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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Lounge Stille Nacht an der Ruhr

Aus Bochum kommen bald keine Autos mehr. Thyssen-Krupp hat Sorgen. Aber das Ruhrgebiet kämpft um seine Zukunft.

© ddp Vergrößern Zeche Zollern in Dortmund: Im Ruhrgebiet ein altes Lied mit Kohle, Stahl und bald auch Autos - früher Arbeitsplatz, jetzt Denkmal.

Am 10. Dezember um 9.30 Uhr wird aus Besorgnis Gewissheit. An diesem trüben Dezember-Montag, an dem es den ganzen Tag nicht mehr hell werden wird, verkündet Opel-Interimschef Thomas Sedran das, was kaum noch überrascht. Ende 2016 werden in Bochum keine Autos mehr gebaut. In der Halle des Ruhr Congress Bochum, in der Mitte Januar auch den angeschlagenen Thyssen-Krupp-Konzern eine turbulente Hauptversammlung erwartet, sind viele kampferprobte Opelaner zugegen. Aus so manchen Gesichtern spricht inzwischen Resignation. Denn die Zitterpartie um das ausgerechnet gerade jetzt 50 Jahre alte Werk in Bochum-Laer zieht sich schon über Jahre hin. Von ihrer „dritten Opelkrise“ hat Bochums Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz im Sommer gesprochen, als sich abzeichnete, dass die Produktion des Familienautos Zafira abgezogen würde. Vor acht Jahren sollte das Werk, in dem in der Spitze rund 22.000 Menschen gearbeitet haben, schon einmal geschlossen werden. 2009 verordnete der damals schwer angeschlagene Mutterkonzern General Motors seinen deutschen Standorten abermals einen drastischen Stellenabbau.

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Womöglich bleiben nach 2016 einige hundert der derzeit mehr als 3300 Arbeitsplätze der Autofertigung in einem Logistikzentrum und einer Komponentenfertigung erhalten. Für Bochum und die Region ist die schlechte Botschaft so kurz vor Weihnachten aber in jedem Fall ein neuer Tiefschlag. Die wenig weihnachtliche Botschaft lautet: Der Strukturwandel der einst von Kohle und Stahl geprägten Region ist noch lange nicht zu Ende. In den 1960er Jahren hatte das damals hochmoderne Werk noch den Ende der 1950er Jahre einsetzenden Niedergang der Zechenindustrie auffangen können. Nicht mehr das Grubengold, sondern der kleine kantige Kadett - gern in Himmelblau oder Beige - wurde zum Markenzeichen der Stadt. Jetzt aber holen hohe europäische Überkapazitäten die Massenanbieter der Autobranche ein und sorgen für die nächsten Umbrüche. Nach dem damals fast überhastet wirkenden Wegzug des Handy-Herstellers Nokia vor mehr als vier Jahren und der ebenfalls drohenden Schließung des Nirosta-Edelstahlwerkes von Thyssen-Krupp ist Opel ein weiterer namhafter Konzern, der sich als namhafter Arbeitgeber aus der Stadt an der Ruhr verabschiedet.

„Opel braucht Bochum“

Die IHK Bochum schätzt die Auswirkungen auf die Beschäftigung in der Region sogar noch als weit gravierender ein, als es die direkt betroffenen Opel-Arbeitsplätze vermuten lassen. Denn die Aufgabe der Autoproduktion hätte Folgen für Lieferanten, Logistiker, Dienstleister - und nicht zuletzt den Kiosk an der Ecke. IHK-Sprecher Jörg Linden hält den Entschluss des amerikanischen GM-Managements deshalb auch für einen gewaltigen Managementfehler: „Opel braucht Bochum“, sagt er trotzig und frustriert zugleich. Denn im Ruhrgebiet führe die Marke Opel heute die Zulassungsliste mit mehr als 17 Prozent klar an. Es werde hier aber wohl kaum jemand auf die Idee kommen, nach dem Aus von Opel die GM-Konzernmarke Chevrolet zu fahren.

Indes ist die Formel „Opel gleich Bochum gleich Krise“ auch falsch. „Sollte Opel 2016 tatsächlich dichtmachen, werden hier nicht die Lichter ausgehen“, versichert Linden. In der Arbeitslosenstatistik schneidet die Stadt weit besser ab als die Nachbarstädte Dortmund, Duisburg, Essen oder gar Gelsenkirchen. Das liegt an der stark mittelständisch geprägten Struktur der im Kammerbezirk Bochum, Herne, Witten und Hattingen arbeitenden Unternehmen.

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