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Strafprozess HSH Nordbank Auf der Spur von Dr. No

Dem früheren Chef der HSH Nordbank wird der Prozess gemacht, weil er hochkomplexe Finanzgeschäfte ungeprüft durchgewinkt und Vermögenswerte in der Bilanz falsch verbucht haben soll. Der Richter gilt als „knallhart“.

© Reuters, DPA Der Angeklagte und sein Richter: Dirk Jens Nonnenmacher (l) und Marc Tully

Er ist frühzeitig da. 20 Minuten vor Beginn des Strafprozesses, der ihn und seine fünf ehemaligen Vorstandskollegen der HSH Nordbank nun bis in das nächste Jahr hinein „gefangen“ nehmen wird, stiefelt Dirk Jens Nonnenmacher die Treppe des Strafjustizgebäudes am Hamburger Sievekingplatz hoch. Die beiden Anwälte an seiner Seite überragt der hochgewachsene, schlanke Mann locker um einen Kopf. Der weitere Gang in den Verhandlungssaal 300 des Landgerichts Hamburg ist dann nicht mehr ganz so leicht. Eine Riege von Kameraleuten und Fotografen versperrt ihm den Weg. Doch der ehemalige Vorstandsvorsitzende der skandalumwitterten Bank schlägt sich durch, ohne dabei eine Miene zu verziehen oder auf hingeschleuderte Fragen zu reagieren.

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Der 50 Jahre alte Professor der Mathematik trägt einen dunklen Anzug und eine hellblaue Krawatte. Er ist blass im Gesicht. Aber das war er schon immer. Neu ist seine Frisur. Nonnenmacher, der in der Bank nur „Dr. No“ genannt wurde, trägt die schwarzen Haare etwas kürzer als noch vor gut zwei Jahren, als er sein Amt auf Geheiß der HSH-Großaktionäre Hamburg und Schleswig-Holstein räumen musste. Vor allem aber hat er kein Gel mehr im Schopf.

Nonnenmacher: „Eine falsche Bilanz ist keine gefälschte Bilanz“

Dass sich Nonnenmacher daran noch nicht so richtig gewöhnt hat, zeigt sich am Mittwoch zum Prozessauftakt in Hamburg, wo er sich gegen den Verdacht der schweren Untreue und der Bilanzfälschung verteidigen muss. Immer wieder kämmt sich der Brillenträger mit den Fingern die Haare an den Schläfen zurück. Ein Zeichen der Nervosität? Gemessen an seinen bisherigen Aussagen müsste Dr. No eigentlich sehr gelassen sein. Er hält die Vorwürfe für haltlos und glaubt an einen Freispruch. Die Ankläger sehen das natürlich ganz anders: Sie glauben, dass Nonnenmacher in seiner Zeit als Finanzvorstand 2007 hochkomplexe Finanzgeschäfte ungeprüft durchgewinkt habe - Geschäfte, die der Bank später hohe Verluste bescherten. Außerdem soll Nonnenmacher Vermögenswerte in der Bilanz falsch verbucht haben.

Dass Teile des berüchtigten „Omega 55-Transaktion“ falsch verbucht wurden, hat Nonnenmacher nie bestritten. Den Täuschungsvorwurf hält er indes für vollkommen abwegig: „Eine falsche Bilanz ist keine gefälschte Bilanz“, sagte er 2010 im Gespräch mit der F.A.Z.

Der HSH-Chef bestand inmitten der Krise auf Boni in Millionenhöhe

Nonnenmacher war im November 2008 an die Spitze der Bank gerückt. Es war ein Feuerwehreinsatz. Die Landesbank hatte ein viel zu großes Rad gedreht und Milliarden in große Bündel von Wertpapieren gesteckt, die in der Finanzkrise plötzlich dramatisch an Wert verloren. Die daraus folgenden Abschreibungen sowie der parallel einsetzende Abschwung in der Schifffahrt, dem Kerngeschäft der Bank, drückten die HSH nah an den Abgrund. Hamburg und Schleswig-Holstein mussten sie mit Milliardenhilfen retten. „Die Kultur der Bank war viel zu stark davon geprägt, Neugeschäft zu machen. Die Risikokontrolle war qualitativ und quantitativ unterentwickelt“, gab Nonnenmacher damals zu Protokoll.

Trotz dieser richtigen Analyse geriet er stark in die Kritik, weil er inmitten der Krise auf vereinbarte Boni in Millionenhöhe bestand und die Bank in eine Reihe von zum Teil schmutzigen Affären verstrickt war. Ende März 2011 musste Nonnenmacher gehen. Er bekam eine Abfindung von 4 Millionen Euro.

Der Richter hat in Hamburg einen Ruf wie Donnerhall

Marc Tully, der Vorsitzende Richter im HSH-Strafprozess, hat Humor. Als Verteidiger Norbert Gatzweiler einen langen Fragenkatalog vorträgt, um zu erforschen, ob einer der Berufsrichter oder Schöffen womöglich befangen ist, entgegnet Tully: „Das habe ich selbst mit großer Akribie geprüft - in Hamburg gibt es 900 Richter, und immer wieder frage ich mich: Warum ist dieses große Verfahren ausgerechnet bei mir gelandet?“ Hochgebildet, nicht ganz uneitel und mit einem Hang zu druckreif-gedrechselten Formulierungen leitet Tully mit hanseatischer Gelassenheit den ersten Tag des Mammutprozesses. In Hamburg hat er einen Ruf wie Donnerhall. „Er schickte Christoph Ahlhaus die Kripo ins Haus“, titelte einst die Regionalpresse, als er eine Durchsuchung in der Villa des Ex-Bürgermeisters anordnete.

„Knallhart“ nannten ihn die Blätter auch, als er die Brüder Bashkim und Burim Osmani für Jahre ins Gefängnis schickte: Der Familienclan aus dem Kosovo war angeklagt, weil er sich Millionenkredite bei einer kleinen Volksbank erschlichen haben soll. Fachlich ist der Ruf des 45 Jahre alten Juristen auch bundesweit herausragend. Das Bundesverfassungsgericht bestellte ihn im vergangenen Jahr zum Gutachter mit durchaus skeptischer Grundhaltung, als es die verbreiteten „Deals“ in Strafprozessen unter die Lupe nahm. Auch seine eigenen Kollegen schätzen ihn: Als Vorsitzender des Hamburgischen Richtervereins zog er unlängst mit einer Fahne zum Rathaus, als Polizisten, Feuerwehrleute und Lehrer gegen Sparmaßnahmen demonstrierten. Und einem Konflikt mit Anwälten weicht er sowieso nie aus. Sie habe sich mit ihrem Antrag wohl selbst „durch die Brust ins Auge geschossen“, hielt er etwa einer Verteidigerin seelenruhig entgegen, die die Verlesung von Teilen der Anklageschrift durch die Staatsanwaltschaft unterbinden wollte. Und als ein anderer Anwalt eineinhalb Stunden lang vorgetragen hatte, Tullys Achte Große Strafkammer sei für diesen Fall wegen ständiger Umbesetzungen im Geschäftsverteilungsplan gar nicht zuständig, nutzte der Vorsitzende dies für sein quasi-gewerkschaftliches Engagement: Eigentlich freue er sich über die Rüge - zeige sie doch, welche Schwierigkeiten die ewigen Sparmaßnahmen der Justiz mittlerweile bereiteten.

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Quelle: F.A.Z.

 
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