Unaufhörlich dringt der Pressluftmeißel in den Bottich, es ist laut und staubig, Gipsbrocken fliegen durch die Luft. Ein klobiger Gipsrohling wird so lange bearbeitet, bis nach einiger Zeit ein Gießharzschaft übrig bleibt, der die Form eines menschlichen Oberschenkels hat. Der junge Mann, der hier so entschlossen zur Sache geht, ist Orthopädiemechaniker und werkelt gerade an einer Beinprothese.
Ein Dutzend Gipsnegative von Beinamputierten liegen im Regal, daneben Schuheinlagen für Knick-Spreiz-Senkfüße und Lauforthesen aus Superleicht-Materialien. Der Orthopädiemechaniker selbst trägt einen Kompressionsstrumpf über seinem rechten Unterschenkel. Um ein Haar hätte er sein rechtes Bein verloren - oder womöglich gar sein Leben.
Torsten Fuchs hat Glück im Unglück gehabt. Er nimmt die Schutzbrille ab, wischt sich den Schweiß von der Stirn und erzählt dann seine Geschichte, die ihn in die kleine Orthopädiewerkstatt des Sanitätshauses August im beschaulichen Dessau geführt hat und wie er nun die Arbeit an künstlichen Beinen und Armen zu seinem Beruf machen will. Es ist eine Geschichte der Zufälle, der unglücklichen wie der glücklichen Umstände, der Hilfe und der Selbsthilfe.
Zwei Tage im künstlichen Koma
Sie beginnt am Montag, den 10. Juli 2006, einem lauen Sommertag, auf einer Kreuzung in der ostdeutschen Provinz. Das Sommermärchen, das ganz Fußball-Deutschland in Atem hielt, ist gerade vorüber. Torsten Fuchs hat seinen Realschulabschluss gemacht und genießt jetzt die Ferien. „Ich wollte zu meinem Kumpel fahren, mich zum Baden verabreden.“ Der Sechzehnjährige ist mit seinem Moped unterwegs, zurück von einem Reiterladen. Dort hat er eine Weidezaunbatterie abgeholt, die seine Eltern für die Pferdekoppel ihres Bauernhofs in Klepzig benötigen.
Vor der Kreuzung sieht Torsten den Opel Corsa. Der hat gut 120 Stundenkilometer drauf, missachtet die Vorfahrt. „Für einen kurzen Moment dachte ich noch, entweder bremsen oder beschleunigen.“ Aber für eine Entscheidung ist es schon zu spät. Torsten fliegt, das zeigen später die Ermittlungsprotokolle der Polizei, 32 Meter durch die Luft - wie ein Gipsstück in der Orthopädiewerkstatt.
Zwei Tage liegt er auf der Intensivstation der Klinik Bergmannstrost in Halle an der Saale im künstlichen Koma. Als er wieder zu sich kommt, ist die Diagnose niederschmetternd: zahlreiche innere Verletzungen, Schädel-Hirn-Trauma, mehrere angebrochene Rippen und gebrochene Ellbogen- und Oberschenkelknochen. Am schlimmsten ist jedoch die Trümmerfraktur im rechten Unterschenkel. Muskeln, Gewebe, Blutgefäße sind vollständig zerstört. Ob der Sechzehnjährige sein Bein behält, ob er je wieder laufen wird, ist fraglich. Im Krankenhaus verliert Torsten Fuchs zwanzig Kilo.
Nach sieben Wochen und 15 Operationen ist an ein normales Leben nicht zu denken. Das dämmert dem Heranwachsenden, als ihn sein Vater aus dem Krankenhaus abholt und ihn im Rollstuhl in den heimischen Pferdestall schiebt. „Da stand Lorette in der Box, mein Lieblingspferd, und kam mit dem Kopf ganz lieb, ganz nah zu mir an den Rollstuhl.“ Der Gedanke, nie wieder reiten zu können, wird nun auf einmal zur Gewissheit, und die Erinnerung an diesen Moment treibt ihm heute noch Tränen in die Augen. Doch im Pferdestall fasst Torsten Fuchs auch einen Entschluss: „Ich will nicht mein ganzes Leben im Rollstuhl verbringen.“
„Thorsten war der passende Mensch“
Enrico August kann sich noch gut erinnern an den Tag vor vier Jahren, als Torsten Fuchs das erste Mal in sein Sanitätshaus in der Antoinettenstraße in Dessau kam, schüchtern, auf Gehstützen angewiesen und begleitet von seiner Mutter. August ist Orthopädiemechanikermeister, ein sportlicher Mann Ende 30. Er holt Torstens Bewerbungsfoto aus einer Mappe. Es zeigt einen Jungen mit traurigem Blick, der lieber Tischler geworden wäre wie der Vater und der nun womöglich gar nicht im Stehen an der Trichterfräse, der wichtigsten Maschine in der Orthopädiewerkstatt, würde arbeiten können.
Enrico August führt das Geschäft in dritter Generation. Wenige Wochen bevor Torsten Fuchs mit seiner Mutter das Sanitätshaus betrat, war Augusts Vater gestorben. Mit ihm hatte er als Juniorchef zusammen in der Werkstatt gearbeitet. Nun ist er für den Zehn-Mann-Betrieb allein verantwortlich, steht von morgens acht bis nachts um elf hinter der Ladentheke oder an der Trichterfräse. Enrico August, damals 35 Jahre alt, benötigt eigentlich einen Gesellen und keinen Auszubildenden. „Es war ein Wagnis“, sagt August, „aber Torsten war der passende Mensch.“
Für August sind es schwierige Zeiten. Früher lebte das Sanitätshaus gut von den Kriegsversehrten. Heute sind die wichtigsten Kunden meist Unfallopfer und Senioren. An alten Menschen herrscht kein Mangel in Sachsen-Anhalt, glaubt man den Statistiken und Prognosen zur demographischen Entwicklung in den neuen Bundesländern. Gut zwanzig Jahre nach der Einheit will August nicht jammern über das System, das er nur als Jugendlicher kennengelernt hat. Er beklagt, dass sich die heutigen Rentner mit dem Standard an medizinischer Versorgung begnügen.
Die Werktätigen in der damaligen DDR haben das akzeptiert, was ihnen die Sozialversicherungskasse (SVK) auf Rezept gewährt hat. „Das SVK-Denken ist heute immer noch weit verbreitet. Man verzichtet, man leidet lieber, als sich höherwertige Kompressionsstrümpfe oder individuell angepasste Einlagen zu gönnen“, sagt August. Die Geschäfte laufen nicht gut in einer Stadt, in der es auch nicht so gut läuft: 86000 Einwohner dank der Eingemeindung von Roßlau und anderen Gemeinden, vor der Wende waren es mehr als 100000, die Arbeitslosenquote liegt in Dessau bei fast 20 Prozent.
Versicherungen betreiben Reha-Management
Enrico August gibt dem behinderten Jungen im Sommer 2008 einen Ausbildungsvertrag, nimmt ihn mit zu Hausbesuchen, zeigt ihm alle Handgriffe in der Werkstatt. Aber ob Torsten Fuchs die Gesellenprüfung jemals schafft, ist völlig ungewiss. Denn anders als normale Azubis muss Torsten immer wieder ins Krankenhaus. Dort reiht sich weiterhin Operation an Operation. Gesundheitliche Rückschläge überschatten den schulischen Erfolg des Auszubildenden. „Torsten hat aus Misserfolgen gelernt“, sagt sein Ausbilder.
Severin Moser weiß, was der Verlust eines Körperteils für einen Menschen bedeuten kann. Der drahtige Mann war Leichtathlet in der Königsdisziplin Zehnkampf. Moser lief die hundert Meter in 10,6 Sekunden, überwand im Stabhochsprung die Fünf-Meter-Marke, erreichte 7,30 Meter im Weitsprung. Heute ist der gebürtige Schweizer Vorstandsvorsitzender der Allianz Versicherungs-AG, in der das Sachversicherungsgeschäft des Münchner Konzerns gebündelt ist.
In Mosers Zuständigkeit fällt auch das sogenannte Reha-Management, das von Haftpflichtversicherern in Zusammenarbeit mit Reha-Dienstleistern betrieben wird und Schäden von Unfallopfern wie Torsten Fuchs regulieren muss. Nicht nur die Allianz, fast alle großen Versicherungskonzerne haben solche Dienste aufgebaut. Sie kommen - in der Theorie - immer dann ins Spiel, wenn bei einer Versicherung eine Schadensmeldung über einen besonders schlimmen Unfall eingeht.
Bei Berufsunfähigkeit zahlt gegnerische Versicherung
Das menschliche Schicksal hinter einer Schadensnummer kann der einstige Leistungssportler Moser nachempfinden. „Ich habe damals in unserem Sportzentrum Magglingen einen Triathleten kennengelernt, der war Weltspitze, und für den war der Sport alles. Nach einem Verkehrsunfall war er querschnittsgelähmt.“
Schadensersatz und Schmerzensgeld, eine monatliche Rente und Pflegeunterstützung sind typische Leistungen eines Versicherers im Schadensfall. Sobald ein Unfallopfer nicht mehr seinen Beruf ausüben kann, muss die gegnerische Versicherung auch dafür zahlen. Und deshalb liegt es in der Natur eines Versicherers, die Kosten für Personenschäden so gering wie möglich zu halten. Das simple Kalkül: Ein junges Unfallopfer, das wieder in Lohn und Brot gebracht wird, kostet weniger als ein lebenslänglicher Pflegefall.
Die Allianz hat in der vergangenen Dekade 3500 Schadenfälle an Reha-Dienstleister abgegeben, immer mit dem Ziel, die eigenen Kosten zu minimieren und den Verunglückten ins normale Berufsleben zurückzubringen. In 52 Prozent der Fälle, sagt Moser, gelingt dies auch. Versicherer sprechen dann gern von einer Win-win-Situation - wenn sich für beide Seiten, Versicherer und Geschädigten, der Einsatz lohnt. Dabei entscheiden meist die ersten Stunden nach einem Unfall über den Ausgang einer Reha-Geschichte. „Ganz wichtig ist Schnelligkeit. Sobald unser Schadensachbearbeiter erfährt, dass etwa der Patient im Koma liegt oder ein Helikopter im Einsatz war, wird die Rehacare eingeschaltet“, sagt Moser. „Da warten wir nicht erst ein Arztgutachten ab.“
Geld für Ausbildung, Reha und Operationen
Für Torsten Fuchs zahlt die Allianz. Dazu ist sie verpflichtet, weil der Opel-Corsa-Fahrer, der Fuchs die Vorfahrt genommen hat, eine Haftpflicht-Police bei der Allianz abgeschlossen hatte. 62000 Euro hat die Allianz bisher allein für die Berufsausbildung des Orthopädiemechanikers bezahlt. Hinzu kommen die Aufwendungen für all die Reha-Maßnahmen, all die Operationen in den Krankenhäusern. Für einen jungen Schwerverletzten wie Torsten Fuchs summieren sich derartige Kosten bei statistischer Lebenserwartung schnell auf deutlich mehr als 1 Million Euro.
Mit Einschaltung des Reha-Dienstes verschieben sich die Dinge bei einem Versicherer weg von der rein monetären Kalkulation hin zur beruflichen und sozialen Reintegration des Unfallopfers, sagt Moser. Dann stehen die Organisation der medizinischen Versorgung und die Suche nach einem Arbeitsplatz im Vordergrund. Um Torsten Fuchs kümmert sich die Rehacare GmbH. „Gesellschaft für medizinische und berufliche Rehabilitation“ nennt sich der Dienst, der 1998 unter dem Dach der Mercur Assistance AG Holding in München gegründet wurde. Fuchs, der Tischler werden wollte, musste sich nach seinem Unfall beruflich neu orientieren.
Schon in dieser Frage hatte sich eine Mitarbeiterin der Rehacare eingeschaltet, im Fachjargon Case-Managerin genannt. Sie organisierte für Fuchs Hausunterricht in den Hauptfächern, weil der Realschüler anfangs nicht laufen konnte. Sie beriet ihn auch in der Ausbildungsfrage. Fuchs’ Interesse an einem Handwerksberuf war geblieben. Die Auseinandersetzung mit seinem Schicksal, das Laufen an Unterarmgehstützen, das Tragen von Orthesen weckten seine Neugier auf den Beruf des Orthopädiemechanikers. Die Rehacare-Mitarbeiterin machte sich mit ihm auf die Suche nach einem Praktikumsplatz. Nach vielen Absagen hatten sie beim Sanitätshaus August in Dessau Erfolg.
„Unsere Hilfe lebt von Akzeptanz“
Die Rehacare GmbH ist spezialisiert auf Fälle wie Torsten Fuchs. Der Dienst beschäftigt Psychologen, Therapeuten, Pflegeexperten und Berufskundler und verfügt über ein Netzwerk von Fachärzten und Spezialkliniken. 43 feste Mitarbeiter arbeiten für die Rehacare, weitere 85 freie Mitarbeiter sind über die gesamte Republik verteilt, um möglichst nah an den Geschädigten sein zu können. Meist kümmert sich stets derselbe Mitarbeiter um ein Unfallopfer.
Das ist wichtig, sagt Moser, denn es geht um Vertrauen: „Unsere Hilfe lebt von der Akzeptanz. Der Patient darf nicht den Eindruck bekommen, der Versicherer wolle ausschließlich seine Kosten senken. Leider ist diese Haltung noch allzu oft unter vielen Rechtsanwälten der Unfallopfer verbreitet.“ Nicht selten befürchten Rechtsanwälte von Unfallopfern, der Versicherer versuche in die Therapiefreiheit des Patienten einzugreifen, ihn zu Operationen zu überreden und Risiken gegen den eigenen Willen einzugehen.
Für Torsten Fuchs sind solche Abwägungen Schnee von gestern. Zur Arbeit nach Dessau fährt er mit dem Auto gut 50 Kilometer, jeden Tag passiert er die Kreuzung, die sein Leben verändert hat. In diesen Tagen feiert das Sanitätshaus August in der Antoinettenstraße sein sechzigjähriges Bestehen. Und dafür arbeitet Fuchs mit dem Pressluftmeißel an einer speziellen Beinprothese. Es ist sein persönliches Gesellenstück.
Enrico August und Torsten Fuchs fahren heute oft gemeinsam zu Kunden heraus, beraten sie weg von der überkommenen SVK-Mentalität hin zu Maßanfertigungen. In ihrer Werkstatt bauen sie individuelle Prothesen. Die Unterarmprothesen für einen Heizungsmonteur und Schalke-04-Fan lackierten sie im Farbton „Königsblau“; die Beinorthese für einen Hundeliebhaber ziert das Porträt seines Boxerrüden; ein Amerikaner läuft auf Wunsch mit einer „Stars and Stripes“Prothese.
Torsten Fuchs kann sich noch ganz genau an seinen ersten Besuch bei einer älteren Patientin erinnern. Der Rentnerin war der Oberschenkel amputiert worden, sie saß verzweifelt in ihrem Rollstuhl. „Ich habe ihr gesagt: ,Das wird wieder‘, habe dann mein rechtes Hosenbein hochgezogen und ihr meine Orthese gezeigt.“ Einige Monate später sah er sie wieder. „Da erzählte sie mir, dass sie beim Frühlingsfest mit ihrem Pfleger getanzt hat.“
Es sind solche Geschichten, die Torsten Fuchs Kraft geben für ein Happy End in eigener Sache. „Das Lächeln, die Freude der Patienten, das tut unglaublich gut.“
Reha-Management
Josef Schön (Knuddel94)
- 22.09.2012, 15:08 Uhr
@ Torsten
Frank Geiser (geiser123)
- 22.09.2012, 14:40 Uhr
