Washington durch Redaktionsstuben bis nach Harvard und zu anderen Universitäten führte. Die Nobelpreisträger Paul Krugman und Joseph Stiglitz loben Piketty. Justin Wolfers, selbst eine Art Starökonom an der Universität Michigan, versuchte mittels Google-Suchergebnissen nachzuweisen, dass Piketty vor allem in den linksliberalen und wohlhabenderen Küstenstaaten Amerikas Interesse finde. Freilich sind das auch die Staaten, in denen die großen Universitäten überwiegend liegen. Akademische Bücher stoßen da naturgemäß auf höheres Interesse.

          Der 42-jährige Piketty hat sich durch viel gelobte historische Datenanalysen zur Einkommensverteilung einen Namen gemacht, oft in Zusammenarbeit mit anderen Ökonomen. Das Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ erweitert diese Arbeiten. Seine Geschichte geht grob vereinfacht wie folgt: Wenn die Rendite auf Kapital größer ist als die Wachstumsrate der realen Wirtschaft, konzentriert sich das Kapital zunehmend in der Hand weniger Familien. Diese Kapitalkonzentration wurde nur durch die Weltkriege unterbrochen. Heute ist die Ungleichheit ähnlich hoch wie vor hundert Jahren und es könnte noch schlimmer kommen. „Schlimmer“ heißt für Piketty, dass die Gefahr einer oligarchischen Gesellschaft, der Herrschaft weniger Reicher, zunehme.

          Reine Arbeit reicht nicht mehr aus um an die Spitze aufzusteigen

          Zentraler Widerspruch des Kapitalismus sei, dass die Vermögen sich immer mehr konzentrierten und Unternehmer zu Rentiers würden. Reine Arbeit reiche in solchen Gesellschaften der Erben nicht mehr, um an die Spitze aufzusteigen. Das widerspricht dem amerikanischen Traum des Aufstiegs vom Tellerwäscher zum Millionär. In Amerika richtet sich Pikettys Kritik dabei vor allem auf die hohen Gehälter von Managern und Bankern sowie Händlern an der Wall Street, die durch ihre Produktivität nicht gedeckt seien.

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