08.02.2012 · Anke Schäferkordt rückt an die Spitze von RTL und in den Vorstand von Bertelsmann. Eine Quotenfrau? Mitnichten. Schäferkordts Berufung hat in allererster Linie mit ihren bisherigen Verdiensten zu tun.
Von Johannes RitterWenn Frauen in die obersten Führungsetagen großer Unternehmen einziehen, schwingt oft ein wenig Misstrauen mit. Ist die Berufung wirklich ausschließlich der Qualifikation geschuldet? Oder spielt dabei die leidige Quotendebatte eine Rolle? Im Fall von Anke Schäferkordt erübrigen sich derlei Fragen. Die 49 Jahre alte Ostwestfälin rückt im April an die Spitze der RTL Group und in den Vorstand der Bertelsmann AG. Dass erstmals eine Frau auf die Kommandobrücke von Europas größter privater Fernsehsenderkette und deren Mutterhaus kommt, hat in allererster Linie mit Schäferkordts bisherigen Verdiensten zu tun.
Seit 2005 führt sie mit großem Erfolg das Deutschland-Geschäft von RTL, das einschließlich der Sender Vox, RTL II, Super-RTL und N-TV nicht nur das größte Einzelengagement darstellt, sondern auch maßgeblich zu den stattlichen Gewinnen der Gruppe beiträgt. Der RTL-Konzern ist mit einer operativen Umsatzrendite von zuletzt 20 Prozent der Star unter den Tochterfirmen der Gütersloher Bertelsmann AG.
Schäferkordt galt schon länger als aussichtsreichste Kandidatin für die Nachfolge Gerhard Zeilers. Allerdings hat kaum jemand geglaubt, dass es so schnell gehen würde. Zeilers Vertrag als Vorstandsvorsitzender von RTL lief eigentlich noch bis Ende 2015. Doch nach neun Jahren an der RTL-Spitze sehnte sich der 56 Jahre alte Österreicher offenbar nach einem Tapetenwechsel. Zeiler heuert beim amerikanischen Fernsehkonzern Turner Broadcasting (Time Warner) an und kümmert sich dort um die Geschäfte außerhalb des Kernmarktes Nordamerika.
Für Bertelsmann ist dieser Abgang ein Verlust. Trotz der teuren Fehlschläge in England (Five) und Griechenland (Alpha Media) hat Zeiler die RTL-Gruppe zum Marktführer in Europa gemacht und in neue Ertragshöhen geführt. Seinen Nachfolgern - Schäferkordt soll mit Guillaume de Posch, dem früheren Chef von Pro Sieben Sat 1, eine Doppelspitze bilden - hinterlässt „Mr. RTL“ ein wohlbestelltes Haus. Nachdem er im Januar die Reißleine in Griechenland gezogen hat, sind die größten Baustellen geschlossen.
Zeiler und Schäferkordt sind charakterlich recht unterschiedlich. In ihrer Haltung zum Fernsehgeschäft ähneln sie einander aber sehr. Genau wie Zeiler ist auch Schäferkordt mit viel Herzblut bei der Sache. Als Betriebswirtin, die sich mit Fleiß und der nötigen Portion Ehrgeiz Ende der achtziger Jahre durch ein Führungskraftnachwuchsprogramm bei Bertelsmann ackerte, hat sie zwar stets auch die Zahlen genau vor Augen. Aber die unprätentiöse Frau ist auch leidenschaftliche Fernseherin, die ein sehr gutes Gespür für den Kern des Geschäfts hat: das Programm. Man kann von Sendungen wie dem RTL-“Dschungelcamp“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ halten, was man will: Sie bringen gute Quoten und halten den großen Rivalen Pro Sieben Sat 1 deutlich auf Abstand.
„Ich bin sehr konsequent und auch sehr geradeaus“, sagt Schäferkordt. Und sie findet es schade, dass einem als Frau mit derlei Eigenschaften „schnell das Klischee der eisernen Lady anhaftet“. Dies bekannte sie im „Manager-Magazin“, das Schäferkordt jüngst als „Wonder Woman“ feierte. Mit ihrer geradlinigen und schnörkellosen Art liegt sie auf einer Wellenlänge mit Thomas Rabe. Der neue Bertelsmann-Chef ist ähnlich gepolt und hält große Stücke auf seine Vorstandskollegin in spe.
Gewöhnungsbedürftig ist allerdings, dass Schäferkordt RTL gleichberechtigt mit Guillaume de Posch führen soll. Der Belgier steht erst seit Anfang dieses Jahres in Diensten der Sendergruppe. Die Erfahrung lehrt: Doppelspitzen funktionieren selten gut. Diese Gefahr versucht RTL mit einer klaren Aufgabenverteilung zu bannen. Schäferkordt, die bisher keinerlei Auslandserfahrung hat, bleibt von Köln aus verantwortlich für das wichtige Deutschland-Geschäft. Der weltläufige und vielsprachige de Posch kümmert sich von der Zentrale in Luxemburg aus um den großen Rest.
So sinnvoll diese Arbeitsteilung aussieht: Den Praxistest muss das neue Führungsduo erst noch bestehen. Werden beide in strategischen Fragen immer an einem Strang ziehen? Wie lösen sie einen Dissens? Zumindest in ihren eigenen vier Wänden ist die Führungsfrage geklärt. In ihrer Kölner Altbauwohnung gibt Fernsehfrau Schäferkordt die Fernbedienung meist an ihren langjährigen Lebensgefährten, den Historiker Harald Biermann, ab. „Das ist besser für uns beide“, sagt sie. „Ich zappe nämlich für mein Leben gerne.“
Verdienste?
Karl-Joachim Neidhart (K.-J.Neidhart)
- 09.02.2012, 14:13 Uhr
Verdienste?
Henning Lorenz (Mitgedacht)
- 09.02.2012, 12:20 Uhr
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