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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Neuer Trend Deutschland strickt wieder

 ·  Handarbeit ist in Mode, seit Frauen wie Sarah Kuttner zu den Stricknadeln greifen. Schneidern entspannt und das Netz führt die Häkelgruppe zusammen.

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© Laif Stricken: So funktioniert’s

Nina Schweisgut kann es noch immer nicht so richtig glauben. Keine zwei Monate ist es her, dass sie in Berlin-Mitte einen Strickladen eröffnete. Und vom ersten Tag an herrschte Hochbetrieb. Die sechsstündigen Strickkurse, die sie anbietet, sind schon bis zum Jahresende ausgebucht. „Es ist verrückt. Aber offensichtlich habe ich einen Nerv getroffen oder eine Nische entdeckt“, sagt die 36 Jahre alte Designerin. Sie selbst kommt aus der Werbebranche, hat immer gerne gestrickt, aber lange nicht damit gerechnet, dass sie irgendwann einmal einen eigenen Laden besitzen würde.

Dort herrscht nun ein ständiges Kommen und Gehen. Bis auf Freitagabend und Samstag. Dann sitzt um ihren Tisch im Laden eine illustre Runde und lernt mit dicken Holznadeln stricken - bei Prosecco und Musik, versteht sich.

Die Unternehmerin hat einen Nerv getroffen, Handarbeit liegt im Trend. Eine Nischenaktivität ist sie schon länger nicht mehr. Überall wird nicht nur gestrickt und gestickt, sondern vor allem auch genäht und gebastelt. Es werden Muster designt und Stoffe damit bedruckt, es wird gewebt, gesteppt und gequiltet.

Handarbeit ist ganz groß in Mode. Sie ist Teil einer großen Do-it-yourself-Bewegung, die in ihrer heutigen Form vor einem guten Jahrzehnt in den Vereinigten Staaten ihren Anfang nahm. Nicht zuletzt deshalb läuft auch hierzulande in diesem Metier so viel auf Englisch - von den Blogs bis zu den Internetseiten der verschiedenen Läden.

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Maschen aufnehmen: Führen Sie den Faden zwischen kleinem Finger und Ringfinger der linken Hand nach hinten und zwischen Mittel- und Zeigefinger nach vorn durch. Wickeln Sie ihn zweimal um den Zeigefinger.
© Stricken für Dummies, Wiley Verlag Maschen aufnehmen: Führen Sie den Faden zwischen kleinem Finger und Ringfinger der linken Hand nach hinten und zwischen Mittel- und Zeigefinger nach vorn durch. Wickeln Sie ihn zweimal um den Zeigefinger.

„Knit Knit Love Wool“ heißt die Neugründung von Nina Schweisgut. Und das hat auch seinen Grund: Vor vier Jahren entdeckte die Hobbystrickerin in Soho in New York einen Woll-Laden, „wie ich ihn mir immer erträumt habe“. Besser: eine Art Strickcafé. „Da saßen tatsächlich Menschen im Laden und strickten gemeinsam.“ Was in den Vereinigten Staaten schon längst um sich gegriffen hat, kommt hier in Deutschland gerade erst so richtig in Schwung. Die Designerin ist nicht die einzige mit so einem Geschäft. In Berlins Mitte wimmelt es davon - und in Neukölln.

Dort hat die Schneiderin und Designerin Swantje Wendt eine Art Nähstudio eröffnet und es „Nadelwald“ getauft. Wer das Nähen lernen will, kann dort Kurse belegen oder sich von ihr stundenweise beraten lassen, wenn er mit seinem Kleidungsstück nicht mehr weiterkommt. Oder er kann einfach hingehen und sich einen Platz zum Nähen mieten, wenn er zu Hause keine Nähmaschine hat. Nichts ist unmöglich.

„Seit einem Jahr bin ich nun hier. Und mein Geschäft gibt es immer noch“, sagt Wendt. Das gemeinschaftliche Handarbeiten und Werkeln ist ihrer Meinung nach allerdings ein echtes Phänomen der Großstädte, weil sich nur dort eine Szene entwickeln kann, aus der dann wiederum die Läden entstehen. In München, Frankfurt, Berlin oder Hamburg ist Handarbeit längst ein gesellschaftliches Event geworden. Man trifft sich, man strickt und redet, näht und trinkt - und inspiriert sich gegenseitig.

Firmenpartys werden in Strickbars oder Näh-Cafés gefeiert, ebenso Geburtstage und Junggesellenabschiede. Anders als in den achtziger Jahren, in denen die Grünen und die Öko-Fundamentalisten demonstrativ strickten, um sich gesellschaftlich abzugrenzen, hat die Strickerei heute ihr Öko- und Oma-Image verloren. Sie kommt frisch daher, entstaubt. Der Muff ist weg. Die Farben sind bunt, die Wolle hochwertig, die Schnitte der selbstgenähten Kleidungsstücke modern. Und vor allem: Die Menschen, die nähen, stricken und Stoffe bedrucken, sind jünger als damals. Kaum älter als Mitte 20 sind sie, sehr stilbewusst und ein bisschen verrückt.

Die neue Welle bringt gute Geschäfte. Nicht nur für Kleinunternehmer wie Nina Schweisgut oder Swantje Wendt. Auch die Industrie profitiert von der Begeisterung. Von einem „Hype“ möchte der Geschäftsführer der Initiative Handarbeit, dem Branchenverband, trotzdem nur ungern sprechen. „Es handelt sich vielmehr um eine sehr nachhaltige Bewegung“, sagt Gert Eberhardt, „eine, die wir nun schon seit über einem Jahrzehnt verfolgen.“

Um die Jahrtausendwende hat die Entwicklung eingesetzt. Erst in den Vereinigten Staaten, wo die Woll-Liebhaberin Nina Schweisgut 2004 ihren Lebenstraum entdeckte. Dann schwappte die Welle über den Atlantik nach Großbritannien und schließlich über die Niederlande nach Deutschland.

“Diese Entwicklung wird schon deshalb dauerhaft sein, weil sie das Symptom für eine gesellschaftliche Veränderung ist“, meint Eberhardt. Die Zahlen des Verbandes geben ihm zumindest für die Vergangenheit recht. Der Absatz der Garne wächst seit Jahren kontinuierlich, je nach Segment um bis zu zehn Prozent im Jahr.

Im vergangenen Jahr wurden rund um die Handarbeit gut eine Milliarde Euro umgesetzt und damit 2,5 Prozent mehr als 2010. Während der zurückliegenden fünf Jahre wuchsen die Geschäfte die Branche um gut 15 Prozent. Den größten Anteil daran haben mit 360 Millionen Euro die Handstrickgarne, also die verschiedensten Sorten Wolle und Baumwolle zum Stricken und Häkeln. 350 Millionen Euro geben die Menschen hierzulande für Stoffe aus.

Die Leute stricken aber nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere - für karitative oder auch kommerzielle Zwecke. Immer nach der Devise: handgemacht, hochwertig, einzigartig. Es zählt das Unikat, ein Stück also, das gerade keinen hoch arbeitsteiligen Prozess durchlaufen hat.

Und die Fans der Handarbeiten vernetzen sich zunehmend. Szenen entstehen - in den Städten, in Deutschland, über die Landesgrenzen hinweg. Das hat es früher so nicht gegeben. Da strickte man vor allem allein und für sich. Maximal für das Baby der Schwester, das sich nicht wehren konnte. Oder für die Enkelin, wenn die überhaupt noch etwas Selbstgemachtes zu tragen bereit war. „Damit hat das heute alles nichts mehr zu tun“, sagt auch die Bloggerin Catrin Linderkamp, die längst eine ziemlich bekannte Akteurin der Szene ist. Vor ein paar Jahren begann die 30-Jährige mit dem Nähen. Sie belegte einen Kurs in der Volkshochschule und suchte darüber hinaus überall nach Hinweisen und Tipps für Anfänger, nach Mustern und günstigen Stoffen. Eigentlich hat sie Kunstgeschichte und Germanistik studiert. Eigentlich - da ist sie nicht anders als Nina Schweisgut mit ihrem Strickladen, die eigentlich aus der Werbebranche kommt. Eigentlich haben sie alle in ihrem Leben mal etwas ganz anderes gemacht oder gewollt. Jetzt stecken sie plötzlich mittendrin in der Welt der Handarbeit.

Linderkamp begann, anderen Leuten über ihre Erfahrungen mit ihrem neuen Hobby zu berichten. Sie startete einen Blog, der schnell Aufmerksamkeit erregen sollte - vor allem bei größeren Unternehmen, die sich die neue Welle zunutze machen und sie weiter befördern wollten.

Schon bald wurde Linderkamp von Etsy angeworben, der weltweit größten kommerziellen Plattform, über die jedermann Selbstgemachtes kaufen oder verkaufen kann. Seither betreibt sie nicht nur ihren Blog „Maikitten“. Sie schreibt auch für Etsy über Menschen und Projekte, über die Geschichten der Menschen hinter den Produkten und über das, was man alles Verrücktes finden kann in der riesigen Welt des Do-it-yourself. „Ich schreibe über mein Interesse“, erzählt sie, „über Einzelpersonen, ich schreibe sie aus der Anonymität heraus und trage ihre Werte weiter.“

Die neue Lust an der Handarbeit hat mit der veränderten, globalisierten und zunehmend anonymen Welt zu tun und mit einer Art Rückbesinnung auf traditionelle Werte. Das sagt der Wissenschaftler und Trendforscher Peter Wippermann: „Seitdem sich die Mehrzahl der Menschen nicht mehr mit der Produktion von Waren, sondern mit der Herstellung von Wissen, Ideen und Dienstleistungen beschäftigt, ist ein Vakuum entstanden.“ Das wiederum nähre die Sehnsucht nach dem Echten, dem Handgemachten, nach sinnlichen Erfahrungen und sinnvollen Erlebnissen. Das fängt beim Stricken an - und hört im Garten nicht auf.

Wolle spüren, etwas in der Hand halten: In den Erzählungen derer, die über ihre neue Leidenschaft berichten, geht es immer wieder um das Haptische. „Ausgleich“ und „Entschleunigung“ sind noch zwei Worte, die in diesem Zusammenhang sehr häufig fallen.

„Ich wollte einfach nicht immer vor dem Bildschirm sitzen, sondern musste mal wieder runterkommen“, begründet Nina Schweisgut ihre Rückkehr zur Strickerei. Bei Linderkamp klingt das nicht anders. Und noch etwas befördert den Trend: die zunehmende Uniformität des Warenangebots in den Geschäften der Innenstädte. Dem Wunsch nach Individualität steht das eindeutig entgegen. Schon deshalb ist sich Wippermann sicher: „Das Thema Handarbeit wird unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren bestimmen.“

Internetplattformen beflügeln den Trend

Diese Welle der Rückbesinnung trifft mit einer anderen Entwicklung zusammen, die aus der Handarbeit eine richtige Bewegung gemacht und ihre Akteure zu einer Szene geformt hat: mit den Möglichkeiten der Vernetzung. Auch das gab es früher nicht. Alles kann mit jedem geteilt werden. Es sind unzählige Handarbeits-Plattformen entstanden und virtuelle Schaufenster dazu. Man muss nicht mehr nur für sich und die Verwandten stricken, man tut das heute schon mal für die ganze Welt. Diese Möglichkeiten beflügeln den Trend.

Das amerikanische Portal Etsy, ein Unternehmen mit weltweit rund 300 Mitarbeitern, war die erste große Plattform, die sich den neuen Trend zunutzte machte und ihn nun permanent weiterbefeuert. Nicht nur mit wachsenden Verkaufszahlen selbsterstellter Produkte, sondern auch mit eigenen „Labs“ (Laboratorien) in den großen Städten der Welt, mit Workshops, Kursen und allerlei Präsentationsmöglichkeiten.

Im Jahre 2005 wurde der Online-Markt von einem amerikanischen Maler und Fotografen gegründet. In diesem Jahr haben sich dort bis einschließlich September bereits mehr als 76 Millionen Produkte weltweit verkauft - ein Wachstum zum vergleichbaren Vorjahresmonat von mehr als 70 Prozent. Im gesamten Jahr 2011 wurden handgemachte Produkte im Wert von 526 Millionen Dollar umgesetzt. Für dieses Jahr rechnet das Unternehmen mit einem Umsatz von 850 Millionen Dollar.

Die Erfolg lässt denn auch Etsy-Chef Chad Dickerson recht vollmundig behaupten: „Wir glauben, dass Etsy dazu beitragen kann, die Funktionsweise der Weltwirtschaft fundamental zu verändern.“ Zum Besseren, meint er natürlich. Die Plattform Etsy ist inzwischen profitabel. „Natürlich wollen auch wir Geld verdienen“, gibt Dickerson freimütig zu. 3,5 Prozent beträgt die Transaktionsgebühr. Die Erträge kommen aus der Masse. Deshalb arbeitet das Unternehmen akribisch daran, immer mehr Menschen zur Selbständigkeit zu verhelfen.

Wer zu Hause Mützen strickt, seine Verwandtschaft bereits hinreichend bestückt hat, aber nicht aufhören will - der kann jetzt die Welt damit beglücken. Es könnte sich lohnen.

Catrin Linderkamp mit ihrem Blog „Maikitten“ bringt die Veränderung auf den Punkt: „Handarbeit heute bedeutet Individualität und unendlich viele Möglichkeiten.“ Das heißt: raus aus dem Wohnzimmer und hinein in die Strick-Cafés und Nähläden. Rein ins Geschäft mit dem Verkauf der eigenen Produkte, die endlich jemand sieht, weil das Internet die Schaufenster dafür schafft. Und schließlich gibt es noch den Weg vom Hobby zum Beruf, wie Linderkamp selbst oder Nina Schweisgut ihn gegangen sind. Ihnen hat der neue Trend zum Handarbeiten in Kombination mit den Möglichkeiten des Internets ein ganz neues berufliches Umfeld geschaffen. Ohne dass sie daran vor ein paar Jahren gedacht hätten.

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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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