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Strukturwandel Chinas alte Mitte

 ·  Im Herzen des Riesenreichs liegt Chongqing; die Stadt ist so groß wie Tokio und hat eine Wirtschaftskraft wie Kuweit. Durch ihr Zentrum führt eine kleine steile Treppe mit einer tragischen Geschichte: Shibati. Eine Reportage mit zahlreichen Fotos von Stephan Finsterbusch .

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© Stephan Finsterbusch Shibati - ein uralters Straßenviertel mit einem Name wie ein Gedicht: Achtzehn Stufen.

Der alte Liu sah es nicht kommen und ist geblieben. So wie drüben Frau Zhou und nebenan Herr Zhang; so wie die Changs, die Xiangs und die Tangs. Ihre Häuser sollen weg, doch sie gehen nicht raus. Sie wollten mehr Geld und suchten Lius Rat – wie immer, wenn es um große Entscheidungen im Leben ging. Er legte die Karten, sah zu den Sternen, deutete Texte und Träume, las in Händen und Augen; er kann in Seelen sehen. Vielleicht hatte er diesmal ja einen Fehler gemacht. Dabei standen die Zeichen an der Wand: „Abriss“.

Chongqing: Die Boomtown

Denn die Behörden blieben hart, und hinter dem Haus dröhnte der Bagger. Liu wusste dann auch nicht, wie es nun weitergehen soll. Er saß vor seiner Hütte. Wellblechdach, Betonfußboden, Moder an der Mauer. Er steckte in einer Sackgasse, und mit ihm die ganze Nachbarschaft. Gegenüber ratterte Zhou Luzhi eine Bluse durch ihre Nähmaschine; Fußpedal und Schwungrad. Früher nähte sie in einer Fabrik, dort waren Motoren an den Maschinen; feine Sache, aber teuer. Heute arbeitet sie auf eigene Rechnung und muss kräftig treten – wie alle hier.

Im Haus nebenan flechtet Zhang Li aus Bambus kleine Körbe. Später werden sie in den Nudelküchen darin Teigtaschen dämpfen, eine Delikatesse, doch Zhang hat jetzt andere Sorgen. Es gehe nicht um Geld, sagt er, es gehe um das Leben. Zhang meine es ernst, sagt Tang Haoyang. Er sitzt im Teehaus, hat vier Kinder, eine Frau und eine kleine Rente. Zwei seiner Jungs seien derzeit ohne Arbeit. Harte Zeiten. Er hofft, dass sie bald besser werden.

Nebenan schlürft Chang Jiang eine Suppe. Die schmecke und sei billig. Chang braucht jeden Yuan. Er will studieren, hat kein Geld, aber viel Hoffnung. Wu Tingren hat ihm Mut gemacht. Er kommt hier fast jeden Tag vorbei, ist Pensionär und war mal Offizier in der Volksbefreiungsarmee. Er weiß, wie man mit Beamten spricht. Wu hilft den alten Nachbarn beim Marsch durch die Ämter. Der alte Liu hilft sich selbst. Er rutscht auf seinem blassblauen Plastehocker hin und her, zieht an einer Zigarette; tiefe Züge, weißer Rauch – mitten in China, mitten in Chongqing, mitten in Shibati.

Ein kleines altes Viertel entlang einer kaum hundert Meter langen Treppe in der größten Metropole der Welt. Shibati: „ein Dorf in der Stadt“, sagt der Architekt Wu Penghan. Im alten China war das üblich, im neuen hatte das keine Chance. Chongqing ist ein Moloch, der keinen Stein auf dem anderen lassen und das Viertel bald verschlucken wird. Die Revolution frisst ihre Kinder. Das hat sie in Schanghai, in Nanking und in Xian so gemacht, schrieb Xufei Ren in „Building Globalization“. Das Land ist auf Modernisierungskurs, ein Milliardengeschäft, erklärte Helen Zu von Goldman Sachs. Nun ist Chongqing dran.

Die Stadt am Jangtse zählt so viele Einwohner wie Tokio; hat eine Fläche wie Österreich und eine Wirtschaft, so stark wie Kuweit. Das Wachstum ist hier doppelt so hoch wie im Rest des Lands. Der Aufstieg macht atemlos. Die Luft ist so dreckig wie in Peking. Jedes Jahr ziehen eine dreiviertel Million Menschen in die Stadt, ein Zustrom ohne Ende. In Shibati wissen sie nicht, was sie dazu sagen sollen. Liu ist sprachlos, Zhou schweigt, Chang hofft auf einen Job in einer der neuen Fabriken.

Foxconn, Ford, BASF und HP – sie alle sind hier, haben Milliarden investiert und Zehntausende Arbeitsplätze geschaffen. Seit vor zwanzig Jahren unten an den drei Schluchten die gewaltige Staumauer in den Fluss gerammt wurde, zogen zwei Millionen Menschen nach Chongqing. Die Stadt wurde Munizipal und Sonderwirtschaftszone, Boomtown und Powerhaus. Pekings wirtschaftspolitischer Vordenker Cui Zhiyuan nennt es das „Tor zu Chinas Westen“, Christina Larson von der New American Foundation das „Chicago am Jangtse“, der britische Historiker Jonathon Fenby einen Schicksalsort. Das ist Chongqing bis heute.

Gerade wurde der örtliche Parteichef Bo Xilai entthront. Der hatte die Stadt fünf Jahre lang mit harter Hand geführt, war mit alten Parolen neue Wege gegangen und sitzt heute im Hausarrest. Sein Vater diente einst als General unter Mao und gilt als Held im Krieg gegen die Japaner. Bo war in seiner Jugend Rotgardist und Journalist, Bürgermeister und Gouverneur, in Peking schaffte er es zum Minister. Dann ging er nach Chongqing.

Er sprach von sozialistischer Marktwirtschaft und fühlte sich unfehlbar. Ein Fehler. Denn im November fand man seinen britischen Berater Neil Heywood tot in einem Hotel der Stadt; im Februar floh sein Polizeichef ins amerikanische Konsulat und packte dort aus; im März sah sich Bo von Peking aller Posten enthoben; seit April steht seine Frau unter Mordverdacht. China bebte, Chongqing zitterte, in Shibati mochten sie Bo. Er habe die alte Mafia der Stadt kaltgestellt, sagte Wu Tingren; Liu nannte ihn „einen guten Mann“.

Bo aber soll Millionen ins Ausland verschoben haben. Niemand weiß was Genaues, nichts ist bewiesen, im Internet schrieben sie von einem Putschversuch. Die Partei war alarmiert und verschärfte die Zensur. Der Blogger Michael Anti schrieb: „Sie bombardieren das Schlachtfeld nicht, sie besetzen es jetzt.“ Bos roter Stern sank. Schon Monate zuvor hatte Cui Zhiyuan von Machtkämpfen hinter den Kulissen gesprochen: alte gegen neue Kräfte, Liberale gegen Konservative.

Cui hatte in einem kleinen Besprechungszimmer eines der Wolkenkratzer von Chongqing gestanden. Im Erdgeschoss ein Starbucks, auf dem Dach ein Hubschrauberlandeplatz, um die Ecke lag Shibati. Eine Stadt und zwei Welten. Cui kannte beide. Er zeigte Folien, nannte Namen, erklärte Fakten, er mochte es gern konkret. Cui hatte an der Universität von Changsha in der Nachbarprovinz Hunan Mathematik und in Chicago Politik studiert, er lehrte in Boston und Singapur, ist Fellow in Harvard und Professor in Peking. Er hatte zwanzig Jahre lang Bücher gelesen und geschrieben, nun wollte er handeln. Er wurde Berater in Chongqing und gilt als rechte Hand von Bürgermeister Huang Qifan. Er schrieb ein Wirtschaftsprogramm. Cui nannte Shibati ein „kleines Relikt aus uralten Zeiten“; er hatte Größeres im Sinn.

Er redete vom Gleichklang zwischen Staat und Wirtschaft, Stadt und Land, hohen Grund- und niedrigen Firmengewinnsteuern, von Verwaltungsreformen und der Abschaffung staatlicher Wohnsitzkontrollen, er sprach von Investitionen, von einer Produktion, die auf den heimischen Konsum zielt, er erklärte Auktionen von Bodennutzungsrechten und den Bau einer Million Sozialwohnungen. Helen Zu von Goldman Sachs bezifferte die Kosten auf umgerechnet 8 Milliarden Euro. Cui taufte es „das Chongqing-Modell“. Es solle zeigen, was China sein kann; es zeigt, was China ist.

Dem alten Liu werden sie die Hütte plattmachen, eine Abfindung geben und keine Wahl lassen. Er wehrt sich nicht; er sieht die Zukunft um sich. Am Fluss haben sie gerade eine neue Straße gebaut, sechs Spuren und eine gewaltige Brücke über den Jangtse; auf dem Berg stehen himmelhohe Häuser aus Glas, Stahl und Beton. Liu lebt im Schatten des Morgen; er wohnt in Shibati – einem Straßenviertel mit einem Namen wie ein Gedicht: Achtzehn Stufen.

Ausgetretene alte Steine, gesäumt von windschief an den Hang gedrückten Häusern. Hier leben viertausend Familien, auf dem obersten Absatz das Teehaus, ganz unten der Markt mit Frischobst, Fleisch und Gemüse. Dazwischen stehen Suppenköche, Nägel-, Bart- und Haarschneider, Ohrenputzer, Näherinnen, Reisverkäufer, Scherenschleifer, Schlangenfänger, ein Arzt und Astrologe, eine Handvoll blinder Masseure. Chinas Welt von gestern. Für den alten Xiang Yunhua war sie die Hölle.

Rauchend steht er am Teehaus der Familie Wang. Im fahlen Neonlicht des gekachelten Saals gibt es was zu erleben: bunte Kleider, hohe Töne, China-Oper als Puppentheater. Die halbe Nachbarschaft ist da. Hier habe er in jungen Jahren ein Fegefeuer überlebt, sagt Xiang. Damals, als die Bomber der Japaner kamen und alles in Schutt und Asche legten. Es war Krieg, es war furchtbar, und es gibt keine Entschuldigung dafür – bis heute nicht.

Chongqing diente China damals als Hauptstadt. Die Regierung in Nanking war vor der Armee der Japaner anderthalbtausend Kilometer flussaufwärts hinter die Daba-Berge nach Chongqing geflohen. Millionen Chinesen folgten. Das Provinznest wurde zur Fluchtburg, schrieb Jonathon Fenby in „Chiang Kai-Shek“. Die Japaner griffen es aus der Luft an. Xiang ging damals noch zur Schule. „Wenn die Sirenen heulten, rannten wir die Treppe runter in den Fluss“, sagt er. Die Stadt war ein Feuermeer, der Jangtse rettete ihm das Leben.

Andere flohen in die Höhlen. Die gab es überall in der Stadt. Die Menschen hatten sie sich hinter ihre Häuser in den Fels gehackt. So entstand über die Jahre des Krieges ein System von Tunneln, eine Stadt unter der Stadt, eine Unterwelt. Einer der Bunker liegt hinter der Hütte von Liu. „Dort sind wir im Sommer immer rein, wenn es uns draußen zu heiß war“, sagt er. Der Tunnel diente als Klimaanlage. Doch der ist nun geschlossen: Baustelle. Bald fährt hier eine U-Bahn, eine Durchfahrt für den Nahverkehr. Im Juni 1941 war sie Grab für Tausende.

Am Himmel hatten die Bomber der Japaner ihre Runden gedreht, am Boden waren die Chinesen in Deckung gerannt. Der Tunnel war überfüllt. Tausende standen vor verschlossenem Tor. Die Bomben fielen, die Erde zitterte, der Fels hielt, doch im Bunker ging die Luft aus. Die drinnen wollten raus, die draußen wollten rein, Chaos, Panik, es gab kein Entkommen. Später wird die Polizei 3000, Theodore White, Korrespondent des Magazins „Time“ 4000 Tote zählen. Sie lagen überall, im Bunker und auf der Treppe; die Häuser waren verbrannt, Shibati ein Leichenfeld.

70 Jahre später strahlt das Staatsfernsehen in Peking eine Dokumentation darüber aus, Bilder in Schwarzweiß, Musik in Moll. Die heute 83 Jahre alte Deng Wanyun erzählte vom Tod ihrer Familie. Sie weinte vor laufender Kamera. Xiang kann nicht weinen, die alten Augen tun ihm so schon weh genug. Nach dem Krieg ging das Leben weiter, die Toten waren begraben, doch Frieden gab es keinen. Mao und Chiang hatten sich in der Villa im Eiling-Park von Chongqing bis aufs Messer gestritten.

Chinas gottgleiche Diktatoren besiegelten den Bürgerkrieg, Rechte gegen Linke, die Kommunisten gewannen, Chiang floh nach Taiwan, Mao ging nach Peking, Deng Xiaoping wurde Bürgermeister von Chongqing, Xiang ein Kader der Partei. In Shibati zogen sie die ersten Hütten wieder hoch. Xiang arbeitete im Rathaus, heute ist er Pensionär. Er raucht Zigaretten mit Mundstück, erzählt viel von früher und wenig vom Heute. Das Morgen gehört anderen.

Shibati ist Vergangenheit“, sagt Chang Jiang. Er ist Mitte zwanzig, sitzt auf der Treppe und schlürft seine Suppe. Jiang spricht etwas Englisch, mag Jeans und bunte T-Shirts und hat einen Traum: Er will studieren. Seine Mutter nennt ihn einen „Träumer“. Noch nie war jemand aus der Familie auf einer Universität. Jiang hat die Zulassung in der Tasche, jetzt fehlt noch das Geld. „Das haben wir nicht“, sagt die Mutter. „Noch nicht“, meint Jiang.

Er wohnt bei den Eltern. Das Haus hat zwei Zimmer, 25 Quadratmeter, und bis zum Tod der Großmutter waren sie hier zu viert. Er vermisse die alte Dame. „Doch jetzt haben wir mehr Platz“, sagt er. Seine Mutter hatte 30 Jahre in einer Fabrik Schachteln beklebt. Mit 50 Jahren ging sie in Rente – rund 1000 Yuan im Monat. Ihr Mann ist Taxifahrer. Sie sind jetzt seit einem viertel Jahrhundert verheiratet, sagt Frau Chang. Nach der Hochzeit zogen sie bei den Schwiegereltern ein. Die hatten gute Beziehungen und einen Pachtvertrag. „Den konnten wir später übernehmen“, sagt sie. Nun soll er sich noch mal auszahlen.

Denn ihr Haus steht zum Abriss, die Changs müssen raus. Die Behörden boten ihnen zweimal schon eine Abfindung an, zuletzt waren es 5000 Yuan je Quadratmeter. Mehr Geld, als sie je sahen, doch es war ihnen nicht genug. Von der Summe könnten sie sich in den Neubauvierteln auf der anderen Seite des Flusses eine kleine Wohnung nehmen; immer Strom, immer Warmwasser, und einen Lift gibt es auch. „Toll“, sagt Frau Chang. „Aber wir kennen dort niemanden.“ Wohnen könnten sie noch hier, einen Lift brauche sie nicht, sie haben ja die Treppe.

Sie wollen sich nicht an den Rand drängen lassen, der Junge will studieren. Dafür brauche sie mehr Geld. „Mindestens das Doppelte“, sagte Wu Tingren. „Der alte Vertrag ist die einzige Möglichkeit, mal richtig was in die Hand zu kriegen“, sagt Chang. Diese Chance wollen sie nicht zu früh aufgeben. Parteichef Bo habe vor drei Jahren dafür gesorgt, dass Entschädigungen in der Stadt „angemessen sein müssen“, erklärte Wu. „Doch was ist angemessen, wenn man immer hier war“, meinte Bambuskorbflechter Zhang. Jeder Tag zählt, die Zeit läuft und hinter dem Haus dröhnt der Bagger.

Die Kauf- und Mietpreise in der Innenstadt haben sich in den letzten Jahren fast verdoppelt. Draußen am Stadtrand seien sie noch niedrig, doch der sei weit weg. „Unmöglich“, sagte Frau Chang. „Eine Entscheidung muss her“, meinte Wu. Er traf seine schon vor drei Jahren. Damals hatte er das Angebot angenommen und zog in eines der neuen Hochhäuser. Eine Betonburg mit Hunderten Wohnungen, zehn Minuten Fußweg entfernt, sechster Stock, kein Aufzug, immer Strom und warmes Wasser.

Wu hat sich rasch daran gewöhnt. Früher lebte er in einer Kaserne. In seiner Jugend war er Soldat und kämpfte in Vietnam, gegen die Amerikaner. Später wurde er Offizier. Als solcher hatte er was zu sagen; was, das sagt er nicht, Wu lächelt und schweigt. Nach Shibati kommt er jeden Tag. Er gibt den alten Nachbarn Tipps und spricht auch mal mit den Behörden. Ob es hilft, weiß er nicht.

Zhang Li braucht keine Tipps und keine Hilfe. Er flicht seine Bambuskörbe. „Ich bin hier geboren“, sagte er. „Ich will hier auch sterben.“ Dabei hat er kaum was zu verlieren. Eine alte Hütte, zwei Räume, das Dach eine graue Plane, die Wände morsches Holz und schimmeliges Mauerwerk. Der Boden ist übersät mit Spänen. Auf dem Tisch ein Fernseher und ein Ventilator, in den Flügeln dicke schwarze Spinnweben. Zhang will nicht raus aus seinem Haus, zu keinem Preis.

Seine Frau hatte von dieser Sturheit die Nase voll. Sie packte ihre Tasche, ging und kam nicht wieder. Seit drei Jahren lebt Zhang mit seinem Sohn allein. Der Junge ist jetzt 25, hat nichts gelernt und schweigt. Das macht er schon seit Monaten. Vielleicht, meint sein Vater, vermisse er die Mutter. Zhang hat keine Ahnung. „Er spricht ja nicht mit mir.“ Das Geschäft laufe auch schlecht. Die Fabriken fertigen schneller, besser und preiswerter. Zhang hat mit seinem kleinen Laden keine Chance. Er weiß das und macht weiter. Seit einigen Wochen bietet er auch Drahtkörbe an. Mal sehen, was die bringen. Liu weiß es auch nicht.

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