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Neuer Trend Deutschland strickt wieder

Handarbeit ist in Mode, seit Frauen wie Sarah Kuttner zu den Stricknadeln greifen. Schneidern entspannt und das Netz führt die Häkelgruppe zusammen.

Fernsehmoderatorin Sarah Kuttner, 33, ist begeisterte Strickerin Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© Laif, F.A.Z. Vergrößern Stricken: So funktioniert’s

Nina Schweisgut kann es noch immer nicht so richtig glauben. Keine zwei Monate ist es her, dass sie in Berlin-Mitte einen Strickladen eröffnete. Und vom ersten Tag an herrschte Hochbetrieb. Die sechsstündigen Strickkurse, die sie anbietet, sind schon bis zum Jahresende ausgebucht. „Es ist verrückt. Aber offensichtlich habe ich einen Nerv getroffen oder eine Nische entdeckt“, sagt die 36 Jahre alte Designerin. Sie selbst kommt aus der Werbebranche, hat immer gerne gestrickt, aber lange nicht damit gerechnet, dass sie irgendwann einmal einen eigenen Laden besitzen würde.

Dort herrscht nun ein ständiges Kommen und Gehen. Bis auf Freitagabend und Samstag. Dann sitzt um ihren Tisch im Laden eine illustre Runde und lernt mit dicken Holznadeln stricken - bei Prosecco und Musik, versteht sich.

Die Unternehmerin hat einen Nerv getroffen, Handarbeit liegt im Trend. Eine Nischenaktivität ist sie schon länger nicht mehr. Überall wird nicht nur gestrickt und gestickt, sondern vor allem auch genäht und gebastelt. Es werden Muster designt und Stoffe damit bedruckt, es wird gewebt, gesteppt und gequiltet.

Handarbeit ist ganz groß in Mode. Sie ist Teil einer großen Do-it-yourself-Bewegung, die in ihrer heutigen Form vor einem guten Jahrzehnt in den Vereinigten Staaten ihren Anfang nahm. Nicht zuletzt deshalb läuft auch hierzulande in diesem Metier so viel auf Englisch - von den Blogs bis zu den Internetseiten der verschiedenen Läden.

stricken / Maschen aufnehmen 1 Maschen aufnehmen: Führen Sie den Faden zwischen kleinem Finger und Ringfinger der linken Hand nach hinten und zwischen Mittel- und Zeigefinger … © Stricken für Dummies, Wiley Verlag Bilderstrecke 

„Knit Knit Love Wool“ heißt die Neugründung von Nina Schweisgut. Und das hat auch seinen Grund: Vor vier Jahren entdeckte die Hobbystrickerin in Soho in New York einen Woll-Laden, „wie ich ihn mir immer erträumt habe“. Besser: eine Art Strickcafé. „Da saßen tatsächlich Menschen im Laden und strickten gemeinsam.“ Was in den Vereinigten Staaten schon längst um sich gegriffen hat, kommt hier in Deutschland gerade erst so richtig in Schwung. Die Designerin ist nicht die einzige mit so einem Geschäft. In Berlins Mitte wimmelt es davon - und in Neukölln.

Dort hat die Schneiderin und Designerin Swantje Wendt eine Art Nähstudio eröffnet und es „Nadelwald“ getauft. Wer das Nähen lernen will, kann dort Kurse belegen oder sich von ihr stundenweise beraten lassen, wenn er mit seinem Kleidungsstück nicht mehr weiterkommt. Oder er kann einfach hingehen und sich einen Platz zum Nähen mieten, wenn er zu Hause keine Nähmaschine hat. Nichts ist unmöglich.

„Seit einem Jahr bin ich nun hier. Und mein Geschäft gibt es immer noch“, sagt Wendt. Das gemeinschaftliche Handarbeiten und Werkeln ist ihrer Meinung nach allerdings ein echtes Phänomen der Großstädte, weil sich nur dort eine Szene entwickeln kann, aus der dann wiederum die Läden entstehen. In München, Frankfurt, Berlin oder Hamburg ist Handarbeit längst ein gesellschaftliches Event geworden. Man trifft sich, man strickt und redet, näht und trinkt - und inspiriert sich gegenseitig.

Firmenpartys werden in Strickbars oder Näh-Cafés gefeiert, ebenso Geburtstage und Junggesellenabschiede. Anders als in den achtziger Jahren, in denen die Grünen und die Öko-Fundamentalisten demonstrativ strickten, um sich gesellschaftlich abzugrenzen, hat die Strickerei heute ihr Öko- und Oma-Image verloren. Sie kommt frisch daher, entstaubt. Der Muff ist weg. Die Farben sind bunt, die Wolle hochwertig, die Schnitte der selbstgenähten Kleidungsstücke modern. Und vor allem: Die Menschen, die nähen, stricken und Stoffe bedrucken, sind jünger als damals. Kaum älter als Mitte 20 sind sie, sehr stilbewusst und ein bisschen verrückt.

Die neue Welle bringt gute Geschäfte. Nicht nur für Kleinunternehmer wie Nina Schweisgut oder Swantje Wendt. Auch die Industrie profitiert von der Begeisterung. Von einem „Hype“ möchte der Geschäftsführer der Initiative Handarbeit, dem Branchenverband, trotzdem nur ungern sprechen. „Es handelt sich vielmehr um eine sehr nachhaltige Bewegung“, sagt Gert Eberhardt, „eine, die wir nun schon seit über einem Jahrzehnt verfolgen.“

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