Es heißt, zu Olympia komme die Welt auf Besuch nach London. Aber das stimmt nicht, tatsächlich ist sie schon da. Preisfrage: Wie viele verschiedene Muttersprachen sprechen die Schulkinder rund um das neue Olympia-Stadion im Osten der britischen Hauptstadt? Antwort: 144, von Arabisch bis Yoruba. Ein Babylon an der Themse. „Das hier ist der ethnisch vielfältigste Ort der Welt“, sagt Robin Wales. „So viele verschiedene Volksgruppen und Religionen auf so engem Raum, das gibt’s nirgendwo anders.“ Wales ist Bürgermeister von Newham, einem 36 Quadratkilometer großen Londoner Verwaltungsbezirk mit mehr als 300.000 Einwohnern. Mittendrin liegt der Olympia-Park, wo am heutigen Freitag die Sommerspiele eröffnet werden.
Alles in Newham ist extrem. Die Gegend hat die höchste Geburtenrate in Großbritannien und das stärkste Bevölkerungswachstum in London. In den vergangenen zehn Jahren ist hier die Einwohnerzahl um ein Viertel angeschwollen. Newham ist eines der größten Auffangbecken für Zuwanderer. Nirgendwo sonst im Land leben so viele Flüchtlinge - legale wie illegale. Sie kommen aus allen Ecken der Welt hierher. In den Schulen liegt der Anteil der weißen Schüler mit britischer Abstammung bei zehn Prozent.
Ein Verschiebebahnhof der Globalisierung
Der Bürgermeister versucht ein flüchtiges Gemeinwesen zusammenzuhalten. Im Grunde regiert Robin Wales keinen Stadtteil, sondern einen riesigen Verschiebebahnhof der Globalisierung. Nur, dass hier keine Güter, sondern Menschen unterwegs sind. Viele Zuwanderer in Newham sind nur auf der Durchreise. Sobald sie es sich leisten können, setzen sie sich ab in bessere Wohngegenden. „Jedes Jahr wechselt in Newham ein Viertel der Bevölkerung“, sagt Wales. „Trotzdem müssen wir versuchen, so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen.“ Auch Wales kommt nicht von hier. Der Bürgermeister spricht mit breitem schottischem Dialekt. Er stammt aus einer Kleinstadt in der Nähe von Glasgow.
Die meisten Superlative, die es hier zu vermelden gibt, sind düster: Die gläsernen Bankentürme im benachbarten Büroviertel Canary Wharf scheinen zum Greifen nahe, aber Newham selbst hat den geringsten Anteil an Erwerbstätigen in ganz London. In keiner anderen Gegend sind im Niedriglohnsektor die Stundenlöhne so karg wie hier. Mehr als die Hälfte aller Kinder wächst unterhalb der gesetzlichen Armutsschwelle auf. In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Drogendelikte fast vervierfacht. Newham ist das London der armen Leute, das London der „Postleitzahlen-Kriege“ zwischen Jugendbanden aus verschiedenen Nachbarschaften, das London der tödlichen Messerstechereien, in dem Ortsfremde nachts besser nicht allein unterwegs sind.
Aber jetzt ist Olympia. Zwei Wochen lang soll alles hell, positiv und freundlich sein. Zumindest in Stratford, dem Stadtviertel von Newham, wo sie in den vergangenen vier Jahren den Olympia-Park aus dem Boden gestampft haben. Die Sponsoren wollen Optimismus, sauber gestutzten grünen Rasen, frisch gepflanzte Bäume. McDonald’s, einer der Hauptsponsoren der Spiele, hat auf dem Olympia-Gelände vorübergehend das größte Hamburger-Restaurant der Welt eröffnet. Die Regierung sagt, Olympia koste den Staat 9 Milliarden Pfund (11,5 Milliarden Euro). Andere schätzen den tatsächlichen Aufwand weit höher. Elend und Hoffnungslosigkeit, Drogen und Bandenkriege passen jetzt nicht hierher.
Robin Wales sitzt in einem nagelneuen gläsernen Konferenzraum und redet von der Zukunft. Von der Zeit, wenn der olympische Wanderzirkus seine Zelte wieder abgebrochen haben wird und weitergezogen ist. Von der Zeit, die in wenigen Wochen beginnen wird. Olympia, das sei die größte Chance, die dieses Armenhaus der britischen Hauptstadt seit vielen Jahrzehnten, vielleicht seit Jahrhunderten bekommen habe. Die Milliarden sollen hier dauerhaft etwas bewirken.
Arbeitsplätze, höhere Einkommen, bessere Lebenschancen
Es geht um Brot und Spiele. Die Welt will die Olympischen Spiele, die Leute hier brauchen das Brot - Arbeitsplätze, höhere Einkommen, bessere Lebenschancen. Die Politiker versprechen viel: „Was wir hier machen, hat vorher noch niemand versucht“, sagt Wales. Soziologen verweisen darauf, es sei das erste Mal in der olympischen Geschichte, dass ein Austragungsort einen sozioökonomischen Gesamtplan für einen Problemstadtteil in den Mittelpunkt seiner Olympia-Bewerbung gestellt habe.
Die Spiele sollen ein Katalysator sein für den Wandel im East End. Sie sollen Optimismus und Investoren in die Gegend bringen - so steht es zumindest im „Vermächtnis-Plan“, den die Regierung für die Zeit nach Olympia aufgestellt hat. Das Papier klingt idealistisch und ziemlich vage. Der Bürgermeister spricht von Hightech-Firmen und grünen Jobs, die er im 200 Hektar großen Olympia-Park ansiedeln will. Bisher dagegen liegen zwischen Newham und den Vierteln der Reichen im Westen von London nur wenige Kilometer und dennoch Welten.
In Newham müssten 20.000 Stellen für Langzeitarbeitslose geschaffen werden, damit die Gegend wirtschaftlich halbwegs den Anschluss an den Rest von London schaffe, rechnet Wales vor. „Klar, das wird zehn Jahre dauern, vielleicht auch zwanzig, aber bedenken Sie: Das East End ist seit Jahrhunderten arm.“ Dann ist die halbe Stunde, die für das Interview vereinbart war, um. Eines will der Bürgermeister noch loswerden: „Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Kinder in Newham an diesen Olympia-Sommer ihr ganzes Leben zurückerinnern und einmal ihren eigenen Kindern davon erzählen werden“, sagt Wales. Er muss zum nächsten Termin.
„Wir brauchen keine Spiele. Wir brauchen Hilfe“
Drei U-Bahn-Stationen vom Olympia-Park entfernt liegt der Stadtteil Plaistow. Er gehört ebenfalls zu Newham. Direkt neben der Bahnstation steht Neil Stockwell hinter seinem Gemüsestand. Er ist ein Mann mit einem gewaltigen Leibesumfang und einer ebensolchen Wut im Bauch. „Wir brauchen keine Olympischen Spiele. Wir brauchen Hilfe“, sagt er. „Das ist einfach nur lächerlich: Ein paar Olympia-Wochen lang haben wir eine gute Zeit, und dann gehen wir zurück in den Slum“, empört sich der Händler, der seit 35 Jahren auf dem Queens Market in Plaistow seine Ware verkauft. Die ganzen optimistischen Zukunftspläne, die der Bürgermeister ausgemalt hat - an Stockwells Marktstand welken sie dahin wie Kopfsalat in der Sommersonne.
Seit Jahrzehnten rollt auch über Plaistow Einwandererwelle um Einwandererwelle hinweg. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen zuerst die jüdischen Flüchtlinge aus Europa, dann suchten die Zuwanderer aus der Karibik hier ihr Glück, dann die asiatische Minderheit, die Ugandas Diktator Idi Amin Anfang der siebziger Jahre aus dem Land warf. Später noch folgten die Neuankömmlinge aus Bangladesch. Nur die Armut war immer schon da. Heute ist das Viertel überwiegend muslimisch. Frauen mit Burka kaufen auf dem Markt ihr Obst. Halal-Metzger bieten ihr Fleisch feil. Viele hier halten das Olympia-Versprechen der Politiker für eine einzige große Lüge. Bisher gibt ihnen die Statistik recht: In Newham stieg die Zahl der Arbeitslosen seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts um mehr als 40 Prozent und damit doppelt so stark wie in London insgesamt - trotz des gewaltigen Olympiabau-Booms im East End. Die vielen tausend Arbeitsplätze auf der Olympia-Baustelle seien fast alle an billigere Wanderarbeiter aus dem Ausland gegangen, sagt Stockwell. „Die Söhne meines Bruders arbeiten auf dem Bau. 40 Pfund am Tag hätten sie im Olympia-Park verdienen können. 40 Pfund. Wie soll man damit in London eine Familie ernähren?“
Der Gemüsehändler schaut dem dritten Polizeiauto hinterher, das in den letzten zehn Minuten mit heulender Sirene an seinem Marktstand vorbeigebraust ist. „Neun Milliarden Pfund für Olympia“, sagt er. „Was hätte man mit so viel Geld alles für die Leute hier bewirken können?“ Je länger Stockwell spricht, umso zorniger wird er. „Unsere Schulen fliegen uns um die Ohren: Drogen, Mobbing, Alkoholmissbrauch, Teenager-Schwangerschaften.“ Dringend benötigte neue Krankenhäuser hätten in Newham gebaut werden können. „Bei meinem Vetter haben die Ärzte Krebs diagnostiziert. Er braucht dringend eine Operation. Aber er steht seit zwei Monaten auf der Warteliste.“
Auf den Bürgermeister ist der Gemüsehändler nicht gut zu sprechen. „Sir Robin Wales. Wo ist er? Der bleibt in Stratford im Olympia-Park, wo die Kamerateams sind. Hier kommt er nur her, wenn Wahlkampf ist.“ Plaistow, mit seinen niedrigen alten Reihenhauszeilen, liegt gleich um die Ecke des Olympia-Parks. Aber von Olympia ist hier nicht viel zu sehen. Die Blumenkästen vorne an der Straße seien neu, sagt Stockwell, und die Müllberge auf den Gehwegen seien vorübergehend verschwunden. Mehr fällt ihm nicht ein. „Hinterher wird alles wieder so sein wie vorher.“
Olympia geht vorbei, Einkaufszentrum und Jobs bleiben
Niemand hat in Newham in den vergangenen Jahren mehr Arbeitsplätze geschaffen als das Unternehmen, für das John Burton arbeitet. Der Australier ist einer der Geschäftsführer des 1,8 Milliarden Pfund teuren neuen Einkaufszentrums am Eingang des Olympia-Geländes. Burtons Arbeitgeber ist der australische Immobilienkonzern Westfield, ein Spezialist für solche Shopping Malls. Jede Woche strömen rund 750.000 Besucher in die „Westfield Stratford City“ und ihre fast 300 Geschäfte. „Das größte innerstädtische Einkaufszentrum in Europa“, sagt Burton, vor sich sein iPad und eine Tasse Früchtetee. Den Bauplatz hatte Westfield schon gekauft, bevor London den Olympia-Zuschlag bekam.
Der gewaltige Gebäudekomplex ist die ultimative Metapher für den kommerziellen Ausverkauf der Olympischen Spiele: Er liegt genau zwischen dem Bahnhof und dem Haupteingang zum Olympia-Park. Deshalb müssen sieben von zehn Besuchern der Wettkämpfe durch das Einkaufszentrum. Kritiker rümpfen die Nase über Londons Shopping-Olympiade. In Newham selbst stört sich daran niemand. Was hier zählt, sind die 9000 Arbeitsplätze, die das Westfield Stratford geschaffen hat. 3000 davon gingen an Langzeitarbeitslose aus dem Stadtbezirk, dazu hat sich das Unternehmen verpflichtet. Olympia ist bald vorbei, das Einkaufszentrum und die Jobs bleiben.
Einen der neuen Arbeitsplätze hat Daniel Osafo-Asare. An einem der Info-Tresen im Erdgeschoss erklärt er Kunden den Weg zum nächsten Baby-Wickeltisch oder zur Filiale von Esprit. Osafo-Asare ist 25 Jahre alt und in Newham aufgewachsen. Er war auf der Universität und hat Betriebswirtschaft studiert. Dass er diese Stelle hier bekommen würde, hätte er trotzdem nicht geglaubt. Die Konkurrenz war zu entmutigend. 31 solcher Jobs als Portier waren letztes Jahr vor der Eröffnung des Einkaufszentrums im Internet ausgeschrieben. Es meldeten sich mehr als 2000 Bewerber. „Alle wollten diese Stelle“, sagt Osafo-Asare. Auch er war vorher arbeitslos.
Jetzt trägt er einen der grauen Portiers-Anzüge. An dem Namensschild an seinem Revers prangt klein die Flagge von Ghana, dem Herkunftsland seiner Familie. Ist er als Betriebswirt nicht grotesk überqualifiziert für diese Arbeit? Stimmt schon, sagt Osafo-Asare. „Aber das hier ist eine einmalige Chance für mich.“ Die Arbeit als Portier sieht er nur als Einstieg. „Ich will mich als Teamleiter bewerben.“ Außerdem verdient er als Wegweiser für die Kunden knapp 1600 Pfund im Monat, die bestbezahlte Stelle, die er je hatte.
Eine Leiche im Konsumparadies
Es klingt paradox, aber das Armenhaus im East End ist der perfekte Ort für das neue Einkaufszentrum. Dass die Bewohner von Newham kaum Geld haben, stört John Burton, den Westfield-Geschäftsführer, kein bisschen. Die zahlungskräftigen Kunden kommen von auswärts, denn die Verkehrsanbindung ist hervorragend. 4 Millionen Menschen leben in maximal 45 Minuten Entfernung.
Nur manchmal stört Newham den Betriebsablauf im Konsumparadies. Neulich wurde ein junger Mann am helllichten Tag im Einkaufszentrum erstochen. „Schlimme Sache“, sagt Burton. „Zum Glück gehörte das Opfer zu einer der Jugendgangs und war kein unbeteiligter Passant.“ Die Leiche habe mehr als 24 Stunden am Tatort gelegen, bevor die Polizei endlich mit der Spurensicherung fertig gewesen sei. Das Geschäft floriert trotzdem. Westfield hat mehr als hundert solcher Einkaufszentren überall auf der Welt gebaut. „Aber dieses hier wird schon sehr bald unser erfolgreichstes sein“, sagt Burton. Trotz Rezession. „Wir sind für diese Gegend das Kernstück der Zukunft“, sagt der Immobilienmanager.
Vielleicht werden irgendwann die neuen Unternehmen, auf die der Bürgermeister Wales hofft, nach Newham ziehen. Vielleicht entdecken die Investoren tatsächlich wegen Olympia das East End. Aber bisher gibt es nur dieses Einkaufszentrum - und das wäre auch ohne Olympia gekommen, wenn auch wohl erst einige Jahre später. „Wir haben Tausende Stellen für Leute geschaffen, die noch nie in ihrem Leben einen Arbeitsplatz hatten“, sagt Burton. Er macht eine Pause. „Das Problem ist nur: Newham brauchte zehn solcher Einkaufszentren, um sein Arbeitslosenproblem zu lösen.“
Schon jetzt auch Positivies....
Michael Meyer (pinheiros)
- 27.07.2012, 08:49 Uhr
