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Veröffentlicht: 15.12.2012, 14:13 Uhr

Philosoph Dieter Thomä „Der Kapitalismus zersetzt die Familie - ganz subtil“

Die Wirtschaft verlangt größte Flexibilität. Die Familie beruht auf Stabilität - und zieht den Kürzeren, sagt der Philosoph Dieter Thomä.

© Pein, Andreas Dieter Thomä in seiner West-Berliner Wohnung. „Heute müssen wir offenbar irgendwie alle Kapitalisten sein. Das schafft enorme Konflikte.“

Herr Thomä, für Sie ist der Kapitalismus ein familienfeindliches System. Wieso?

Zwischen dem Kapitalismus und der Familie besteht ein klassischer Konflikt: Im Kapitalismus zählt der eigene Nutzen, den man aus seinem Tun zieht. Dies liegt nun einmal quer zur Familie, in der ein unglaublicher Aufwand für andere getrieben wird.

Große Ökonomen haben das schon vor hundert Jahren beklagt, aber nie eine Lösung gefunden.

Ausgerechnet der große Kapitalismusverteidiger Joseph Schumpeter kam zu der Erkenntnis, dass der individualistische Utilitarismus, den der Kapitalismus generiert, die Gesellschaft und damit die Familie zersetzt. Dieser Utilitarismus passt nicht zur der Aussicht, dass man zum Beispiel von seinen Kindern in der Pubertät zwei Jahre lang unablässig beleidigt werden könnte. Die Erkenntnis dieses Konflikts ist tatsächlich keineswegs neu. Wer Familie hat, scheint darüber hinaus auch weniger frei zu sein...

...was einem Kapitalisten ja auch nicht gefallen kann.

Keinesfalls. Das ist die zweite, neuere Konfliktlinie. Ein Kapitalist will flüssig sein. Flüssiges Kapital, ein flüssiges Leben, hohe Flexibilität und Wandlungsfähigkeit in jeder Hinsicht. Der Kapitalist fürchtet die Festlegung wie der Fluss den Frost. Entscheidet man sich für Familie, legt man sich aber in hohem Maße fest - nicht nur mit seinem Kapital.

Womöglich ist die Eingrenzung der Freiheit das größte Problem.

Früher, vor 30 oder 40 Jahren hatten wir die Vorstellung, dass es irgendwo in den oberen Schichten der Gesellschaft ein paar Kapitalisten gibt, der Rest der Bevölkerung aber einer festen Arbeit nachgeht, versucht, irgendwie über die Runden zu kommen, und ansonsten in bestimmten Traditionen und familiären Zusammenhängen lebt. Der Grundkonflikt war nicht so offensichtlich.

Und heute?

Heute hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass wir irgendwie alle Kapitalisten sein sollten. Das verschärft den Konflikt enorm. Denn den Lebensstil des Kapitalisten haben sich inzwischen auch die Normalsterblichen zu eigen gemacht.

Wie sieht der denn aus?

Ungebunden, flexibel, an sich arbeitend, das Maximum aus sich herausholend, einsatzbereit, gewinnorientiert.

Das muss nicht unbedingt alles schlecht sein.

Stimmt. Nur verschiebt sich dadurch die Wertschätzung verschiedener Dinge, die alle zu einem guten Leben beitragen können. Familie wird nach hinten gedrängt, weil sie genau dazu nicht passt. Ein Kapitalist verträgt es schlecht, dass sein Kapital zu lange gebunden ist. Er muss sich verändern, um profitabel zu bleiben. Und er muss das Gefühl haben, am Drücker zu sitzen. Das ist für den Kapitalisten das höchste Gefühl der Freiheit. Aber irgendwie hat das auch etwas Borniertes - ich würde sagen: etwas Unfreies. Man schlägt sich damit nämlich die Tür zu ziemlich glücksträchtigen Erfahrungen zu, in denen man sich vorbehaltlos auf andere Menschen einlässt ...

... sich damit aber festlegt.

Zwar ist auch die Familie ein Tummelplatz von Veränderungen. Aber selbst wenn die Familie scheitert oder auseinanderbricht, bleiben Festlegungen. Familienmitglieder kann man nicht abschaffen. Der Kapitalist dagegen geht permanent neue Risiken ein.

Sich für eine Familie zu entscheiden, ist auch nicht ohne Risiko.

Aber in ganz anderer Weise.

Worin liegt der Unterschied?

Beim normalen Risiko nimmt man sich etwas vor und wägt die Möglichkeiten des Erfolges oder Scheiterns ab. Man steht oben an einer schwarzen Piste und überlegt sich angesichts seiner Fähigkeiten, die man kennt, die Wahrscheinlichkeit des Sturzes und seine Folgen. Oder man investiert in ein Wertpapier, über das man vorher alle möglichen Informationen eingeholt hat, und nimmt das Kursrisiko in Kauf. Ganz anders verhält es sich mit der Entscheidung für Familie: Man weiß vorher überhaupt nicht, worauf man sich einlässt und was man sich da eigentlich vornimmt. Das macht die klassische Risiko-abwägung total unmöglich.

Anders als bei der schwarzen Piste, aus deren Bewältigung ich bei allem Risiko sogar Genuss ziehe?

So funktioniert die Sache mit der Familie eben nicht. Ich kann weder den Ablauf der Angelegenheit überschauen, noch die Chancen und Risiken einschätzen. Trotzdem lege ich mich fest, und zwar sehr lange. Das Besondere an dem Abenteuer Elternschaft ist eben eine ganz fundamentale Unabwägbarkeit dessen, was passiert - mit einem selbst, mit den Kindern, mit der Beziehung zum Partner. Der Kapitalist spielt mit dem Risiko. Bei der Familie muss man bereit sein, dieses ganze Risikospiel sein zu lassen. Sonst kann man sich darauf nicht einlassen.

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