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Staatsanwalt Bharara Der Sheriff der Wall Street

 ·  Der Staatsanwalt der amerikanischen Bundesbehörden jagt Investmentbanker mit rabiaten Methoden. Er will den Märkten Fairness beibringen. Und ihnen die Gier austreiben.

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© FRED R CONRAD/The New York Times Erst Harvard, dann Columbia: So begann die Musterkarriere von Preet Bharara.

Als der New Yorker Bundesstaatsanwalt Rudolph Giuliani seinen Feldzug gegen die größten Stars der Wall Street führte, war Preet Bharara gerade mit der Oberschule fertig und auf dem Weg nach Boston, an die Eliteuniversität Harvard. Es waren die achtziger Jahre, wilde Zeiten an der Wall Street, die im Börsencrash von 1987 und in Gefängnisstrafen für den legendären Spekulanten Ivan Boesky und zahlreiche andere Investmentbanker wegen Insiderhandels gipfelten.

Ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat sich der Name von Gordon Gekko, dem fiktiven Bösewicht des Films „Wall Street“. Gekko fand Hosenträger wie Gier gut und kam am Ende des Films in den Knast. Boesky war eines der realen Vorbilder für die Figur des Gekko. Er gab Studenten der Universität von Kalifornien einst diesen Satz mit auf den Weg: „Gier ist gesund.“

Bharara hörte in Harvard und später beim Jurastudium an der New Yorker Columbia Universität solche Sprüche nicht. Der junge Student, dessen Gerechtigkeitssinn früh ausgeprägt war - er protestierte in der Schule gegen die unfaire Entlassung einer Lehrerin - wäre wohl auch kaum für solche Botschaften empfänglich gewesen.

Seit August 2009 ist Bharara Bundesstaatsanwalt in Manhattan. Er hat sich auf die Wall Street eingeschossen - obwohl er von der Börse früher keine Ahnung hatte. Als er am Tag des großen Krachs im Oktober 1987 als Nachrichtensprecher des Studentenradios Dienst schob, dauerte es eine Weile, bis ihm die Bedeutung des dramatischen Kurssturzes klar wurde. Der Tag ist ihm in Erinnerung geblieben.

66 Angeklagte in drei Jahren

Er habe damals etwas über die Launen der Märkte gelernt und über die Notwendigkeit, ihre Integrität zu bewahren, sagt Bharara, der in die Geschichte eingeht: Er hat die größte Ermittlungswelle wegen illegaler Insidergeschäfte angestoßen, die es in der amerikanischen Finanzbranche je gegeben hat.

Bhararas Behörde hat in den vergangenen drei Jahren 66 Leute wegen Wertpapierbetrugs angeklagt. 57 Personen davon haben entweder ein Geständnis abgelegt oder sind von einem Gericht für schuldig befunden worden, vertrauliche Informationen für illegale Wertpapiergeschäfte genutzt zu haben. Verloren hat Bharara keinen einzigen Fall.

Eine Milliarde Schadensersatz gefordert

In einem zivilrechtlichen Verfahren klagt Bharara zudem gegen die Deutsche Bank und ihre mittlerweile abgewickelte amerikanische Tochtergesellschaft Mortgage IT. Der Vorwurf: Die Bank habe mit falschen Angaben zu Hypotheken von einem staatlichen Förderprogramm profitiert. Die Regierung fordert mehr als eine Milliarde Dollar Schadensersatz.

Der ältesten Schweizer Privatbank Wegelin wirft Bharara Mithilfe bei der Steuerhinterziehung durch amerikanische Bürger vor. Dazu kommen eine Reihe von Anklagen, die nichts mit der Finanzbranche zu tun haben. Bharara verklagte unter anderem Faisal Shazad, der wegen des versuchten Bombenanschlags auf den New Yorker Times Square verurteilt wurde.

„Dieser Mann verhaftet die Wall Street“

Die Anklagen gegen Hedgefonds und ihre Informanten haben Bharara wie schon Giuliani, den späteren Bürgermeister von New York, weit über die Grenzen der Stadt bekannt gemacht. An der Wall Street verbreitet Bharara damit Angst und Schrecken. „Dieser Mann verhaftet die Wall Street“, titelte das Nachrichtenmagazin „Time“ im Februar.

Der bisher größte Fisch, der Bharara ins Netz ging, war Raj Rajaratnam. Der aus Sri Lanka stammende Ingenieur war mit der Hedgefonds-Gesellschaft Galleon Group zum Milliardär geworden und zählte zu den Besten der verschwiegenen Branche.

Elf Jahre Haft für Rajaratnam

Rajaratnam wurde im vergangenen Jahr von einem Geschworenengericht schuldig gesprochen. Die Jury befand, dass er vertrauliche Informationen aus seinem weitgespannten Informantennetz nutzte, um illegal vom Kauf oder Verkauf von Aktien zu profitieren. Ein Richter verurteilte ihn zu elf Jahren Gefängnis - eine derart lange Haftstrafe hatte es für diese Vergehen noch nie gegeben.

Im Mai soll nun der Insiderprozess gegen Rajat Gupta beginnen, der wie Bharara aus Indien stammt und lange zu den einflussreichsten Geschäftsmännern in den Vereinigten Staaten zählte.

Abgehörte Telefonate

Gupta hatte es nach einem MBA-Abschluss in Harvard bis an die Spitze der Unternehmensberatung McKinsey gebracht und saß in den Kontrollgremien mehrerer amerikanischer Unternehmen, unter anderem im Verwaltungsrat der Investmentbank Goldman Sachs.

Schon im Verfahren gegen Rajaratnam wurden abgehörte Telefongespräche als Beweismittel genutzt, in denen Gupta seinem Geschäftsfreund Rajaratnam vertrauliche Informationen über Goldman Sachs steckte.

Aufgewachsen in Asbury Park - wie Bruce Springsteen

Geboren wurde Preetinder S. Bharara in Firozpur, in der indischen Punjab-Region weit weg von der Glitzerwelt Manhattans. Die Mutter ist Jüdin, der Vater Muslim. Um der Armut zu entkommen, wanderte die Familie nach Amerika aus.

Preetinder, den in Amerika alle nur Preet nannten, war damals zwei Jahre alt. Sein Vater, ein Arzt, eröffnete eine Praxis im Küstenort Asbury Park in New Jersey, wo auch der Rockstar Bruce Springsteen seine Wurzeln hat. Bharara, der mit zwölf Jahren amerikanischer Staatsbürger wurde, ist ein großer Fan von Springsteen, der in seinen Liedern das Arbeitermilieu Amerikas besingt.

Als er in die vierte Klasse kam, hatten die Eltern genug Geld zusammengekratzt, um Preet auf eine Privatschule zu schicken.

Verbindung zu den Demokraten

Nachdem Bharara seinen Jurababschluss in der Tasche hatte, arbeitete Bharara einen Sommer lang ehrenamtlich für den Wahlkampf eines demokratischen New Yorker Lokalpolitikers. Danach war er einige Jahre für verschiedene Anwaltskanzleien tätig, bevor er 2000 zur Bundesstaatsanwaltschaft des südlichen Bezirks von New York wechselte, der Behörde, die er jetzt führt.

Dort kümmerte er sich um die typischen Fälle dieser Region: organisiertes Verbrechen, Drogenhandel, Wertpapierbetrug.

Danach arbeitete er einige Jahre als juristischer Berater des New Yorker Senators Charles Schumer in Washington. Bhararas Verbindung zu den Demokraten schürt immer wieder Verschwörungstheorien, dass der von Präsident Barack Obama berufene Bharara eine Waffe der Demokraten im Kampf gegen die Reichen und die seit der Finanzkrise unbeliebten Banken sei.

Lob von Giuliani

Aber Bharara verhält sich als Staatsanwalt nicht anders als der konservative Recht-und-Ordnung-Mann Giuliani. Der Republikaner, dem niemand eine Affinität zu Gegnern der Wall Street unterstellt, lobt Bharara für seine „großartige Arbeit“.

Auch Bhararas Förderer Schumer ist trotz aller Kritik an den Exzessen der Finanzkrise kein eifernder Gegner der Bankenbranche. Banken sind wichtige Arbeitgeber in seinem Bundesstaat - und eine wichtige Quelle von Wahlkampfspenden. Bharara hat, wie seine Behörde, den Ruf, überparteilich und unabhängig zu agieren. Ihm werden auch keine politischen Ambitionen nachgesagt, zumindest noch nicht.

Es geht um Fairness an den Märkten

Giuliani nutzte das Amt des Bundesstaatsanwalts als Sprungbrett, um Bürgermeister zu werden. Auch Eliot Spitzer, der sich im vergangenen Jahrzehnt in der Rolle des Generalstaatsanwalts des Bundesstaates New York als Sheriff der Wall Street profiliert hatte, nutzte seinen Bekanntheitsgrad für eine weitere politische Karriere. Spitzer wurde New Yorker Gouverneur, stolperte dann aber über einen Prostitutionsskandal.

Bharara verklagt Hedgefonds-Milliardäre nicht wegen ihres Geldes. Es geht um Fairness an den Märkten, um den Schutz der Kleinanleger, um den Glauben an die amerikanischen Institutionen, der zumindest in diesem Immigrantenkind ausgeprägt scheint.

Methoden aus dem Kampf gegen organisiertes Verbrechen

„Insiderhandel sagt jedem zur genau falschen Zeit, dass alles manipuliert ist und nur Leute, die eine Milliarde Dollar besitzen und deren Freunde in den Verwaltungsräten von großen Konzernen sitzen, echtes Geld verdienen können“, sagte Bharara.

Seine Methoden ähneln teilweise denen von Giuliani. Er setzt auf die Kooperation von Angeklagten, die sich davon eine mildere Strafe erhoffen. Aber erstmals nutzte Bharara auch Methoden, die bisher nur im Kampf gegen die Mafia und Drogenhändler eingesetzt wurden; das Abhören von Telefonen und das Mitschneiden von Gesprächen verdächtiger Personen durch Informanten.

Versteckte Kameras vom FBI

Bisher war es relativ schwierig gewesen, Insiderhandel nachzuweisen. Mit Tonbandaufnahmen können Bhararas Assistenten Geschworene vor Gericht wesentlich besser beeindrucken. Die Methoden sind umstritten und werden von den Verteidigern in Frage gestellt.

Aber Bharara ist unbeirrt und setzt weiter auf Abschreckung. Die Bundespolizei FBI, die gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft gegen Insiderhändler ermittelt, veröffentlichte kürzlich mit einer versteckten Kamera gefilmte Aufnahmen eines mittlerweile verurteilten Mannes, der einem als Hedgefonds-Manager posierenden FBI-Ermittler gegen Geld vertrauliche Informationen anbietet.

„Gier ist manchmal nicht gut“

Dazu ruft der Schauspieler Michael Douglas, der Gordon Gekko gespielt hat und zum widerwilligen Kultstar in den Handelssälen wurde, in einem Werbespot zur Mithilfe bei der Verfolgung von Insiderhandel auf.

Auch Bharara selbst schlägt manchmal einen Bogen zu den wilden achtziger Jahren. Als er die Anklage gegen den Hedgefonds-Manager Rajaratnam verkündete, zitierte er Boesky und Gekko auf seine Weise: „Gier ist manchmal nicht gut“, sagte Bharara.

Bhararas Behörde

Der Bundesstaatsanwalt für den südlichen Bezirk von New York führt die Vertretung des amerikanischen Justizministeriums in acht Landkreisen des Bundesstaates, darunter Manhattan, die Bronx und die Vorortregionen Westchester und Putnam. Für die Behörde arbeiten rund 220 Staatsanwälte. Der Leiter wird vom amerikanischen Präsidenten ernannt. Da sich die meisten New Yorker Banken und Wertpapierhäuser in dem Bezirk befinden, fallen Betrugsfälle an der Wall Street häufig in den Zuständigkeitsbereich dieser Staatsanwaltschaft.

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Jahrgang 1965, Finanzmarktkorrespondent in New York.

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