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Veröffentlicht: 21.12.2013, 19:22 Uhr

Nein Mehr Engagement!

von

Schließen Sie kurz die Augen, und lassen Sie diese Sätze wirken: Er habe sich für seine Familie entschieden, spricht der karrierebeflissene Technokrat. Gegen die Pendelei. Gegen die vielen Dienstreisen. All das sei mit Frau und „insbesondere meinen beiden sehr jungen Kindern auf Dauer nicht zu vereinbaren“. Putzig, nicht?

Georg Meck Folgen:

Was aber will der Mann uns damit sagen? Naheliegenderweise wohl doch: Da gönnt sich einer eine Schaffenspause, ordnet zumindest sein Leben neu: Mehr Zeit für die Frau, mehr Muße mit den Kindern. Morgens Frischkäse-brote schmieren, nachmittags Hausaufgaben, danach auf den Spielplatz, über frisch gemähte Wiesen mit dem Fußball toben. Herrlich. So eine ausgeglichene Work-Life-Balance, das hat was.

Nun soll es hier nicht gegen junge Väter gehen, auch wenn sich trefflich spotten ließe über die kuhäugigen Spielplatzgenossen, die den Elternabend im Kita-Stuhlkreis prickelnd finden - aber lassen wir das. Die „Generation Weichei“ hat genug abbekommen. Es spricht ja einiges dafür, sich lieber um den Nachwuchs zu kümmern, statt der Karriere zuliebe vor irgendwelchen Chefs zu buckeln. In einem der Bestseller dieses Jahres hat die Australierin Bronnie Ware die fünf Dinge aufgeschrieben, die Sterbende am meisten vermissen - der 16-Stunden- Arbeitstag voller Meetings mit nervenden Kollegen hat es nicht auf die Liste geschafft.

Also: Gnade für alle Vollblutväter und Familientiere. Soll jeder es halten, wie er mag. Nur: Die zitierten Sätze stammen nicht von einem der Jünglinge, der von der Vorfreude auf die staatlich bezuschusste Elternzeit berichtet. Nein, mit diesen Worten bewirbt sich Jörg Asmussen, bislang unser Mann in der Europäischen Zentralbank, um einen Posten an der Spitze des Staates. Nun gut, nicht ganz an der Spitze. Beamteter Staatssekretär wird er, Asmussen strebt immerhin in die Regierung in einem der wichtigsten Industrieländer der Welt, nicht ins Ministerium für Gedöns, sondern in das für Arbeit und Soziales: Dort wird der Wohlfahrtsstaat organisiert. 120 Milliarden Euro sind da im Jahr zu verteilen, mehr als in jedem anderen Ressort. Mindestlohn, Arbeitsmarkt, Rente werden hier geregelt. Alles ernsthafte Dinge, welche direkt die Existenz der Leute betreffen. Das Haus hätte einen engagierten, ökonomisch kundigen Hüter verdient, zumal die neue Chefin, die frisch vereidigte Arbeitsministerin Andrea Nahles, abgesehen von einer Station im Lobbybüro der IG Metall, in ihrem bisherigen Leben vor allem ihre Funktionärslaufbahn in der SPD vorangetrieben hat. Jemand, der sich richtig reinkniet, wäre also nicht schlecht. Zudem ist die Stelle eines beamteten Staatssekretärs üppig ausgestattet. Von einem Verzicht auf Geld, Pensionsansprüchen oder sonstigen Privilegien war bislang nichts zu hören - Asmussen tritt zu vollen Bezügen an.

Berlin ist ihm deshalb so wichtig, weil seine Frau, ehemals Lobbyistin der Deutschen Börse, heute das Hauptstadtbüro der PR-Agentur Hering Schuppener leitet; überaus zielstrebig, wie zu hören ist. Nächstes Jahr soll sie dort in den Kreis der Partner aufgenommen werden, das heißt: mehr unternehmerische Verantwortung und wenn’s gut läuft, mehr Geld - in keinem Fall weniger Stress. Die Verbindung Lobbyistin - Staatssekretär ist aus Sicht der Betroffenen selbstredend kein Problem: Privates und Beruf werden strikt getrennt. Das passt zum Work-Life-Balance-Konzept, welches empfiehlt: Keine Gedanken an den Beruf mit nach Hause nehmen. Entspannen. Dann wollen wir mal hoffen, dass Asmussens Entscheidung zugunsten der Familie seine Prioritäten nicht so weit verschiebt, dass ihm vor allem daran liegt, nachmittags pünktlich aus dem Büro zu kommen: Was, wenn sich in der Rentenkasse nachts ein Milliardenloch auftut? Oder wenn sie in Brüssel mal wieder die Regulierungswut packt und die EU an einem Wochenende einen Gipfel einberuft? Alles nicht gut für die Work-Life-Balance. Gestandene Politiker können ein Lied davon singen und werden trotzdem verhöhnt, oft zu Unrecht übrigens. Wenn Asmussen nun insinuiert, Regieren sei ein vergleichsweise lauer Job, ist das dreist: Der Mann verhöhnt demokratisch bestimmte Institutionen. Der Wähler darf vollen Einsatz erwarten. Eine Regierung hat das Land zu führen, auch wenn dafür eine Turnstunde mit den Kindern ausfällt.

Einen Grund gibt es, Asmussen zu entschuldigen: Der Mann hat es wahrscheinlich nicht so gemeint. Er hat schlicht ein bisschen geflunkert, wie üblich bei Wechseln, die nicht auf den ersten Blick nach einem Aufstieg aussehen. Was hätte er auch sagen sollen, warum er die EZB verlässt? Dass dort Hopfen und Malz verloren ist, die Sache mit dem Euro kein gutes Ende nimmt? Er es keine Sekunde länger aushält in dem Laden? Oder er sich in Berlin bessere Karrierechancen ausrechnet, er bei nächstbester Gelegenheit einen Minister absägt, um nach dessen Amt zu greifen? Nein, alles undenkbar. Dann doch lieber das Work-Life-Balance-Gesäusel. Zeitgeistmäßig liegt er damit ganz weit vorne.

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