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Veröffentlicht: 10.01.2016, 17:08 Uhr

London Auf Geld gebaut

London wächst in die Höhe, in die Tiefe und aufs Wasser. Die Stadt gilt als sicherer Hafen für Immobilienkäufe und zieht Kapital aus der ganzen Welt magnetisch an. Nur die Menschen kommen nicht mit.

von , London
© Reuters Schatten über London: Blick auf eine Stadt, der es finanziell sehr gut geht. Der Schatten kommt von „The Shard“, dem höchsten Hochhaus Europas.

Jon Privett hat sich daran gewöhnt, dass der Boden unter seinen Füßen schaukelt. Und dass es eng ist. Sein Zuhause ist zwei Meter breit und fünfzehn Meter lang, und um es zu betreten, sollte man besser frühzeitig den Kopf einziehen, um nicht mit der Buddhafigur zu kollidieren, die über dem Türrahmen wacht. Der 51-Jährige lebt auf einem Hausboot auf dem Londoner Regent’s Canal. Die „World on the Water“ ist ihm Wohnung und Arbeitsplatz zugleich.

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Tagsüber verkauft Privett hier Secondhandbücher, abends klappt er das schmale Sofa um, das hinter einem der Bücherregale steht, und rollt sich darauf mit seinem Hund „Star“ zusammen. „Die Enge hat auch Vorteile“, sagt Privett und lächelt. „Wenn ich hier liege, brauche ich nur den Arm auszustrecken, um an ein Buch zu kommen. Und weil das hier die Kinderbuchabteilung ist, habe ich auch keine Probleme mit dem Einschlafen.“

Privett ist keiner dieser Lebenskünstler, die schon immer anders leben wollten als alle anderen. Er hat studiert, amerikanische Literaturwissenschaften, und wollte nach seinem Abschluss in London eigentlich für ein Forschungsjahr an eine Hochschule in Amerika. Aber dann wurde seine damalige Freundin schwanger, und Privett musste Geld verdienen. Er tat, was er schon während seines Studiums getan hatte: Er handelte mit gebrauchten Büchern. Viele Jahre kam er damit gut über die Runden, bis die Mieten immer stärker anzogen. Irgendwann stand Privett vor der Frage, ob er die Stadt verlassen oder seinen Lebensstandard drastisch senken sollte.

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Er entschied sich für das Leben auf dem Hausboot. 60.000 Pfund, heute umgerechnet 83 000 Euro, kostete die Barke. Die monatlichen Ausgaben für Lizenz, Versicherung und Benzin überschreiten selten 300 Pfund. Für das Geld bekomme man in London sonst allenfalls eine Garage, witzelt Privett. Dass er eines Tages noch einmal in einer ganz normalen Wohnung leben wird, glaubt er nicht. „Zumindest nicht in London.“

Wie lange soll das noch so weitergehen?

Kaum eine Stadt in Europa verändert sich derzeit so rasant wie die britische Hauptstadt. Einerseits wird so viel gebaut wie nie zuvor. Mehr als 260 Hochhäuser wachsen in den kommenden Jahren in den Himmel. Rechnet man alle Bauvorhaben zusammen, kommen bis zum Jahr 2030 rund 620 Milliarden Pfund zusammen. Auf der anderen Seite können sich immer weniger Londoner ihre Stadt noch leisten.

In den Neubauten rund um King’s Cross, wo Jon Privett dieser Tage mit seiner Barke liegt und sich mit leiser Jazzmusik gegen den allgegenwärtigen Baulärm stemmt, kostet eine Zweizimmerwohnung mit 47 Quadratmetern 500 Pfund Miete - pro Woche. Als kürzlich im nicht sonderlich angesehenen Süden der Stadt, in Peckham, eine bessere Gartenhütte für fast eine Million Pfund wegging, japsten selbst hartgesottene Beobachter. Eine Million! In Peckham! Wie lange soll das noch so weitergehen?

Eine der meistgehörten Vokabeln dieser Tage ist „priced out“. Ob es die Pubs oder die Musikclubs, die Galerien oder die kleinen Läden mit Vintagemode sind: Vieles von dem, was diese Stadt überhaupt erst so attraktiv gemacht hat, muss angesichts der horrenden Preise weichen. Die Durchschnittseinkommen in der 8,6-Millionen-Einwohner-Metropole sind in den Jahren nach der Finanzkrise kaum gestiegen, anders als die Immobilienpreise, die durch die schier unerschöpfliche Nachfrage nicht zuletzt aus dem Ausland immer neue Höhen erklommen.

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