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Stefan Raab Der Tausendsassa

 ·  Mit seiner Fernseh-Politshow „Absolute Mehrheit“ treibt Entertainer Stefan Raab den Wettbewerb auf die Spitze. Am besten kann der Moderator sich selbst vermarkten.

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© dapd Vergrößern Der echte Sieger des Abends heißt Stefan Raab

Die Angst, sich zu blamieren, ist Stefan Raab offensichtlich fremd. Der bullige Kölner, der sich zweimal von Boxweltmeisterin Regina Halmich öffentlich verprügeln ließ, hat eine unbändige Lust an Risiko und Wettbewerb. Nach Pokern, Turmspringen, Wok-WM und Eurovison Song Contest hat sich der Fernsehentertainer nun in den politischen Ringkampf geworfen. Seine neue Pro-Sieben-Show „Absolute Mehrheit“ liefert sicherlich keine Sternstunde tiefsinnigen Fernsehens. Sie ist aber eine konsequente Weiterentwicklung amerikanischer TV-Präsidentschaftskandidaten-Duelle. Und sie passt zu Raab, der sich auch in seiner Samstagabend-Show „Schlag den Raab“ beherzt in Wissens- und Geschicklichkeitsspielchen duelliert.

Kann Raab nun auch Politik? Der gelernte Metzger, der fünf Semester Jura studiert und sein Abitur am altsprachlichen Jesuiten-Gymnasium im politikaffinen Bonner Viertel Bad Godesberg gemacht hat, wird selbst den Erfolg seiner Sendung vermutlich weniger an der inhaltlichen Substanz als viel lieber an der schnöden Einschaltquote messen. 1,8 Millionen Zuschauer sahen ihm am Sonntag noch nach 23 Uhr zu, darunter 1,3 Millionen aus der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. „Absolute Mehrheit“ erreichte bei ihnen einen Marktanteil von 18,3 Prozent - 6 Prozentpunkte mehr, als durchschnittlich Pro Sieben schauen. Damit kam der Sender auf einen höheren Marktanteil als eine Stunde zuvor Günther Jauchs Talkshow in der ARD mit 8,9 Prozent.

Provokante Fragen

Trotz seiner 46 Jahre hat sich Raab mit kessen Sprüchen, breitbeinigem Sitzen und feistem Grinsen sein jugendliches Image bewahrt, das er sich seit seinen beruflichen Anfängen als Präsentator von Video-Clips im Fernsehsender Viva erworben hat. Die Vorlage des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, der sich dazu herabließ, Raabs neue Sendung als „absoluten Unfug“ zu adeln, nutzte er geschickt zur Mobilisierung seiner Anhänger. Absagen des grünen Politikers Volker Beck und des CDU-Bundesumweltministers Peter Altmaier weckten willkommene Neugier im reservierteren Publikum. Darf man zu Raab gehen, fragte eine Sonntagszeitung auf der Titelseite.

Wer mit anderen diskutieren will, ist in Raabs Sendung in der Tat fehl am Platz. Darum geht es ihm auch gar nicht. Raab inszeniert den Wettbewerb um Sympathie und Argumente. Die Zuschauer küren per 50 Cent teurer SMS, Raab nennt das Speed-Meinungsbildung, ihren Politiker-Favoriten. Als Moderator hakt Raab wenig nach, glänzt aber mit provokativen Fragen. Den Linken-Politiker Jan van Aken fragt Raab etwa: „Vermiesen Sie Leistungsträgern nicht den Spaß an der Arbeit?“, weil die Linkspartei von einem Monatseinkommen von 40000 Euro jeden zusätzlich verdienten Euro vollständig besteuern, also wie Raab richtig sagt: wegnehmen will. Und Raab stellt eine Vermutung an, warum nicht alle Einkommenschwachen die Linke wählen. Die Partei wolle nur das Leben in Armut verbessern. Besser aber wäre, den Wunsch nach Reichtum zu fördern. Schon allein mit dieser Gegenrede konfrontierte Raab das gewöhnlich eher politikferne Pro-Sieben-Publikum mit Argumenten, die es sonst vermutlich selten hört.

„Freund des Wettbewerbs“

Raab ist nicht nur Vorbild als Spaßmacher, sondern auch ein begnadeter Verkäufer seiner selbst. Mit seiner Produktionsgesellschaft Raab TV hält der Entertainer geschäftlich die Fäden in der Hand. Raab TV gehört zur renommierten Kölner TV-Schmiede Brainpool, die Comedians wie Anke Engelke und Bastian Pastewka unter Vertrag hat und neben den Raab-Programmen Serien wie „Stromberg“ oder „Ladykracher“ produziert. An Brainpool ist Raab wiederum mit 12,5 Prozent beteiligt. Dass er verhandeln kann, bewies er Ende 2010, als eine Vertragsverlängerung mit Pro Sieben Sat 1 anstand. Raab handelte einen bis 2016 laufenden Kontrakt aus, der nach offiziell unbestätigten Informationen ein Volumen von 185 Millionen Euro umfasst. Das „Manager-Magazin“ sprach vom „höchstdotierten Verhältnis, das ein deutsches Fernsehunternehmen derzeit zu einem Solisten unterhält“.

Sein Lebenscredo formulierte Raab vor Jahren in einem Interview mit dieser Zeitung. „Ich bin immer ein Freund des Wettbewerbs. Es macht doppelt so viel Spaß, bei irgendetwas mitzumachen, wo man sehen kann, ich war besser als Person X oder Y.“ Als „Freund des Wettbewerbs“ formulierte Raab seinerzeit gar einen Wirtschaftswachstumstip für die Bundeskanzlerin. Sie solle zum Jahreswechsel die Mehrwertsteuer erhöhen, „aber richtig, auf 30 Prozent“. Damit werde ein rascher Konsumboom ausgelöst - und später, kurz nach dem 1. Januar, ein weiterer - weil man in Wirklichkeit die Steuern senke, statt sie zu erhöhen. „Klingt gut, oder? Hab‘ ich mir jetzt gerade in den letzten drei Minuten überlegt. Aber vielleicht sollte man es noch mal durchrechnen“, feixte Raab dann noch.

Am Sonntagabend zieht trotz Raabs Konter schließlich der Linke-Politiker van Aken, in der ersten Abstimmung noch auf Rang drei liegend und deshalb von Raab als „geile 3“ betitelt, noch auf Platz zwei. Sieger mit 42 Prozent aller Stimmen ist Wolfgang Kubicki. Der FDP-Rebell hat nicht nur argumentativ, sondern auch bei der neben ihm sitzenden Social-Media-Unternehmerin Verena Delius gepunktet. Die beiden tauschen Bussis am Ende der Sendung aus. Der Moderator bekommt kein Küsschen und keine 100.000 Euro. Doch jeder weiß: Der echte Sieger des Abends heißt Stefan Raab.

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