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Schleuserbanden : 2000 Euro für die Überfahrt in ein besseres Leben

Die Polizei in Palermo zeigt Bilder von 24 zur Fahndung ausgeschriebenen Schleusern. Bild: AFP

Hunderttausende Migranten besteigen rostige Schiffe und zahlen Tausende Euro für die gefährliche Fahrt, viele sterben. Die Schleuser verdienen gut an der Verzweiflung der Menschen.

          Der Ansturm der Migranten auf Europa nimmt zu. Im vergangenen Jahr wurden 220.000 illegale Einreisen über das Mittelmeer registriert, berichtet Klaus Rösler, Einsatzchef von Frontex, der EU-Grenzschutzorganisation. „Das sind viermal so viele wie im Vorjahr.“ Und in diesem Jahr dürfte die Zahl nochmal zunehmen. Einen starken Anstieg stellen die Grenzschützer auf den gefährlichen Seerouten südlich von Italien sowie zwischen der Türkei und Griechenland fest. Mehr als 3000 Menschen ertranken im vergangenen Jahr im Mittelmeer. In diesem Jahr dürften nach dem jüngsten Unglück vom Wochenende schon 2000 Menschen gestorben sein.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Hinter dem steigenden Zustrom illegaler Migranten nach Europa stehen zum Teil internationale Verbrechersyndikate, teilt die europäische Polizeibehörde Europol in Den Haag mit. Nicht wenige der Banden sind noch in andere Aktivitäten der organisierten Kriminalität verwickelt, etwa in Drogenhandel oder Waffenschmuggel. Die meisten Schleuserbanden sind eher klein und ethnisch organisiert. Afrikaner schleusen Afrikaner, Syrer schleusen Syrer, Afghanen schleusen Afghanen. Die unterschiedlichen Banden sind vernetzt. In den Ursprungsländern gibt es Treffpunkte für die Migrationswilligen. In Teestuben, auf Märkten und Basaren werden Kontakte geknüpft und Angebote gemacht. Die Schleuser bieten Dienstleistungen an, die hunderttausendfach nachgefragt werden.

          Die Dienstleistung hat einen Preis. Syrische Flüchtlinge zahlen Schleusern oft 4000 bis 5000 Euro für die Überfahrt, die Verpflegung, den weiteren Transport an Land und Schmiergeld für Zollbeamte. Andere nennen Preise von 2000 Euro für die reine Schiffspassage von Nordafrika nach Sizilien, Kinder zahlen weniger. Wenn Schleuser auf ein beinahe schrottreifes Schiff Hunderte Menschen stopfen, dann machen sie mit jeder Fahrt einen Millionen-Gewinn. Ende 2014 wurde der Frachter Blue Sky M mit 800 Menschen an Bord vor der italienischen Küste aufgegriffen, Kapitän und Besatzung hatten die Menschen allein gelassen. Den Reingewinn der flüchtigen Schleuser kann man auf 3 bis 4 Millionen Euro schätzen.

          „Amateurschmuggler sind die gefährlichsten“

          „Wer 6000 Euro oder 20.000 Dollar investiert, der muss sich nicht auf ein altes Boot verlassen, sondern steigt sicher aus dem Flugzeug“, sagt der Journalist und Buchautor Giampaolo Musumeci, der Interviews mit Schleusern geführt hat. Beim Personenschmuggel aus China oder Pakistan in die Vereinigten Staaten gehöre zum „Luxuspaket“ auch ein gefälschter Pass. „Diejenigen, die dagegen nur eine Überfahrt zum Niedrigtarif bezahlen können, setzen sich einem tödlichen Risiko aus“, sagt Musumeci. Die neuesten Tendenzen auf diesem Markt erhöhen noch die Gefahren: Wegen großer Nachfrage nach Überfahrten gebe es nun immer mehr neue Anbieter, die nur improvisierten. In solchen Fällen könne ein 30 Jahre altes Boot verwendet werden, das für den Fischfang schon zu unsicher erscheine; es gebe kein Satellitentelefon und keine Schwimmwesten an Bord. „Die Amateurschmuggler sind die gefährlichsten für die Flüchtlinge“, sagt Musumeci.

          Nach Schiffsunglücken : Debatte um Flüchtlingspolitik

          Trotzdem verlangen auch sie hohe Preise. „Das ist kein Millionen-Geschäft, sondern ein Milliarden-Business“, betont der Migrationsforscher Stefan Luft von der Universität Bremen. Der Bundesnachrichtendienst schätzte den Umsatz der Schleuserbanden weltweit, in Afrika, in Europa, in Amerika und in Asien, vor einem Jahrzehnt auf 10 Milliarden Dollar. Inzwischen dürfte er weit höher liegen. Dabei versprechen die Schleuser ihren Kunden das Blaue vom Himmel. „Die Nachfrage stimulieren sie durch falsche Versprechungen und Illusionen, die sie bei potentiellen Kunden erwecken“, sagt Luft. Bei einem realistischen Bild der Gefahren der Reise und der Situation in Deutschland oder anderen Zielländern hätten etliche Migranten wohl den Gedanken an die illegale Einreise wieder verworfen.

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