Wenn nicht noch ein Unfall passiert, wird Marcel Fratzscher bald einen der einflussreichsten, aber auch schwierigsten Posten in der ökonomischen Politikberatung übernehmen. Die Findungskommission des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat ihn einstimmig für das Präsidentenamt vorgeschlagen. Jetzt muss nur noch das Kuratorium zustimmen. Das gilt aber als ziemlich sicher, da der Vorsitzende, der frühere „Wirtschaftsweise“ Bert Rürup, voll des Lobes ist über die „glänzende Bewerbung“ des Kandidaten. Noch vor Jahresende wird Fratzscher dann sein Arbeitszimmer in der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt räumen und das Präsidentenbüro in der Berliner Mohrenstraße beziehen.
Am Tag nach der Entscheidung ist ihm keinerlei Triumphgehabe anzumerken. Der erst 41 Jahre alte Ökonom wirkt uneitel, er ist groß gewachsen, spricht leise und überlegt, in einem fast sanften Tonfall. So einen ruhigen Präsidenten kann das DIW nach den unruhigen Zeiten gut gebrauchen. Seinen Platz im Berliner Politikbetrieb muss sich Fratzscher aber erst noch erkämpfen.
Nicht in der Öffentlichkeit
Aktuell leitet er in der EZB die Abteilung für internationale wirtschaftspolitische Analysen. Gut zwei Dutzend Ökonomen arbeiten dort und entwerfen Papiere zu globalen volkswirtschaftlichen Fragen, zum Verhältnis der Industrie- zu den Schwellenländern, der internationalen Finanzmarktarchitektur und Regulierung. Alles, was zum Beispiel mit den G-20-Treffen wie in Los Cabos zu tun hatte, geht über seinen Schreibtisch. Oder jüngst der EZB-Jahresbericht, wie sich der Euro in der Krise als Reservewährung oder an den Anleihemärkten gehalten hat.
In der Öffentlichkeit ist Fratzscher aber nie in Erscheinung getreten, da hält er sich gemäß EZB-Richtlinien im Hintergrund. Doch in der Ökonomenzunft kennt man ihn als einen der forschungsstärksten deutschen Makroökonomen. Er gehört zur Top-Gruppe der Wirtschaftswissenschaftler, die in den vergangenen Jahren mit Abstand am meisten Aufsätze in angesehenen englischsprachigen Zeitschriften veröffentlicht haben. Diese hoch gerankte Publikationsleistung, erbracht mit Ko-Autoren von Universitäten und Zentralbanken, hat die Berliner Kommission schwer beeindruckt.
Stichwort Verantwortungsethik
Zu seinen Forschungsgebieten zählt beispielsweise die Frage, wie sich makroökonomische Schocks ausbreiten. Aktuell untersucht er, ob sich die Spreads (Risikoaufschläge) für Staatsanleihen aufgrund von Fundamentaldaten oder Finanzmarktangst ausweiten. Auch Wechselkursbewegungen hat er in dieser Hinsicht untersucht. Die Marktteilnehmer suchen zuweilen einzelne schlechte Daten heraus und machen sie zu „Sündenböcken“, um ihre Flucht aus bestimmten Anlagen und Währungen zu „rationalisieren“, hat Fratzscher argumentiert. Die Auswirkungen der lockeren amerikanischen Geldpolitik hat er ebenfalls aus mehreren Blickwinkeln untersucht. Als großes Risiko sieht er, dass die ausgelösten Kapitalströme in die Schwellenländer dort protektionistische Gegenreaktionen auslösen.
An die Spitze der Forschung ist Fratzscher recht zielstrebig gekommen, obwohl er sich auch Umwege gegönnt hat. Der Sohn eines Agrarökonomen und einer Chemikerin hat zunächst ein VWL-Studium in Kiel angefangen, dann aber zwei Jahre lang in Oxford Philosophie-Vorlesungen gehört. Zu seinen Lieblingsdenkern zählt er „natürlich Kant“, den englischen Philosophen Bernard Williams und den Soziologen Max Weber. Verantwortungsethik lautet sein Stichwort. Schließlich ging er doch zurück zur Ökonomie und schloss in Harvard mit dem Master ab.
Vom Ehrgeiz gepackt
Sodann arbeitete Fratzscher zwei Jahre während der Asienkrise in der indonesischen Hauptstadt Jakarta am Harvard Institut für internationale Entwicklung, das damals Jeffrey Sachs leitete. Hautnah verfolgte er, wie die Krise das Land bis an den Rand eines Bürgerkriegs führte. Damals zerrissen mächtige Währungsbewegungen und Kapitalströme die ostasiatischen Volkswirtschaften. Aus Asien zurückgekehrt, hat Fratzscher am europäischen Hochschulinstitut in Florenz eine Doktorarbeit geschrieben - über Finanzkrisen und die europäische Integration. Den Euro hielt er immer für eine gute Idee, die aber verbesserungswürdig sei, wie er zugibt.
Nach elf Jahren in der EZB hat ihn, der außer Ökonomie noch Jazz und Latino-Musik liebt, der Ehrgeiz gepackt, außerhalb der Zentralbank eine Karriere zu machen. Im Frühjahr hat er sich um den Chefposten im Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung beworben - vergebens, dort kam Clemens Fuest zum Zuge. Nun wird er in Berlin die Herausforderung annehmen, das von Affären und Personalquerelen gebeutelte DIW wieder aufzurichten. Noch immer ist das Institut nach dem Rücktritt des langjährigen Präsidenten Klaus Zimmermann verunsichert und in verfeindete Lager gespalten. Interimschef Gert Wagner hat es politisch auf einen deutlich linken Kurs geführt. Fratzscher bezeichnet sich als „politisch neutral“ - er will als Wissenschaftler glänzen.
Forscher, Fachleute,...
Daniel Grün (danielgruen)
- 19.07.2012, 09:34 Uhr