http://www.faz.net/-gqe-7yf94

Sebastian Thrun im Gespräch : „Ich will die Unilandschaft revolutionieren“

  • Aktualisiert am

Sebastian Thrun hat das geheime Forschungslabor von Google geleitet, bevor er seine Internetuniversität Udacity gründete. Bild: Marko Priske/laif

Der Stanford-Professor Sebastian Thrun hat das selbstfahrende Google-Auto entwickelt. Jetzt betreibt er im Internet eine Hochschule für alle. Kann das auch hierzulande funktionieren? Im Interview erklärt er seine Vision von Bildung.

          Herr Thrun, Sie haben die erste Online-Universität der Welt gegründet. Was bedeutet eigentlich der Name „Udacity“?

          Das große U steht für university. Der Rest des Wortes kommt von dem englischen Begriff für Kühnheit oder Wagemut: „audacity“.

          Für dieses Start-up haben Sie die besten Stellen der Welt sausenlassen: eine Professur in Stanford und den Posten als Chef von Google X, dem geheimen Forschungslabor des Internetriesen.

          Ja, und? Das, was ich mit Udacity erreichen möchte, erfordert meine volle Aufmerksamkeit. Udacity ist für mich mehr als ein Unternehmen, es ist meine Mission.

          Ein großes Wort.

          Ich will die Universitätslandschaft revolutionieren. Nicht nur in Amerika, sondern weltweit. Das System hat sich seit Hunderten von Jahren kaum erneuert. Es ist insbesondere in den Vereinigten Staaten ein elitäres System, das Bildung für einen kleinen Kreis von Privilegierten in den Industriestaaten anbietet. Das wollen wir ändern, und damit werden wir Geschichte schreiben.

          Das klingt sehr selbstbewusst. Aber Gewinne haben Sie noch nicht gemacht, oder?

          Wir sind im Moment noch nicht ganz ertragreich, das stimmt. Aber wir sind auf dem Weg dorthin. Die Zahl unserer zahlenden Studenten in unseren Nano-Degrees verdoppelt sich jeden Monat. Wir haben drei Millionen Studenten aus mehr als hundert Ländern.

          Schon vor drei Jahren haben Sie Ihre Vorlesung über künstliche Intelligenz ins Netz gestellt - und hatten auf einen Schlag 160.000 Hörer. Damit wurden Sie zum Erfinder der Online-Kurse.

          Das war damals eine Sensation. Aber auch nicht mehr. Um ehrlich zu sein: Einfach Vorlesungen ins Netz zu stellen geht an den Bedürfnissen vieler Studenten vorbei. Die meisten brechen ab. Und Universitäten erkennen ihre eigenen Online-Kurse oft nicht an.

          Was machen Sie stattdessen?

          Wir bieten Kurse mit Inhalten, die die Industrie wirklich braucht. Und Abschlüsse, die von ihr anerkannt werden. Das alles in einer sehr optimierten Form der Vermittlung, die hohe Abschlussraten garantiert. Wir haben durch die Interaktion mit unseren Studenten eine große Menge Daten - und damit das Wissen, wie Studenten derzeit am erfolgreichsten lernen. Mehr als 60 Prozent der Teilnehmer halten durch und bekommen ein Zeugnis, mit dem sie etwas anfangen können.

          Über Ihre Konkurrenz-Plattformen bekommt man Zugang zu den Top-Universitäten der Welt und kann die unterschiedlichsten Vorlesungen belegen. Warum geht das bei Ihnen nicht?

          Von den klassischen Universitäten haben wir uns zum größten Teil losgesagt. Als einzige Online-Universität bauen wir unser Bildungsangebot gemeinsam mit der Wirtschaft auf, mit Unternehmen wie Google oder Facebook. Diese Firmen investieren dabei sehr viel Geld. Die Akzeptanz bei möglichen Arbeitgebern ist unter diesen Umständen keine große Frage.

          Klappt das denn?

          Sehr gut sogar. Unsere Diplome werden als Fortbildung anerkannt, auch für Beförderungen. Selbst bei der Vergabe von Arbeitsplätzen sind unsere sogenannten „Nano-Degrees“ bei manchen Firmen schon einem Universitätsabschluss gleichgestellt. Mit der Akzeptanz unserer Abschlüsse in der Wirtschaft steht und fällt das Geschäftsmodell. Und sie steigt ständig.

          Welche Fächer kann man denn studieren?

          Im Moment sind wir eine Technische Universität - mit Kursen für Informationstechnologie, Statistik und künstliche Intelligenz. Aber wir wollen uns breiter aufstellen. Business und Entrepreneurship werden hinzukommen. Wir werden einen MBA anbieten, wenn auch nicht im traditionellen Format, weil wir diesen mit Unternehmen gemeinsam entwickeln. Er wird auch nicht zwei Jahre dauern und nur einen Bruchteil kosten. Aber ich bin sicher, er wird mindestens gleichwertig sein.

          Gibt es schon einen kompletten Studiengang?

          Gemeinsam mit dem Georgia Institute of Technology bieten wir einen Master in Informatik an. Der kostet bei uns knapp 7000, an der Uni bis zu 45.000 Dollar.

          Gräbt sich die Universität damit nicht selbst das Wasser ab?

          Das ist die spannende Frage. Für Georgia Tech’s On-campus Master in Informatik sind die Bewerbungszahlen um 30 Prozent gestiegen. Dazu kommen über 2500 Studenten, die nun online studieren. Dieser Studiengang ist innerhalb eines Jahres der größte der ganzen Uni geworden. Das bedeutet, dass sich die Universität auf Dauer verändern muss.

          Kann ein Online-Studium den Kontakt zu Professoren und Mitstudenten ersetzen?

          Weitere Themen

          Strom erzeugen mit dem Fußball

          Hilfsprojekte : Strom erzeugen mit dem Fußball

          Wenn Kinder Fußball spielen, wird Energie frei. Energie, die in Jessica O. Matthews Heimat Nigeria rar ist. Die Harvard-Absolventin hat einen besonderen Ball entwickelt, mit dem nun schon die ganz Kleinen Strom erzeugen können.

          Topmeldungen

          F.A.Z. exklusiv : Lindner: Wir fühlten uns gedemütigt

          Im Interview mit der F.A.Z. spricht der FDP-Vorsitzende über die Gründe für den Ausstieg aus den Jamaika-Sondierungen. Vor allem einer Partei wirft Christian Lindner fehlende Kompromissbereitschaft vor.
          Keine Zeit für Grokodilstränen: Sigmar Gabriel und Martin Schulz am Dienstag im Bundestag

          SPD nach Jamaika-Aus : Einmal Opposition und zurück

          Nach dem Paukenschlag wird in der SPD noch einmal neu nachgedacht. Es gelte, Neuwahlen zu vermeiden – heißt es hinter vorgehaltener Hand. Behutsam müsse man die Partei auf eine Regierungsbeteiligung vorbereiten. Nur wie?
          Heute ein seltenes Phänomen: Steiger in Deutschland.

          Letztes Bergwerk im Ruhrgebiet : Schicht im Schacht

          Auf Prosper-Haniel, der letzten Zeche im Ruhrgebiet, bereiten sich die Arbeiter auf die Schließung vor. Von 2700 Mitarbeitern werden viele in den Vorruhestand gehen, andere sich neue Jobs suchen. Die Pumpen unter Tage aber müssen weiterlaufen – für immer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.