02.07.2011 · Axel Weber wurde als möglicher Nachfolger an der Spitze der Deutschen Bank gehandelt. Überraschenderweise wird er jedoch zur schweizerischen Großbank UBS gehen. Die Optionen des Aufsichtsratsvorsitzenden Börsig sind nun begrenzt.
Von Gerald Braunberger, Markus Frühauf, Stefan RuhkampAxel Weber ist ein auf seinen Fachgebieten kompetenter Mann, ein hemdsärmeliger, eher eigenbrötlerischer und leicht misstrauischer Typ, dem es im Beruf vor allem um Leistung und Effizienz geht und nicht darum, einen Preis für persönliche Beliebtheit zu erhalten. Vor allem aber zeigte Weber in den schlimmsten Stunden der Finanzkrise eine beeindruckende Standfestigkeit. In höchst schwierigen Momenten, in denen so manchem erfahrenen Bankvorstand der Schweiß auf die Stirn trat, wirkte er immer noch souverän.
Es ist vor allem diese in extremen Stresssituationen gezeigte Souveränität, zusammen mit seiner Sachkompetenz und Führungsstärke, die ihn für eine Tätigkeit in der Privatwirtschaft interessant machte. Und Weber, der die nach seinem Ausscheiden aus der Deutschen Bundesbank an der Universität in Chicago übernommene Gastprofessur nur als vorübergehende Parkposition verstanden hatte, zog es in die Privatwirtschaft. Schnell wurde er als möglicher Nachfolger Josef Ackermanns an der Spitze der Deutschen Bank erwähnt, und die Bank tat nichts, um sich gegen diese Möglichkeit zu wenden. Es war bekannt, dass Ackermann Weber schätzte, und es gab keinen unumstrittenen internen Kandidaten für die Nachfolge Ackermanns. Das schien zu passen. Nun aber wird Weber überraschend zur schweizerischen Großbank UBS gehen.
Die Deutsche Bank kommentierte diese Personalie nicht. Webers Schritt wird am Frankfurter Finanzplatz als schwerer Rückschlag in der Nachfolgersuche für Ackermann gewertet. Der Vertrag des Vorstandsvorsitzenden endet mit der Hauptversammlung 2013. Dann wird der Schweizer 65 Jahre alt sein. Dass er abermals seinen Vertrag verlängern wird, gilt deshalb als unwahrscheinlich. Doch die Optionen des Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Börsig sind nun begrenzt. Damit seien die Chancen von Anshu Jain gestiegen, heißt es in Finanzkreisen. Der Chef des Investmentbankings, das zum Konzerngewinn rund zwei Drittel beiträgt, strebt auf den obersten Posten in der Deutschen Bank.
Politische Dimension
Doch der Aufsichtsrat soll Bedenken haben: Jain ist in der deutschen Politik nicht ausreichend vernetzt. Aber das Amt als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank hat eine politische Dimension. Darüber hinaus spricht der gebürtige Inder, der sein Büro in London hat, nicht Deutsch. Schließlich ist die Deutsche Bank gegenwärtig mit zahlreichen Rechtsstreitigkeiten konfrontiert. So wurde sie von der amerikanischen Regierung wegen falscher Angaben bei der Einreichung von Hypothekenkrediten in ein staatliches Förderprogramm auf Schadensersatz über eine Milliarde Dollar verklagt.
In Deutschland verlor das Institut einen Prozess vor dem Bundesgerichtshof wegen komplexer Zinsderivate, die es an Kommunen und Unternehmen verkauft hat. Die meisten Rechtsstreitigkeiten müssen dem Investmentbanking zugeordnet werden, für das Jain verantwortlich ist. Mit dem Anspruch Ackermanns, dass kein Geschäft es wert sei, den Ruf der Deutschen Bank zu gefährden, lässt sich das kaum vereinbaren. Die Zweifel an Jain waren sicherlich ein Grund, dass es zu Kontakten zwischen Weber und der Bank gekommen ist.
Doch Weber hätte im Führungsgremium der Deutschen Bank ohne Hausmacht keinen leichten Stand gehabt. Über diese verfügt jedenfalls Jain, wie sich aus – von der Bank dementierten – Hinweisen auf ein Schreiben der anderen Vorstandsmitglieder ableiten lässt, in dem Jain als Nachfolger Ackermanns vorgeschlagen wird. Intern gerät Börsig wieder unter schweren Beschuss. Offenbar ist es im Frühjahr zu Gesprächen zwischen dem für die Berufung des Vorstandschefs zuständigen Aufsichtsratsausschuss und Weber gekommen. Doch ein Angebot hat ihm Börsig nicht unterbreitet. Es stellt sich die Frage, ob es Börsig wirklich anzulasten ist, wenn Weber zur UBS geht. Denn dort hat er als Verwaltungsratspräsident eine Funktion, die auf ihn besser zugeschnitten ist als der Vorstandsvorsitz der Deutschen Bank. Der Verwaltungsratschef leitet nicht nur das Kontrollgremium, sondern trägt auch Verantwortung für die Strategie. Um das Tagesgeschäft muss er sich nicht kümmern. Dafür wäre Weber aber als Vorstandschef der Deutschen Bank zuständig gewesen.
Unbeugsamer Vertreter
Das Verhältnis zwischen Börsig und Ackermann ist angespannt. Schon die Nachfolgersuche im Frühjahr 2009 ging schief. Ackermann wollte 2010 zurücktreten. Doch die Suche verlief ergebnislos, so dass der Aufsichtsrat prüfte, ob Börsig den Posten selbst übernehmen kann. Daraufhin verlängerte Ackermann seinen Vertrag bis Frühsommer 2013.
In der Bundesbank wird das bevorstehende Engagement Webers in der Schweiz als „glückliche Fügung“ bezeichnet. Nun sei die Variante Deutsche Bank vom Tisch, und das sei gut so, hieß es aus dem Umfeld der Bundesbankspitze. Andernfalls hätte eine Situation gedroht, in der die Bundesbank ihren ehemaligen Präsidenten hätte beaufsichtigen müssen. Die Bundesbank wird den Wechsel ihres früheren Präsidenten in die Privatwirtschaft prüfen. Weber habe den Vorstand um Zustimmung gebeten, erklärte die Bundesbank am Freitag. Eine Zustimmung für einen Wechsel zur UBS sei nötig, weshalb sich der Vorstand voraussichtlich am 12. Juli damit beschäftigen werde. Aus den Statuten des Euro-Systems ergibt sich für Weber eine Karenzzeit von einem Jahr. Im Vertrag mit der Bundesbank steht dem Vernehmen nach eine Karenzzeit von einem halben bis zwei Jahren, wodurch der Vorstand einen Ermessensspielraum hat. Da Weber aber in die Schweiz wechseln will, dürften seine Wechselpläne nicht an einem Veto scheitern.
Unklar bleibt im Nachhinein Webers Rolle beim Beschluss der Europäischen Zentralbank (EZB) im Mai 2010, Staatsanleihen anzukaufen. Weber schreibt sich auf seine Fahnen, dass er gegen das Ankaufprogramm gestimmt habe. Er machte dies öffentlich und isolierte sich dadurch im Rat der EZB. Später, als er sich im Februar 2011 selbst aus dem Rennen um die Präsidentschaft nahm, erklärte er seinen Rückzieher mit dieser Isolation. Dabei stellte er sich als unbeugsamen Vertreter eines strikten Stabilitätskurses dar. Allerdings hat dieses Bild Risse erhalten. Weber stimmte zwar gegen das umstrittene Ankaufprogramm. Wenige Monaten zuvor hatte er jedoch ein ähnliches Programm für den Kauf von Pfandbriefen vorgeschlagen, das dann auch umgesetzt wurde. Zudem sei es denkbar – so ist in Finanzkreisen zu hören –, dass Weber auch nicht unbeteiligt daran war, dass das umstrittene Programm für den Kauf der Staatsanleihen auf die Tagesordnung des EZB-Rates kam.
Der letzte Notenbanker eines Industriestaates
Sophia Orti (rum)
- 02.07.2011, 22:55 Uhr
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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