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Ökonom Max Otte : Der Prediger

Max Otte wohnt in der Eifel in einem ehemaligen Pfarrhaus: Laut Mietvertrag darf er dort keine Handlungen unternehmen, die sich gegen die Lehren der Kirche richten Bild: Marcus Kaufhold

Der Ökonom und Spekulant Max Otte hat die Finanzkrise vorausgesagt. Andere Experten rümpfen deshalb die Nase, bei den Bürgern brachte es ihm Ruhm. Und das Geld des Volkes, das ihn feiert.

          Eine schwarze Limousine hetzt über die A 1, links oben fliegt Bad Münstereifel heran, irgendwo dahinter liegt das Eifeldorf Blankenheim, das Ziel dieser Flucht. Der Wagen und sein Fahrer fliehen aus der Stadt, fliehen vor den Büros, vor den Anrufen und E-Mails, das Ziel ist die Stille. Die Tachonadel steigt über 200, doch der Wagen ist zu langsam, die Krise holt ihn ein. Es ist ein schwerer Mercedes, E-Klasse, mit holzvertäfelten Armaturen und einem Bordcomputer mit Telefon. Es läuft ein Gespräch, es ist kein gutes. Es geht um Geld, ein Vermögen in Höhe von 120.000 Euro, aufgeteilt auf nur zwei einzelne Aktien. Die Kurse der beiden Aktien fallen, seit Tagen, Wochen, nun wanken die Weltmärkte, das Geld könnte bald verloren sein, das ist die Furcht. Aus den Lautsprechern kriecht eine Stimme im Tremolo, Angst schallt in den Innenraum: „Was soll ich ihm sagen, Herr Otte? Verkaufen?“

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Max Otte zieht auf die rechte Spur, drückt den Rücken in den Ledersitz. Er überlegt. An diesem Mittwochvormittag sind die Börsenkurse abgestürzt, der Dax erlebt seine schlimmste Woche seit Fall der Lehman-Bank, der Nikkei stürzt ab, die Wall Street steht an der Klippe. Den vierten Tag in Folge geht das nun so: abwärts. Am Telefon ist der Geschäftsführer einer Finanzfirma Ottes, die Kunden rufen an und fragen heiser, ob sie ihre Aktien verkaufen sollen. Bevor es zu spät ist. Bevor der Crash kommt.

          Mit gewaltiger Wucht

          Ob der kommt und wann, das muss Otte wissen, hoffen die Anleger, er hat ja schon mal richtiggelegen, hat im Jahr 2006 die Finanzkrise des Jahres 2008 vorausgesagt. In seinem Buch schrieb Otte damals im Vorwort, er könne nicht sagen, ob es schon im Jahr 2008 krache. „Aber wenn ich die Zeichen richtig verstehe, die uns die Weltwirtschaft derzeit überall hinterlässt, dann muss es krachen – und zwar mit einer gewaltigen Wucht.“ Das Buch verkaufte sich mehr als eine halbe Million Mal. Die Lehman-Bank fiel, Ottes Stern stieg. Er gab Interviews en masse, saß in Dutzenden Fernsehstudios. Er ist der Crash-Prophet. Doch noch sei es nicht wieder so weit, glaubt er. Beruhigen ist angesagt. „Sagen Sie ihm, er soll für 30.000 verkaufen“, spricht Otte ins Telefon, hoffentlich mildere das die Panik des Kunden. „Damit er jetzt nicht alles auf einen Schlag verkauft. Da muss er jetzt durch.“

          Manche Leute vertrauen Max Otte acht Millionen Euro an, er kassiert bis zu 1,5 Prozent Provision
          Manche Leute vertrauen Max Otte acht Millionen Euro an, er kassiert bis zu 1,5 Prozent Provision : Bild: Marcus Kaufhold

          Auch Otte muss da durch. Er hat eine Finanzvertriebsfirma, in der Menschen ihr Vermögen nach seinen Methoden anlegen können. Das Minimum sind 150.000 Euro, manche legen bis zu 8 Millionen an, Otte kassiert bis zu 1,5 Prozent als Provision. Er verlegt einen Anlegerbrief, in dem er aufschreibt, was ihm gerade so einfällt, und kassiert dafür 39 Euro, jeden Monat. Das dritte Geschäft ist der Fonds, in den ein paar institutionelle Anleger und gut 20 Privatleute ihr Geld gesteckt haben. Ottes Fonds ist 70 Millionen Euro schwer, er setzt ein wenig auf Gold und sehr viel auf Aktien, die er für solide, aber billig hält. Wie Microsoft, eine Firma, die Otte gut findet, weil sie Jahr für Jahr ordentlich Gewinn abliefert und das Windows-Betriebssystem auf den allermeisten Computern der Welt läuft.

          Dass die Deutschen wie wild deutsche Staatsanleihen kaufen, deren Rendite von der Inflation nahezu aufgefressen wird, nennt Otte verächtlich „Rendite ohne Risiko.“ Die Herde laufe halt immer in die falsche Richtung, das hat er beim Aktienguru Warren Buffett gelernt. Otte verehrt Buffett.

          Der tägliche Wahnsinn der Finanzbranche

          Er fährt gut damit. Ottes Fonds gibt es seit Frühjahr 2008, er ist in der Finanzkrise abgestürzt, hat sich danach wieder gefangen und bis zu Anfang vergangener Woche 46 Prozent Plus gemacht, das macht ihn zu einem der besten in Deutschland, auch wenn drei Jahre zu kurz sind, um nachhaltigen Erfolg zu beweisen. Jetzt geht es runter. Eigentlich will Otte das alles nicht mehr, er will nicht mehr nur der Börsenguru sein. Er will sich um seine beiden kleinen Kinder kümmern, darüber hinaus fühlt er sich zu Höherem berufen, ein neues Buch schwebt ihm vor, über die Rolle des Staates, und dann ist da noch seine Biographie. „2014 muss sie fertig sein“, sagt Otte. Zu seinem Fünfzigsten. Jüngst hat er sein Testament gemacht.

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