http://www.faz.net/-gqe-7660d

Studie über Demonstranten : Gutsituiert protestiert

Frankfurter Aufstand gegen Fluglärm: „Der Protest in Deutschland geht vom Milieu der Kinderlosen aus Bild: Röth, Frank

Wer steckt hinter Demonstrationen? Es sind vor allem Vorruheständler, Rentner und Pensionäre. Die Protestlandschaft sei von Männern dominiert, sagt eine Studie. Und überall sind Ingenieure anzutreffen.

          Mineralölkonzerne sind Kummer im Umgang mit der Öffentlichkeit gewohnt. Die hierzulande vor allem als Tankstellenbetreiber in Erscheinung tretende BP macht da keine Ausnahme. „Auch wir waren Zielscheibe von Protesten“, sagt der Vorstandsvorsitzende der BP Europe SE, Michael Schmidt. Ein Grund für den Konzern, herauszufinden, warum und welche Bürger es sind, die ihren Un- und Widerwillen öffentlich kundgeben.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Bei der Ursachenforschung hat der Mineralölmulti sich der Hilfe Göttinger Sozialwissenschaftler versichert. Das Institut für Demokratieforschung hat seine Scouts in die Zeltcamps der Kapitalismus- und Bankenkritiker von „Occupy“, zu den Gegnern von Stuttgart 21, in Bürgerinitiativen gegen den Bau von Stromtrassen, in die Foren des „Hamburger Schulstreits“, zu den Anti-Atom-Aktivisten ins Wendland geschickt und auch zu erklärten Eurogegnern. In den 200 Gesprächen war die Grundfrage die selbe: Wer protestiert und warum?

          Die am Mittwoch vorgestellten Ergebnisse überraschen: Der Protestierer von heute ist männlich, gut situiert, eher älteren Semesters, Ingenieur oder Naturwissenschaftler mit schlechter Meinung über die Demokratie und ohne ein konfessionelles Bekenntnis - wenn, dann zur evangelischen Kirche.

          Ingenieure ersetzen Sozialwissenschaftler

          So fanden die Forscher unter den Befragten viele Hausmänner, Teilzeitangestellte, Freiberufler, Pastoren, Schüler, Lehrer und, so heben sie hervor, Vorruheständler, Rentner, Pensionäre. Fazit: „Der Protest in Deutschland geht vom Milieu der Kinderlosen aus.“ Das ist erst der Anfang. Zu erwarten sei, „dass sich spätestens zwischen 2015 und 2035 Hunderttausende hochmotivierter und rüstiger Rentner mit dem Wissen der in den Jugendjahren reichlich gesammelten Protesterfahrungen in den öffentlichen Widerspruch begeben“.

          Die Protestlandschaft sei von Männern dominiert. Nur bei Bildungsthemen hätten Frauen die Nase vorn. Wer erwartet hätte, dass Angehörige sozialer Unterschichten - gerade deshalb - besonders engagiert seien, wird enttäuscht. Diejenigen, die die Forscher antrafen, waren „vor allem Menschen mit hohem Bildungsabschluss, geregeltem, meist ordentlichem Einkommen, die sozial gut vernetzt sind und eher anspruchsvollen Berufen nachgehen.“ Über die Hälfte der Befragten hatten ein Studium abgeschlossen. Sprichwörtlich „kleine Leute“ konnten die Wissenschaftler kaum finden.

          Stattdessen stießen sie allenthalben auf Ingenieure. Die bildeten „einen zentralen Typus der aktuellen Bürgerproteste“, ganz anders als in der Oppositionsbewegungen der siebziger Jahre, als vor allem Sozialwissenschaftler den Ton angaben. Die Forscher haben auch dafür eine Erklärung parat: Gerade dort, wo es um Fragen der Energiewende, Infrastruktur, und Stadtentwicklung gehe, seien Ingenieure, Techniker, Informatiker und Biologen anzutreffen. Hier könnten sie als objektive Experten auftreten und auf selbstbewusste Weise präzise Gegenvorschläge machen.

          Weitere Themen

          Verletzte bei Protesten Video-Seite öffnen

          Gazastreifen : Verletzte bei Protesten

          Die Lage am Gazastreifen bleibt angespannt: Bei weiteren Protesten sind mehrere Palästinenser verletzt worden. In den nächsten Tagen werden Tausende Teilnehmer zum sogenannten „Marsch der Rückkehr“ erwartet.

          Der Knoten im Erbgut

          Genforschung : Der Knoten im Erbgut

          DNA-Doppelstränge müssen nicht immer linear aufgebaut sein. Der Träger der Erbinformation kann auch verknotet sein. Doch welchen Sinn hat diese kuriose Struktur?

          Arbeiten bis zum Tod Video-Seite öffnen

          Rentner in Südkorea : Arbeiten bis zum Tod

          In Südkorea müssen zahlreiche Senioren auch nach der Pensionierung weiter arbeiten, weil ihre schmale Rente vorne und hinten nicht reicht. Von Armut betroffen ist fast jeder zweite Ältere - so wie der 71-jährige Park Jae Yeol.

          Topmeldungen

          Vor den Wahlen : Wollen die Türken den Wechsel?

          Einen Monat vor den Wahlen schöpft die Opposition in der Türkei Hoffnung. Präsident Erdogan und seine AKP-Partei zeigen Anzeichen von Schwäche. Doch reicht das für einen Machtwechsel? Fachleute sind skeptisch.

          Skandal im Bamf : Seehofer kündigt scharfe Konsequenzen in Asyl-Affäre an

          In Bremen wurden massenhaft unzulässige Asylbescheide ausgestellt. Der Innenminister sieht dadurch das gesamte Bundesamt für Migration beschädigt – und schließt personelle Konsequenzen nicht mehr aus. SPD und Opposition stellen noch weitere Forderungen an Horst Seehofer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.