20.05.2011 · Die Vorstandsvorsitzenden der M-Dax-Konzerne haben 2010 im Durchschnitt 2,35 Millionen Euro verdient. Spitzenverdiener war Hochtief-Chef Herbert Lütkestratkötter mit 4,5 Millionen Euro vor Louis Gallois von EADS und Axel Heitmann von Lanxess.
Von Julia Löhr und Holger PaulMittelgroße deutsche Aktiengesellschaften - so definiert die Deutsche Börse jene Unternehmen, die im Index M-Dax gelistet sind. Was den Börsenwert angeht, mag diese Definition zutreffen. Doch wenn es um die Vergütung der Vorstandsvorsitzenden geht, ist das Wort „mittelgroß“ leicht untertrieben: Etliche der Unternehmenslenker im M-Dax kamen im vergangenen Jahr auf Bezüge, die auch in der ersten Börsenliga der 30 Dax-Konzerne gezahlt werden. Das ist das Ergebnis einer Studie der Vergütungsberatung Hostettler, Kramarsch & Partner (HKP), die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorab vorliegt.
Demnach beliefen sich die Gesamtbezüge im Durchschnitt auf 2,35 Millionen Euro. Vergleicht man die Vorstandschefs, die sowohl 2009 als auch 2010 im Amt waren, ergibt sich ein Anstieg um 28 Prozent. Spitzenverdiener war Hochtief-Chef Herbert Lütkestratkötter mit insgesamt 4,5 Millionen Euro. Darin enthalten sind Fixgehalt, Bonus, langfristige Gehaltselemente sowie Beiträge zur Altersvorsorge und Nebenleistungen. Auch EADS-Chef Louis Gallois und Lanxess-Chef Axel Heitmann erhielten inklusive aller Extras mehr als 4 Millionen Euro. Diese Größenordnung entspricht in etwa dem Durchschnittsgehalt eines Dax-Vorstandsvorsitzenden. Auch international können sich die Summen sehen lassen: „Früher hieß es, Deutschland sei der Vergütungskeller der Welt“, sagt Studienautor Michael Kramarsch. „Das ist heute nicht mehr so.“
Kritik üben die Vergütungsberater jedoch weniger an der absoluten Höhe der Bezüge im M-Dax als an der Art des Ausweises. 13 der 50 Unternehmen wiesen die Vorstandsbezüge nicht individuell aus. Zum Kreis der Verweigerer zählt beispielsweise die Axel Springer AG. Das im M-Dax notierte Unternehmen weist nur die Gesamtsumme für den Vorstand von 17,9 Millionen Euro aus. In der Branche heißt es, Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner erhalte davon gut 10 Millionen Euro, womit er selbst den Spitzenverdiener im Dax, Volkswagen-Chef Martin Winterkorn, übertreffen würde.
Auf einen individuellen Ausweis verzichten können Unternehmen, wenn drei Viertel ihrer Anteilseigner dem zustimmen - so steht es im Gesetz. Im M-Dax mit seinem starken Einfluss von Familiengesellschaftern und Private-Equity-Unternehmen stellt dies keine hohe Hürde dar. Ob es die Manager oder die großen Anteilseigner sind, die Interesse an dieser Verschwiegenheit haben, ist nicht immer klar; vieles spricht jedoch dafür, dass die jeweiligen Vorstandsvorsitzenden die treibende Kraft sind.
Hugo Boss verweigert die Aussage
So verweigert zum Beispiel der Modekonzern Hugo Boss, mehrheitlich im Besitz der Private-Equity-Gesellschaft Permira, den Einzelausweis. Der Medienkonzern Pro Sieben Sat 1 dagegen, an dem Permira ebenfalls maßgeblich beteiligt ist, weist die Vorstandsgehälter individuell aus. Michael Kramarsch hält die Möglichkeit, sich über die Hauptversammlung von der individuellen Offenlegung befreien zu lassen, für unsinnig; „Wenn der Gesetzgeber Transparenz schaffen will, sollte er nicht solche Schlupflöcher dulden.“
Die Vorstandsvorsitzenden von Aurubis, Deutsche Euroshop, EADS, Lanxess und Leoni konnten der Studie zufolge ihre Bezüge von 2009 zu 2010 verdoppeln. „Im M-Dax wird der Erfolg eines Unternehmens stärker dem Vorstandsvorsitzenden zugeordnet“, erklärt Kramarsch. Daher hätten diese mehr Verhandlungsmacht. „Zum Teil gibt es auch noch alte Verträge, die die Vorstandsvorsitzenden aussitzen.“
Kramarsch verteidigt die Erhöhungen unter anderem mit Verweis auf die „explodierenden Gewinne“. Der Gewinn je Aktie sei im M-Dax im Schnitt um mehr als 600 Prozent gestiegen, das spiegele sich in den variablen Gehaltskomponenten wider. Zudem gibt Kramarsch zu bedenken: „Die Hälfte der variablen Vergütung steht vorerst nur auf dem Papier. Was davon wirklich ausgeschüttet wird, zeigt sich erst in einigen Jahren.“ Viele Unternehmen haben in der Vergangenheit Boni eingeführt, die erst mit Verzögerung ausgezahlt werden. Das sei zwar grundsätzlich lobenswert, sagt Kramarsch, erschwere allerdings auch die Vergleichbarkeit. Er fordert, dass die Unternehmen die Angaben in standardisierten Tabellen ausweisen sollten, wie dies in Amerika der Fall sei. „Dieser Aufgabe könnte sich zum Beispiel die Corporate-Governance-Kommission annehmen.“
„Das doppelte Gehalt oder ich wechsele“
Auch unterhalb des M-Dax in den Börsensegmenten S-Dax (kleinere Werte) und Tec-Dax (Technologieunternehmen) lassen sich etliche Beispiele finden, dass 2010 für die Vorstandskonten ein hervorragendes Jahr war. Beim schwäbischen Anlagenbauer Dürr kletterte die Gesamtvergütung für den Zwei-Mann-Vorstand (kein Einzelausweis) um 40 Prozent auf 2,25 Millionen Euro. In ähnlicher Höhe kletterte das Gehalt von Aixtron-Chef Paul Hyland auf knapp 3,8 Millionen Euro. Der Frankenthaler Pumpenhersteller KSB steigerte die Gehaltssumme um knapp 10 Prozent auf 4 Millionen Euro (kein Einzelausweis). Und Manfred Bender, Vorstandschef von Pfeiffer Vacuum, konnte sich über eine knapp siebzigprozentige Erhöhung auf 856 000 Euro freuen. Dem stünden allerdings zum Teil auch deutlich höhere Unternehmensgewinne und Ausschüttungen an die Aktionäre gegenüber, sagt der Wirtschaftsjurist Michael Oltmanns, Aufsichtsratsvorsitzender von Pfeiffer Vacuum.
Ein wenig sieht der erfahrene Aufsichtsrat die steigenden Vergütungen auch als Anerkennung dafür, dass sich Vorstände in kleineren und mittelgroßen Industriebetrieben stark mit ihren Unternehmen identifizierten und ihre Karriere dort langfristig planten. Beschwerden darüber, dass Dax-Vorstände viel mehr verdienen könnten, obwohl in kleineren Konzernen ebenso hart gearbeitet werden müsse, habe er noch nie erlebt, sagt Oltmanns. Und eine Verhandlung im Stile moderner Fußball-Profis ( „das doppelte Gehalt, oder ich wechsele zu einem größeren Konzern“) gebe es in dieser Liga auch nicht. Ganz freiwillig geben allerdings auch diese Manager ihre Geheimnisse nicht preis. Pfeiffer Vacuum habe versucht, den individualisierten Ausweis zu verhindern, aber die nötige Mehrheit sei auf der Hauptversammlung nicht erreicht worden, sagt Oltmanns.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.382,15 | −0,86% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2460 | −0,23% |
| Rohöl Brent Crude | 105,89 $ | −0,90% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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