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Rabbinerin Elisa Klapheck : „Gott ist der erste große Gläubiger seiner Schöpfung"

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„Jeder Jude bürgt für den anderen Juden“: Elisa Klapheck in der Synagoge im Frankfurter Westend. Bild: Röth, Frank

Elisa Klapheck ist Rabbinerin der liberalen Gemeinde in Frankfurt. Im Interview spricht sie über Schuld und Schulden, das jüdische Zinsverbot und was Antikapitalismus und Antisemitismus gemein haben.

          Frau Klapheck, beginnen Sie das neue Jahr schuldenfrei?

          Schuldenfrei, also frei von Schuld sein: Das ist für mich eine christliche Vorstellung, mit der ich als Jüdin wenig anfangen kann. Christen sind fixiert auf Schuld und Sühne. Sie verlangen eine Läuterung. Auch die Staatsschuldenkrise, sagen viele heute, müsse zu einer Läuterung im Sinne eines schuldenfreien Haushalts führen. So denke ich als Rabbinerin nicht.

          Was bedeutet Schuld für Sie als Rabbinerin?

          Im Hebräischen gibt es verschiedene Begriffe für Schuld. Die Schuld des Verbrechers ist eine andere als die finanzielle Schuld oder die Schuld gegen Gott. Generell sind Schuld, Schulden und Schuldgefühle in der jüdischen Religion gar nichts Schlechtes. Das Schuldgefühl hält uns alle zusammen. Gott ist der Eigentümer dieser Welt, er hat die Welt erschaffen, dafür schulden wir ihm etwas. Aber wir schulden auch den Mitmenschen etwas. Das Schuldgefühl ist die Bedingung dafür, dass wir eine Gemeinschaft bilden können.

          Schulden sind also ganz normal?

          Schulden können sogar positiv sein. Eine Welt ohne Schuld und Schulden ist eine Illusion. Aber natürlich denken wir nicht fatalistisch. Wir müssen die Schulden durch Sühne in etwas Besseres verwandeln. Sühne bedeutet nach der jüdischen Auffassung Veränderung, vom Schlechten zum Besseren. Dafür steht der Sühnetag, der Jom Kippur.

          Aber es gibt doch bei allen Menschen einen starken Wunsch, ohne Schuld und Schulden zu leben?

          Ein schuldfreies Leben gibt es nicht, obwohl wir alle uns das wünschen - in der Wirtschaft wie in privaten Beziehungen. Aber wäre das gut? Ich glaube nicht. Dann käme Zynismus auf. Menschen ohne Schuldgefühl meinen oft, sie könnten sich alles erlauben. Wir können uns nur von schlechten Schulden zu besseren Schulden entsühnen, aber nicht zu Schuldenfreiheit. Selbst wenn alle finanziellen Schulden einmal utopischerweise getilgt sein sollten: Dann schuldet der Erfolgreiche der Gesellschaft, die ihm den Erfolg ermöglicht hat, und somit auch den weniger Erfolgreichen etwas, das er zum Beispiel mit Steuern ableisten muss.

          Welche Moral ergibt sich aus den Schulden?

          Weil Gott uns diese Welt zur Verfügung gestellt hat, bleiben wir ihm immer etwas schuldig. Gott ist der erste großer Gläubiger seiner Schöpfung. Wir sind seine Schuldner. Gott hat uns einen Anfangskredit zur Verfügung gestellt. Das ist eine Vorleistung an Vertrauen. Im Hebräischen bedeutet "Ich bin verschuldet" zugleich "Ich bin verpflichtet", was durchaus etwas Positives ist. Gerade als emanzipierte Frau habe ich lange gebraucht um einzusehen, dass mich in der jüdischen Religion nicht die Rechte gleichberechtigt machen - sondern die Pflichten, durch die ich erst Mitverantwortung erlange.

          Gott ist also der wahre "Lender of last Resort", bei dem wir stets Kredit bekommen, nicht die Europäische Zentralbank?

          Stopp, das müssen wir rabbinisch lösen. Auch die säkulare Zentralbank gäbe es für den religiösen Menschen nicht ohne Gott, der alles geschaffen hat. Wenn die EZB dabei mitwirkt, dass die Gemeinschaft wieder besser funktioniert, dann muss die Bank mit ihrem Geld helfen, und wir müssen alle sühnen, also schlechte Bedingungen zu besseren wandeln. Sollte die EZB dazu beitragen, dass aus schlechten Spannungen bessere Spannungen werden, dann ist das rabbinisch geboten.

          Also plädiert die Rabbinerin für eine Vergemeinschaftung der Schulden in Europa. Die Ökonomen sagen, das setze falsche Anreize, weil es ein Leben auf Pump belohnt.

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