http://www.faz.net/-gqe-780yb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 30.03.2013, 12:19 Uhr

Scheidung im Alter Wenn alte Liebe kostet

Die Zahl der Ehepaare, die sich im höheren Alter noch trennen, steigt rasant. Jeder vierte frisch Geschiedene ist mittlerweile älter als 50 Jahre. Die Scheidung führt nicht selten direkt in die Armut.

von
© plainpicture Gemeinsam alt werden - immer mehr Menschen entscheiden sich dagegen

Eine Scheidung ist teuer, eine Scheidung im höheren Alter für viele nahezu unbezahlbar. Trotzdem schnellt die Zahl der Ehepaare nach oben, die sich noch in der zweiten Lebenshälfte offiziell trennen. Von den knapp 375.000 Menschen, die sich 2011 in Deutschland scheiden ließen, waren 91700 mindestens 50 Jahre alt - also ziemlich genau jeder Vierte. 20 Jahre zuvor war der Anteil der Älteren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nur halb so hoch.

Christoph Schäfer Folgen:

Der demographische Wandel allein kann, obwohl er die Entwicklung zwar begünstigt, die Verdopplung der Scheidungsrate unter den Älteren nicht erklären. Darin zeigt sich auch ein Wertewandel. Auch in den Vereinigten Staaten ist der Trend zu beobachten und wird unter dem Schlagwort „gray divorce“ (graue Scheidung) derzeit heiß diskutiert. Susan Brown vom „National Center for Family & Marriage Research“ der Bowling- Green-Universität veröffentlichte im vergangenen Jahr eine Studie dazu. Die Soziologieprofessorin verweist darin auf fünf Ursachen der „gray divorce revolution“: Zum einen werde eine Scheidung heute weniger sozial geächtet als früher. Zum anderen gingen immer mehr Frauen einer Erwerbstätigkeit nach. Weil die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ehemann dadurch sinke, könnten sich mehr Frauen eine Scheidung finanziell leisten. Darüber hinaus sinke die Bereitschaft, Eheprobleme zu akzeptieren und Abstriche vom eigenen „Lebensglück“ hinzunehmen. Auch gebe es unter den älteren Ehepaaren immer mehr Menschen, die eine Scheidung hinter sich hätten. Diese ließen sich statistisch gesehen eher noch einmal trennen. Nicht zuletzt sinke durch die gestiegene Lebenserwartung die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Ehe durch den Tod des Partners endet. Eine Ehe müsse länger halten als früher, um lebenslang zu sein.

Scheidung im Alter kann teuer werden

Soziologisch ist das Phänomen nachvollziehbar, individuell mag es gute Gründe geben. Ökonomisch gesehen ist eine Scheidung problematisch, weil Größenvorteile wegfallen. Beide Singles brauchen nun je einen Kühlschrank und eine Waschmaschine. Meist ist ein weiteres Auto nötig. Die Kosten pro Kopf für Miete, Strom und Heizung steigen überproportional. Im schlimmsten Fall muss das kreditfinanzierte Haus unter Wert verkauft werden.

„Wenn sich ein Paar aus der Mittelschicht trennt, habe ich anschließend rechnerisch meist zwei arme Haushalte“, sagt der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel. Miriam Michelsen, Leiterin Vorsorge beim Finanzberater MLP, bezeichnet eine Scheidung als „tiefen Einschnitt in die persönliche Finanzsituation“. Sie weist darauf hin, dass Versicherungen wie beispielsweise die Privathaftpflicht von Familien- zu Singleverträgen umgestellt werden müssen. Den Schadensfreiheitsrabatt der Kfz-Versicherung könne nur einer der beiden Geschiedenen behalten. „Auch laufende Finanzierungen, die Altersvorsorge, die Krankenversicherung und Vermögensanlagen sollten genau unter die Lupe genommen werden“, sagt sie. Fachleute schätzen, dass das verfügbare Einkommen nach einer Trennung um etwa 30 Prozent sinkt.

So teuer eine Scheidung in jungen Jahren ist, in der zweiten Lebenshälfte kommt sie häufig dem finanziellen Selbstmord gleich. „Die wirtschaftlichen Folgen einer Scheidung im fortgeschrittenen Alter können verheerend sein“, führte auch die Soziologieprofessorin Brown in der „USA Today“ aus. Das Problem sei, dass sich die Betroffenen meist in der Endphase ihrer Arbeitsmarktkarriere befänden. „Wenn man 20 oder 30 Jahre alt ist, hat man genug Zeit, den finanziellen Verlust über die Jahre auszugleichen. Mit 55 oder 60 gelingt das kaum noch.“ Ein Vermögensberater rät dazu, den persönlichen Renteneintritt in so einem Fall um zwei bis drei Jahre nach hinten zu verschieben, um den Lebensstandard zu halten.

Familienministerium kennt die Gründe für Scheidungen nicht

In der Realität spielen derlei Überlegungen vor der Scheidung kaum eine Rolle. „Die Menschen rechnen nicht, bevor sie sich trennen, das sind emotionale Entscheidungen“, sagt Ingeborg Rakete-Dombek, Fachanwältin für Familienrecht in Berlin. In ihre Kanzlei kämen ebenfalls „mehr Ältere als früher“. Gerade erst habe sie einen 80-Jährigen beraten, morgen komme ein noch wesentlich älterer Klient. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes betrug das Durchschnittsalter der Männer, die sich 2011 in Deutschland scheiden ließen, 45 Jahre. Frauen waren im Schnitt drei Jahre jünger. Zwanzig Jahre zuvor lag das Durchschnittsalter noch bei 39 beziehungsweise 36 Jahren.

Mehr zum Thema

Trotz der statistisch klaren Ausgangslage ist die Problematik den zuständigen Bundesministerien unbekannt. Das Familienministerium hat sich nach eigenen Angaben noch nie über den Trend oder mögliche Ursachen für Scheidungen Gedanken gemacht. Für die Frage, ob nach einer Trennung die sozialen Sicherungssysteme vermehrt einspringen müssen, sei das Sozialministerium zuständig. Doch auch dieses kennt dazu „keine empirischen oder qualitativen Untersuchungen“.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Datenreport Die Deutschen arbeiten viel - die Migranten auch

Der deutschen Wirtschaft geht es gut: Es gibt so viele Erwerbstätige wie nie, die Erwerbslosenquote ist auf einem Rekordtief. Doch der Bericht zeigt auch: Die Verteilung der Aufgaben zwischen Männern und Frauen bleibt gleich. Mehr Von Anna Steiner

03.05.2016, 12:23 Uhr | Wirtschaft
Video Nordirland: Im Schutz der Mauern

Fast zwanzig Jahre nach dem Ende des Nordirlandkonfliktes trennen in Belfast immer noch Mauern und Zäune Katholiken und Protestanten voneinander. Die nordirische Regierung hat einen Plan vorgelegt, die Barrieren abzubauen. Nicht alle wollen das. Mehr

03.04.2016, 10:07 Uhr | Gesellschaft
Lobbyismus Im Dienste der Männer

Der Dachverband für Männerinteressen wird vom Familienministerium stark unterstützt – das erregt Unmut. Doch was genau ist das Problem mit dieser Organisation? Mehr Von Mona Jaeger

21.04.2016, 13:35 Uhr | Politik
Neuseeländerin Helen Clark will UN-Generalsekretärin werden

Die frühere neuseeländische Premierministerin Helen Clark will UN-Generalsekretärin werden. Clark wäre die erste Frau auf dem höchsten Posten der Vereinten Nationen. Amtsinhaber Ban Ki-moon aus Südkorea scheidet nach zehn Jahren zum kommenden 31. Dezember aus dem Amt. Neben Clark gibt es bislang sieben weitere Anwärter. Mehr

05.04.2016, 09:33 Uhr | Politik
Sanders vs. Clinton Vereint im Kampf gegen die Maschine

Neulich am Wahlkampfstand: Alte Jecken des zivilen Ungehorsams und ewig Junge kämpfen für Bernie Sanders - mit Erfolg? Ein Bericht aus New York. Mehr Von Patrick Bahners

19.04.2016, 12:38 Uhr | Feuilleton

Die billige Milch

Von Jan Grossarth

Keiner hat die Absicht, zehntausende Bauern in den Ruin zu treiben. Und doch geschieht es. Mehr 11 34


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

IWF-Ausblick Warum die Ungleichheit in Asien steigt

Die Ungleichheit der Einkommen steigt in Asien schneller und ist größer als im Rest der Welt. Das analysiert der Internationale Währungsfonds. Ist das ein Problem? Mehr Von Patrick Welter, Tokio 6 13

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“