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Neuer OECD-Bericht : Deutschland wird zum Auswanderungsland

Nicht nur im spanischen Mallorca beliebt: Deutsche Mediziner bieten ihre Dienste auch in anderen Ländern an. Bild: F1online

Vor allem Hochqualifizierte machen immer häufiger im Ausland Karriere. Viele kehren auch wieder zurück. Die Industrieländer-Organisation OECD erkennt dennoch Warnsignale.

          Während eine wachsende Zahl von Menschen nach Deutschland einwandert, wandern jedes Jahr auch 140.000 Deutsche aus. Zwar bleiben bei weitem nicht alle von ihnen langfristig im Ausland, aber die Gesamtzahl der Deutschen außerhalb der Landesgrenzen hat sich doch in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Allein in den 34 Mitgliedsländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) leben inzwischen gut 3,4 Millionen ausgewanderte Deutsche. Das sind 250.000 oder 8 Prozent mehr als zur Jahrtausendwende, wie ein am Montag vorgelegter OECD-Bericht zeigt.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Gemessen an diesen absoluten Zahlen, zählt Deutschland damit außerdem zu den wichtigsten Auswanderungsländern. Nur die Zahl der Briten und der Mexikaner, die außerhalb ihres Heimatlandes leben, ist noch größer. Unter den Schwellenländern liegen auch China und Indien mit jeweils 3,6 Millionen Bürgern im Ausland knapp vor Deutschland – was aber angesichts ihrer Gesamtgröße kaum erstaunt. Gemessen am Prozentsatz ihrer Gesamteinwohnerzahl, haben Portugal, Mexiko und Polen die meisten Auswanderer.

          Mehr höher qualifizierte Frauen wandern aus

          Unter den Deutschen, die ins Ausland wechseln, hat sich in den vergangenen Jahren vor allem der Anteil der Höherqualifizierten stark erhöht, wie der Bericht „Talente im Ausland“ weiter zeigt. Von 2,7 Millionen im Ausland lebenden Deutschen im Erwerbsalter haben nun fast 40 Prozent ein hohes Bildungsniveau, also etwa ein Studium absolviert. Dieser Anteil hat sich binnen zehn Jahren um 8 Prozentpunkte erhöht. Eine wesentliche Ursache dafür sei, dass heute weitaus mehr höher qualifizierte Frauen auswandern, heißt es in dem Bericht.

          Inwieweit die steigende Gesamtzahl gutausgebildeter Auswanderer aus inländischer Sicht als bedenklich anzusehen ist, darüber gehen die Einschätzungen in der Fachwelt auseinander. Das liegt auch daran, das es bisher insgesamt nicht allzu viele zuverlässige Daten über Auswanderer – und Rückkehrer – gibt. Soweit beispielsweise Wissenschaftler oder Ingenieure nach einigen Jahren mit zusätzlicher Qualifikation und Auslandserfahren zurückkehren, wäre dies insgesamt eher vorteilhaft als ein Verlust.

          OECD sieht Hinweise auf Braindrain

          Der Sachverständigenrat der deutschen Stiftungen für Integration und Migration hatte in einer im März vorgelegten Studie Befürchtungen gedämpft: Es gebe „derzeit keinen Braindrain“, also keinen systematischen Verlust Hochqualifizierter durch Abwanderung. Eine Befragung insgesamt 1700 deutscher Migranten ergab, dass 70 Prozent unter ihnen Hochqualifizierte waren; dasselbe traf aber immerhin auch auf 64 Prozent der Rückwanderer zu.

          Auch der OECD-Bericht verweist auf diese Ergebnisse, schlägt aber eine insgesamt etwas skeptischere Tonlage an. So deuteten beispielsweise einige Forschungsergebnisse darauf hin, dass unter den ausgewanderten deutschen Wissenschaftlern vor allem diejenigen im Ausland bleiben, die besonders viel in internationalen Fachzeitschriften veröffentlichen. Und während für auswandernde Wissenschaftler besonders häufig Karriereziele ausschlaggebend seien, stünden für Rückkehrer eher persönliche und familiäre Motive im Vordergrund. Insoweit „ergeben sich Hinweise auf einen Braindrain“, schreibt die OECD.

          Gemessen an der Gesamtzahl der deutschen Auswanderer, sind die Vereinigten Staaten das wichtigste Ziel; gut 1,1 Millionen Deutsche leben insgesamt dort. Großbritannien und die Schweiz folgen mit jeweils 275.000; jeweils rund 200.000 sind in Frankreich, Italien und Spanien ansässig. Betrachtet man indes nur die Wanderungen der jüngeren Zeit, liegen die europäischen Nachbarländer vorn, allen voran die Schweiz: Mehr als jeder dritte Deutsche dort ist innerhalb der zurückliegenden fünf Jahre angekommen. Auch Spanien, Großbritannien und Österreich weisen überdurchschnittliche Anteile an Neuzuwanderern auf. Das hat auch damit zu tun, dass deutsche Auswanderer auch umgekehrt aus diesen Ländern eher wieder heimkehren als etwa aus den Vereinigten Staaten oder gar Australien. Insgesamt sind in den vergangenen Jahren jeweils rund 115.000 deutsche Auswanderer wieder nach Deutschland zurückgekommen.

          Quelle: F.A.Z.

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