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Veröffentlicht: 25.07.2013, 16:13 Uhr

Mathias Döpfner Der Schönfärber

Mit dem Verkauf von „Hamburger Abendblatt“ und „Hörzu“ hat Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner die Wurzeln des Unternehmens gekappt. Gleichzeitig kauft er ein Internetportal nach dem anderen. Ein Porträt.

von
© dpa Mathias Döpfner

Mathias Döpfner besitzt die Gabe, Dinge schönzureden, die nicht schön sind. Zumindest nicht für Betroffene seines Handelns. Am Donnerstag, an dem Tag, als der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG kurzerhand zwei Traditionszeitungen und sämtliche Frauentitel und Programmzeitschriften verkaufte, trat er unerschrocken vor die überraschte Belegschaft. Und in einem persönlichen Brief an alle 13000 Mitarbeiter des Berliner Medienkonzerns schilderte Döpfner, wie schwer es ihm und seinen Vorstandskollegen gefallen sei, „uns von einigen der traditionsreichsten Marken unseres Hauses zu trennen.“

Henning Peitsmeier Folgen:

Mit dem Verkauf von „Hamburger Abendblatt“ und „Hörzu“ an die neuen Eigentümer der WAZ-Gruppe hatte Döpfner soeben die Wurzeln des Unternehmens gekappt; beide Titel, gegründet von Axel Cäsar Springer, standen für den Aufstieg von Verlag und Verleger. Entsprechend gehaltvoll formulierte Döpfner, dass er die Entscheidung „mit schwerem Herzen“ getroffen habe, dieser Schritt aber „für die langfristige Perspektive der Marke und deren Mitarbeiter das Beste“ sei. Nur zu gern würden die Redakteure von „FunkUhr“, „TV Digital“ oder „Bild der Frau“ - auch diese Titel verkauft Springer - das glauben und dabei ausblenden, dass die WAZ-Gruppe unlängst ein hartes Kostensenkungsprogramm verabschiedet hat, das auch vor den Redaktionen nicht Halt macht.

Döpfner verkauft Regionalzeitungen im Dutzend

Döpfner steht seit nunmehr elf Jahren an der Spitze des Springer-Konzerns. Damals trat er, der gerade einmal 38 Jahre alte Musikwissenschaftler, zugegeben ein schweres Erbe an. Der Konzern hatte Schulden und machte Verluste. Döpfner handelte. Kaum im Amt, nutzte er eine Option, um von Leo Kirchs krisengeschüttelten Firmenimperium 767 Millionen Euro für den Springer-Anteil am Fernsehkonzern Pro Sieben Sat. 1 zu verlangen. Kirch ging Pleite, Verlegerwitwe Friede Springer war fortan Herrscherin im eigenen Unternehmen. Springer gehörte wieder Springer.

Manche sagen, Döpfner habe seitdem freies Spiel. Tatsächlich verkauft er seither Regionalzeitungen im Dutzend, stellt Publikumszeitschriften ein oder gibt sie an andere Verlage ab. Gleichzeitig kauft er ein Internetportal nach dem anderen. Unentwegt redet er dabei über den Qualitätsjournalismus, den es in Zeiten der Gratis-Kultur im Internet zu schützen gelte. Die Leser hätten über Jahrhunderte bewiesen, sagt Döpfner zu jeder sich bietenden Gelegenheit, dass sie bereit seien, für wirklich attraktive Inhalte Geld zu bezahlen: „Qualität, geistige Wertschöpfung haben ihren Preis. Warum soll das in der digitalen Welt plötzlich anders sein?“ Welcher Journalist will ihm da schon widersprechen?

Döpfner weiß, dass Friede Springer hinter seinem Kurs steht

Döpfner begnügt sich nicht damit, den Springer-Konzern binnen eines Jahrzehnts so zu verändern, wie keiner seiner Vorgänger, einschließlich des Gründungsvaters selbst, es sich je getraut hätte. Döpfner sieht sich gar in der Tradition Springers handelnd, wenn er wagemutig in die Digitalisierung investiert. Dann sagt er Sätze, die er auch seinem Idol zuschreiben würde. „Für uns gibt es in der digitalen Welt viel mehr zu gewinnen, als wir im Printgeschäft verlieren können“, ist so ein typischer Döpfner-Satz.

Den Grund für Springers wirtschaftlichen Erfolg brachte Döpfner einmal auf die eingängige Formel „Der Geist bestimmt immer noch das Geld - und nicht umgekehrt.“ Wirtschaftlicher Erfolg ist bei einem publizistischen Unternehmen ohne geistigen Inhalt nicht möglich.

Niemand weiß heute, wie Axel Springer seine Druckerzeugnisse durch die Digitalisierung der Medienwelt geführt hätte, ob er ebenfalls wie viele Verleger die geistigen Inhalte im Internet gratis angeboten oder mittels einer Bezahlschranke versucht hätte, daran zu verdienen.

Axel Springer verkauft Regionalzeitungen © dpa Vergrößern Nibelungentreue: Verlegerwitwe Friede Springer (r) übertrug Döpfner ein Aktienpaket im Wert von mehr als 73 Millionen Euro.

Döpfner weiß, dass Friede Springer hinter seinem Kurs steht. Er wählte sie als Patentante für einen seiner drei Söhne aus, sie zog in seine Nähe in eine Villa in Potsdam am Heiligen See. Bester Beleg für die Nibelungentreue der Verlegerwitwe zu ihrem obersten Angestellten war vor einem Jahr ein großzügiges Aktiengeschenk: Einen Tag vor ihrem 70. Geburtstag übertrug sie Döpfner ein Aktienpaket im Wert von mehr als 73 Millionen Euro. Sein Vorstandsvertrag läuft noch bis zum Jahr 2016. Ganz nebenbei ist er wohl der bestbezahlte Verleger der Republik. Fast 20 Millionen Euro wurden dem fünfköpfigen Springer-Vorstand im vergangenen Geschäftsjahr vergütet, und es ist ein offenes Geheimnis, dass Döpfner davon inklusive Tantieme etwa die Hälfte kassiert haben dürfte - so detailliert schlüsselt der Geschäftsbericht die Summe nicht auf.

Im Mai vorigen Jahres, Axel Springer wäre 100 Jahre alt geworden, erinnerte der Berliner Medienkonzern unter Döpfners Regie an das Leben und Wirken des Zeitungs-Tycoons. Die „Bild“-Zeitung druckte täglich große Schwarz-Weiß-Fotostrecken, es gab eine Sonderbriefmarke mit dem Konterfei des Jubilars, und Döpfner war es vergönnt, in einem rührenden Theaterstück sich selbst zu spielen. Vor 1000 Gästen in der Berliner Ullstein-Halle stand der Zwei-Meter-Mann also in Jeans und Kapuzenpulli auf der Bühne, holte ein Notebook hervor und schrieb einen fiktiven Brief an den 1985 verstorbenen Verleger, den er persönlich nie getroffen hat. „Schade, dass wir uns nicht kennengelernt haben“, sagte Döpfner, um sich dann zu korrigieren: nee, eigentlich doch nicht schade: „Wahrscheinlich hätten sie mich längst rausgeschmissen. Zehn Jahre hielten sie es ja mit den wenigsten Mitarbeitern aus.“ Das Gelächter im Publikum war groß.

Über Döpfners Sprüche haben in den vergangenen Jahren viele gelacht. So manchem Mitarbeiter im Verlag ist das Lachen anschließend vergangen.

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