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Scheidung im Alter : Wenn alte Liebe kostet

Gemeinsam alt werden - immer mehr Menschen entscheiden sich dagegen Bild: plainpicture

Die Zahl der Ehepaare, die sich im höheren Alter noch trennen, steigt rasant. Jeder vierte frisch Geschiedene ist mittlerweile älter als 50 Jahre. Die Scheidung führt nicht selten direkt in die Armut.

          Eine Scheidung ist teuer, eine Scheidung im höheren Alter für viele nahezu unbezahlbar. Trotzdem schnellt die Zahl der Ehepaare nach oben, die sich noch in der zweiten Lebenshälfte offiziell trennen. Von den knapp 375.000 Menschen, die sich 2011 in Deutschland scheiden ließen, waren 91700 mindestens 50 Jahre alt - also ziemlich genau jeder Vierte. 20 Jahre zuvor war der Anteil der Älteren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nur halb so hoch.

          Christoph Schäfer

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Der demographische Wandel allein kann, obwohl er die Entwicklung zwar begünstigt, die Verdopplung der Scheidungsrate unter den Älteren nicht erklären. Darin zeigt sich auch ein Wertewandel. Auch in den Vereinigten Staaten ist der Trend zu beobachten und wird unter dem Schlagwort „gray divorce“ (graue Scheidung) derzeit heiß diskutiert. Susan Brown vom „National Center for Family & Marriage Research“ der Bowling- Green-Universität veröffentlichte im vergangenen Jahr eine Studie dazu. Die Soziologieprofessorin verweist darin auf fünf Ursachen der „gray divorce revolution“: Zum einen werde eine Scheidung heute weniger sozial geächtet als früher. Zum anderen gingen immer mehr Frauen einer Erwerbstätigkeit nach. Weil die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ehemann dadurch sinke, könnten sich mehr Frauen eine Scheidung finanziell leisten. Darüber hinaus sinke die Bereitschaft, Eheprobleme zu akzeptieren und Abstriche vom eigenen „Lebensglück“ hinzunehmen. Auch gebe es unter den älteren Ehepaaren immer mehr Menschen, die eine Scheidung hinter sich hätten. Diese ließen sich statistisch gesehen eher noch einmal trennen. Nicht zuletzt sinke durch die gestiegene Lebenserwartung die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Ehe durch den Tod des Partners endet. Eine Ehe müsse länger halten als früher, um lebenslang zu sein.

          Scheidung im Alter kann teuer werden

          Soziologisch ist das Phänomen nachvollziehbar, individuell mag es gute Gründe geben. Ökonomisch gesehen ist eine Scheidung problematisch, weil Größenvorteile wegfallen. Beide Singles brauchen nun je einen Kühlschrank und eine Waschmaschine. Meist ist ein weiteres Auto nötig. Die Kosten pro Kopf für Miete, Strom und Heizung steigen überproportional. Im schlimmsten Fall muss das kreditfinanzierte Haus unter Wert verkauft werden.

          „Wenn sich ein Paar aus der Mittelschicht trennt, habe ich anschließend rechnerisch meist zwei arme Haushalte“, sagt der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel. Miriam Michelsen, Leiterin Vorsorge beim Finanzberater MLP, bezeichnet eine Scheidung als „tiefen Einschnitt in die persönliche Finanzsituation“. Sie weist darauf hin, dass Versicherungen wie beispielsweise die Privathaftpflicht von Familien- zu Singleverträgen umgestellt werden müssen. Den Schadensfreiheitsrabatt der Kfz-Versicherung könne nur einer der beiden Geschiedenen behalten. „Auch laufende Finanzierungen, die Altersvorsorge, die Krankenversicherung und Vermögensanlagen sollten genau unter die Lupe genommen werden“, sagt sie. Fachleute schätzen, dass das verfügbare Einkommen nach einer Trennung um etwa 30 Prozent sinkt.

          So teuer eine Scheidung in jungen Jahren ist, in der zweiten Lebenshälfte kommt sie häufig dem finanziellen Selbstmord gleich. „Die wirtschaftlichen Folgen einer Scheidung im fortgeschrittenen Alter können verheerend sein“, führte auch die Soziologieprofessorin Brown in der „USA Today“ aus. Das Problem sei, dass sich die Betroffenen meist in der Endphase ihrer Arbeitsmarktkarriere befänden. „Wenn man 20 oder 30 Jahre alt ist, hat man genug Zeit, den finanziellen Verlust über die Jahre auszugleichen. Mit 55 oder 60 gelingt das kaum noch.“ Ein Vermögensberater rät dazu, den persönlichen Renteneintritt in so einem Fall um zwei bis drei Jahre nach hinten zu verschieben, um den Lebensstandard zu halten.

          Familienministerium kennt die Gründe für Scheidungen nicht

          In der Realität spielen derlei Überlegungen vor der Scheidung kaum eine Rolle. „Die Menschen rechnen nicht, bevor sie sich trennen, das sind emotionale Entscheidungen“, sagt Ingeborg Rakete-Dombek, Fachanwältin für Familienrecht in Berlin. In ihre Kanzlei kämen ebenfalls „mehr Ältere als früher“. Gerade erst habe sie einen 80-Jährigen beraten, morgen komme ein noch wesentlich älterer Klient. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes betrug das Durchschnittsalter der Männer, die sich 2011 in Deutschland scheiden ließen, 45 Jahre. Frauen waren im Schnitt drei Jahre jünger. Zwanzig Jahre zuvor lag das Durchschnittsalter noch bei 39 beziehungsweise 36 Jahren.

          Trotz der statistisch klaren Ausgangslage ist die Problematik den zuständigen Bundesministerien unbekannt. Das Familienministerium hat sich nach eigenen Angaben noch nie über den Trend oder mögliche Ursachen für Scheidungen Gedanken gemacht. Für die Frage, ob nach einer Trennung die sozialen Sicherungssysteme vermehrt einspringen müssen, sei das Sozialministerium zuständig. Doch auch dieses kennt dazu „keine empirischen oder qualitativen Untersuchungen“.

          Quelle: F.A.Z.

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