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Neue IBM-Chefin Ginni Rometty Feindin der Bequemlichkeit

26.10.2011 ·  Ginni Rometty wird die erste Frau an der Spitze von IBM. Der scheidende Chef Palmisano gab sich Mühe, die Berufung nicht als Quotenentscheidung erscheinen zu lassen.

Von Roland Lindner
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Bei einem von der Zeitschrift „Fortune“ veranstalteten Kongress für weibliche Führungskräfte vor wenigen Wochen erzählte Virginia „Ginni“ Rometty eine Episode aus den frühen Jahren ihrer Karriere. Ihr sei ein verantwortungsvoller Posten angeboten worden, aber sie habe Zweifel an ihrer eigenen Qualifikation gehabt. „Ich bin noch nicht bereit, ich brauche noch etwas Erfahrung, und dann kann ich den Job richtig gut machen“, habe sie gesagt und sich einen Tag Bedenkzeit erbeten. Für diese Reaktion musste sie sich am Abend eine Standpauke von ihrem Mann anhören: „Meinst du, ein Mann hätte jemals so geantwortet wie du?“ Am Ende werde es ohnehin so laufen: „Du wirst den Job machen, und in sechs Monaten wirst du dich wieder langweilen.“

Rometty sagt, sie habe daraus eine Lehre gezogen: „Du musst großes Selbstbewusstsein haben, auch wenn du in dir drin Selbstzweifel hast.“ Und sie habe gelernt, wie wichtig es ist, sich auf unbekanntes Terrain zu wagen und das Risiko zu suchen. „Weiterentwicklung und Bequemlichkeit vertragen sich nicht.“

Jetzt nimmt Rometty eine große Herausforderung an: Sie wird vom 1. Januar an Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Technologiegiganten International Business Machines (IBM) und löst dann Samuel Palmisano ab, der den Posten seit dem Jahr 2002 hatte. Zum ersten Mal wird der in diesem Jahr 100 Jahre alt gewordene Konzern damit von einer Frau geführt. Rometty reiht sich auch in eine wachsende Zahl weiblicher Vorstandschefs in großen amerikanischen Unternehmen ein: So wurde erst vor wenigen Wochen Meg Whitman an die Spitze des IBM-Rivalen Hewlett-Packard (HP) berufen.

Keine Quotenentscheidung

Andere prominente weibliche Vorstandsvorsitzende sind Ursula Burns von Kopiererhersteller Xerox und Indra Nooyi von Pepsico. Der scheidende Samuel Palmisano gab sich indessen Mühe, die Berufung von Rometty nicht als Quotenentscheidung erscheinen zu lassen: „Ginni hat den Job bekommen, weil sie ihn verdient. Das hat nichts mit progressiver Gesellschaftspolitik zu tun“, sagte er der „New York Times“.

Tatsächlich ist die Stabübergabe von Palmisano zu Rometty nicht sonderlich überraschend: Palmisano ist 60 Jahre alt und hat damit den Punkt erreicht, an dem IBM-Vorstandschefs normalerweise ihren Posten abgeben. Auch wenn Palmisano bis vor kurzem öffentlich gesagt hat, er habe keine unmittelbaren Rückzugspläne, wird in der Branche schon seit einiger Zeit über seine Nachfolge spekuliert. Die 54 Jahre alte Ginni Rometty galt dabei als Favoritin: Sie hat in den vergangenen Jahren immer mehr Verantwortung im Konzern übernommen, zuletzt war sie als Senior Vice President für Vertrieb, Marketing und Strategie zuständig. Potentielle Kandidaten wären auch der für das Dienstleistungsgeschäft zuständige Michael Daniels sowie Steve Mills, Chef der Software- und Hardwaresparte, gewesen. Gegen beide Manager hat möglicherweise ihr Alter gesprochen. Daniels ist 57 Jahre alt und Mills 60 Jahre.

Gute Noten in der Branche

Rometty hat fast ihr gesamtes Berufsleben bei IBM verbracht. Sie hat an der Northwestern University in Chicago Computerwissenschaften und Elektrotechnik studiert, absolvierte dann zunächst ein zweijähriges Traineeprogramm im Autokonzern General Motors und stieg 1981 bei IBM als Systemingenieurin ein. In den neunziger Jahren arbeitete sie vor allem für die Beratungssparte, auf die IBM in dieser Zeit ein immer größeres strategisches Gewicht legte. 2002, kurz nach dem Antritt von Palmisano, kaufte IBM die Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers. Er betraute Rometty mit der Integration des Neuerwerbs, und sie bekam dafür in der Branche gute Noten. 2008 wurde Rometty Vertriebschefin, und im vergangenen Jahr kam die Verantwortung für Marketing und Strategie hinzu.

Palmisano, der nach seinem Rückzug Vorsitzender des Verwaltungsrats (Chairman) bleibt, übergibt ein gut positioniertes Unternehmen und kann auf eine erfolgreiche Bilanz zurückblicken. Unter seiner Führung hat IBM die Bedeutung der wenig profitablen Hardwareaktivitäten verringert, das Personalcomputergeschäft hat Palmisano ganz abgestoßen. Dafür baute er das Dienstleistungsgeschäft und in jüngster Zeit zunehmend die Softwaresparte aus. Beide Bereiche sind vergleichsweise wenig schwankungsanfällig, deswegen stand IBM auch in dem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld der vergangenen Jahre recht robust da. An den Finanzmärkten wird das honoriert: IBM überholte in diesem Jahr den Softwarekonzern Microsoft bei der Marktkapitalisierung, in der Technologiebranche wird nur Apple höher bewertet.

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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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