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Spanische Fachkräfte : Unter Preußen

Fürs Leben: Dreizehn junge Spanier haben in Hannover mehr oder weniger gut Deutsch gelernt, um dem Schicksal ihrer „verlorenen Generation“ zu entkommen – der Massenarbeitslosigkeit Bild: Schmitt, Felix

In Spanien war er einer von Millionen. In Hannover ist José umworben. Auf Erkundungsreise mit jungen Spaniern, die im Land der Schnitzel und Pfarrhäuser ihr Glück finden.

          José de las Cuevas Calero hat sein wichtigstes Werkzeug immer zur Hand: das Wörterbuch. Es liegt auf seinem Schreibtisch im Sekretariat der Böhm Güterverkehrs GmbH. Das ist eine Spedition in einem kargen Industriegebiet vor den Toren Hannovers. Hier hat der 25 Jahre alte Spanier für drei Monate eine berufliche Heimat gefunden. Erst mal. Vielleicht wird er aber auch sein ganzes Leben bleiben.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          José ist einer von dreizehn arbeitshungrigen Spaniern, die im Rahmen eines Projekts der IHK Hannover von April bis Juni ein Praktikum bei deutschen Unternehmen in der Region absolviert haben. In den kommenden Tagen fliegen sie alle in ihre Heimat zurück. Doch für die meisten von ihnen wird es nur ein kurzes Wiedersehen mit der Familie sein. Elf der dreizehn Spanier kommen in wenigen Wochen nach Niedersachsen zurück - um eine Ausbildung zu beginnen, und manche haben auch eine feste Stelle gefunden in den Betrieben, in die sie hineingeschnuppert haben.

          Zu Gast beim Pfarrer

          So auch José: „Im August beginnt meine Ausbildung zum Speditionskaufmann“, erzählt er. Sein Deutsch ist noch etwas holprig, aber dafür, dass er fremdsprachlich unbedarft in sein Abenteuer bei den „Alemanes“ zog, kommt er schon ganz gut klar. „Franziskaner“ war eines seiner ersten Worte. Gemeint ist das Weißbier, das er hier gleich zu Beginn kennenlernte. Das allerdings war ein alkoholfreies Weizen. Und ohnehin wirkt José ziemlich nüchtern, geradezu preußisch: Er trägt eine schwarze Brille, das dunkle Haar ist akkurat gekämmt. Er wirkt aufmerksam, ernst und höflich.

          Während seines Praktikums wohnt José in der Familie eines evangelischen Pfarrers. Dort ging es anfangs streng zu. Der Pastor weckte seinen Gast um 6 Uhr in der Früh mit einem Glöckchen. Mittlerweile aber hat der Gastgeber erkannt, dass derlei Disziplin einflößende Maßnahmen gar nicht nötig sind. José macht sich jeden Morgen von ganz allein pünktlich zur Arbeit auf. Jetzt wird nur noch zum Abendessen um 18 Uhr geläutet. „Die Familie behandelt mich sehr liebevoll“, sagt José. Ihm schmeckt sogar das deutsche Essen. Jägerschnitzel mit Bratkartoffeln sei sein Lieblingsgericht, berichtet der Andalusier ohne Augenzwinkern. Er meint es ernst. José war aber auch schon spanisch essen: „Es gibt in Hannover ein Lokal namens Rias Baixa. Dort schmeckt es genauso gut wie in Spanien.“

          Viel zu gewinnen, wenig zu verlieren

          José kommt aus Sevilla. Dort hat er Transportlogistik studiert und anschließend für eine Firma in Barcelona gearbeitet. Doch die ging pleite und er verlor seinen Arbeitsplatz. Also sattelte er eine Ausbildung an einer Berufsschule obendrauf. Sein Lehrer in Spanien machte ihn auf das Praktikumsprojekt in Hannover aufmerksam. Es heißt „Adelante!“, also: „Auf geht’s!“ oder „Vorwärts!“ José biss sofort an: „Bei uns zu Hause gibt es keine Arbeit.“ Mehr als fünfzig Prozent der jungen Spanier sind arbeitslos.

          José an seinem Arbeitsplatz; „Fiesta, Siesta, Füße hoch - das erlebe ich mit Heinz Müller, aber mit ihm nicht“, sagt sein neuer Chef

          Hierzulande herrscht eine ganz andere Not. Es gibt zu wenig Nachwuchskräfte. 20 Prozent der Ausbildungsplätze in der Region Hannover können nicht besetzt werden, wobei vor allem in gewerblich-technischen Berufen Bewerber fehlen. Das war der Grund, warum die Industrie- und Handelskammer Hannover im April 2012 die Fühler nach Spanien ausgestreckt hat. Die Kammer hat offene Plätze an Berufsschulen in Andalusien und im Baskenland übermittelt. Dort lief dann das Auswahlverfahren, wobei Deutschkenntnisse keine Voraussetzung waren. Sonst wäre kaum ein Spanier gekommen.

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