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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Klavierbau Piano statt forte

 ·  Geht es mit der Wirtschaft abwärts, sind die Klavierbauer die Ersten, die es merken. Geht es aufwärts, sind sie die Letzten, die davon profitieren. Wie kann man das eigentlich durchhalten?

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© Franz Bischof 30.000 Euro für ein Standardklavier: Die deutsche Pianoindustrie hofft auf die Chinesen

Manchmal, in einer stillen Stunde, gehen Hannes Schimmel-Vogel ketzerische Überlegungen durch den Kopf. Dann schaut er auf Managerkollegen, denkt an Gespräche mit anderen Firmenchefs und wälzt Gedanken wie: In welch einer komplexen Welt leben wir eigentlich in der Klavierbranche? Um wie viel einfacher könnte man woanders Geld verdienen und auf der Karriereleiter nach oben kommen?

Der 42 Jahre alte Blondschopf, der in die Braunschweiger Tastendynastie eingeheiratet hat und seit neun Jahren das Unternehmen führt, hat allen Grund zu solchem Räsonieren. Ausgerechnet der Traditionsklavierbauer Schimmel, dessen Instrumente Generationen von Jugendlichen die Schulmusik entweder nähergebracht oder verleidet haben, musste vor drei Jahren Insolvenz anmelden. Heute steht Schimmel wieder halbwegs stabil da, doch die Zukunft ist - diese Erkenntnis geht über das Klischee hinaus - ungewisser denn je. Und nicht nur die der Niedersachsen.

Eine große Chance und ein großes Problem zugleich

Wenige Zahlen und Fakten genügen, und man versteht, warum Berichte über Pianoforte-Produzenten immer wieder gerne mit einer Überschrift aus der Ideenrecycling-Schublade garniert werden: „Piano morte“. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre produzierten die Klavierhersteller hierzulande rund 30.000 Instrumente. Anfang der achtziger Jahre gab es eine erste Delle, der Absatz sank auf 25.000 Stück. Heute wären die Firmen mehr als froh über eine solche Zahl. Die aktuelle Produktion liegt bei 11.000. Davon bleibt nur der kleinere Teil in Deutschland: 3000 Stück. Den Rest kauft das Ausland.

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Hannes Schimmel-Vogel führt den Braunschweiger Klavierhersteller Schimmel seit 2003. Er hat schon eine Insolvenz hinter sich © Franz Bischof Hannes Schimmel-Vogel führt den Braunschweiger Klavierhersteller Schimmel seit 2003. Er hat schon eine Insolvenz hinter sich

Unsere Klaviere und Flügel stammen also in erster Linie nicht aus heimischen Fabriken, sondern aus chinesischen, koreanischen und japanischen. Wir beliefern die Welt, und die Welt beliefert uns. Globalisierung? Ja, aber im Gegensatz zur Regel eine, die auf gleichen Wertschöpfungsstufen basiert. Damit ist Asien und ist vor allem China eine große Chance für die deutschen Klavierbauer und ein großes Problem zugleich.

Problematisch ist für den Industriezweig bereits das schnelle Tempo des globalen Marktes. Wenn es einen Sektor gibt, der in langen Zyklen denkt, dann ist es die deutsche Klavierindustrie. „Bechstein soll uns und weitere Generationen überleben“, sagt Eigentümer Stefan Freymuth und benutzt damit einen Schlüsselbegriff. Nur zu gerne verweisen die Pianobauer auf ihre Historie, stets ein Anlass zum Feiern: Im kommenden Jahr begehen Bechstein, Blüthner und Steinway jeweils ihren 160. Geburtstag. Vor zwei Jahren waren Grotrian-Steinweg mit 175 Jahren und Schimmel mit 125 Jahren an der Reihe. Ganz zu schweigen von mehreren kleineren Anbietern, die bald 140 Jahre und älter werden.

Ein organisch gewachsenes Chaos

Im Rückblick übersieht man leicht, dass die Geschichte der 88 schwarzen und weißen Tasten ökonomisch ziemlich wechselhaft verlaufen ist. Im 19. Jahrhundert war die Technik so weit ausgereift, dass eine regelrechte Gründerwelle einsetzte. Von den damals mehreren hundert Pianofabriken überlebte in Deutschland jedoch nur ein gutes Dutzend. 13 Hersteller zählt der Bundesverband Klavier heute noch als Mitglieder. Einstiges Renommee schützt nicht vor dem Aus. Das Unternehmen Ibach etwa, das sich stolz mit dem Prädikat „Älteste Pianofortemanufaktur der Welt, seit 1794“ schmückte, stellte 2007 die Produktion ein. Andere wie der unterfränkische Hersteller Seiler wurden übernommen.

Wer wissen will, wie die Überlebenden heute ticken, muss sich auf weite Reisen einstellen. Das sächsische Seifhennersdorf liegt am Ende Deutschlands, 100 Kilometer entfernt von Dresden, am südöstlichen Rand der Republik. Ein Ort, der seit der Wende 40 Prozent seiner Einwohner verloren hat. Hier standen mal eine große Kleider- und eine Schuhfabrik. Aber das ist Geschichte. Realität ist dagegen der größte Arbeitgeber vor Ort - und das ist heute ein Klavierbauer. Mehrere renovierte cremefarbene Produktionsgebäude mit langgezogenen Kastenfensterfronten beherbergen die C. Bechstein Pianofortefabrik AG, wie sich das börsennotierte Unternehmen offiziell nennt. Der Begriff „Fabrik“ trifft es nicht wirklich. Ja, computergesteuerte Bohr- und Fräsmaschinen gibt es auch hier. Doch die 150 Mitarbeiter sind im Wesentlichen Handarbeiter. Bänder sucht man vergebens. Die Produktion ähnelt einer besseren Schreinerwerkstatt. Und entspricht damit dem Branchenstandard.

Ob Neugierige nun Bechstein in Seifhennersdorf, Schimmel in Braunschweig oder Blüthner in Großpösna bei Leipzig besuchen: Der Eindruck eines organisch gewachsenen Chaos festigt sich. Zumindest eines nehmen alle Besucher mit. Ihr Verständnis für den anfangs als exorbitant eingeschätzten Preis der Instrumente wächst. Vielleicht könnte man einen Flügel ähnlich wie ein Automobil auch an einem oder zwei Tagen zusammenschrauben und zusammenleimen. Ob ein Pianist damit seine Freude hätte, ist eine andere Frage. Und so nehmen sich die Hersteller Zeit - zumindest die, die das besetzen, was sie Premiumsegment nennen.

Produzenten suchen ihr Heil auf der Asien-Billigschiene

Bis bei ihnen ein Flügel fertig ist, können neun Monate vergehen oder 18. Allein die Trocknungsprozeduren für das Holz dauern und dauern und dauern. In der Trockenkammer mit Temperaturen um die 30 Grad ist die Minute und auch die Stunde keine relevante Einheit. Auch anderswo herrscht Zeitlosigkeit. Unendliche Geduld scheint einen Klavierbaumeister eigen, wenn er in seinem kleinen Kämmerchen Hammerköpfe bearbeitet, die Laien längst für fertig produziert halten. Der Filz eines jeden dieser Teile, die auf die Saiten aufschlagen, wird viele Dutzend Mal mit feinen Nadelstichen versetzt, um ihn elastischer zu machen. Mit kleinen Flämmchen werden die Hammerstiele erhitzt, um ihre Stellung um zehntel Millimeter anzupassen.

Wen wundert es da, dass ein in Deutschland hergestelltes Einsteigerklavier mit wenigstens 7000 Euro zu Buche schlägt? Dass man für das Standardklavier 30.000 Euro zahlen muss? Und ein Flügel auch mal 150.000 Euro kosten kann? Fragt sich, wer sich das leisten mag und kann. Von den Konzertpianisten allein könnte keiner der Anbieter leben, auch nicht von russischen Oligarchen, die gelegentlich bei deutschen Herstellern vorstellig werden. Da sich selbst die Nachfrage aller Deutschen zusammengenommen bescheiden ausnimmt - von 82 Millionen Menschen legen sich 3000 jährlich ein neues akustisches Klavier aus deutscher Fertigung zu -, muss die Nachfrage woanders herkommen. Und so heißt der große Traum der deutschen Klavierindustrie: China. Ein Traum und ein Albtraum zugleich. Denn wer hierzulande plötzlich ein Klavier für 1500 Euro haben kann, dem können leicht Zweifel kommen, ob es tatsächlich made in Germany sein muss.

Und so suchen viele Produzenten ihr Heil inzwischen auf der Asien-Billigschiene. Bechstein hat mit dem chinesischen Klavierhersteller Hailun eine Kooperation vereinbart, die seit einem Jahr läuft. Ein „Qualitätsprodukt made in China“ verspricht Firmenchef Karl Schulze, und damit es wirklich nach Qualität aussieht, steht „designed by Bechstein“ auf den Modellen. Ähnlich geht Schimmel im Reich der Mitte vor. Seit 2008 arbeiten die Braunschweiger mit einem Produktionspartner zusammen, der zugleich ihr Importeur ist.

Hoher Anteil von Handarbeit

Wer sich als teurer Anbieter auf China einlässt, dem droht Gefahr. Warum eigentlich, dürfte sich mancher Kunde fragen, soll ich viel Geld für vermeintlich deutsche Wertarbeit ausgeben, wenn der Hersteller ohnehin in China produziert? Um solchen Gedanken vorzubeugen, achten die Deutschen peinlich genau auf Markentrennung. In China werden keine Schimmel-Klaviere hergestellt, keine Bechstein-Flügel und keine Blüthner-Pianos. In China lässt Schimmel Instrumente mit dem schönen deutschen Namen May Berlin produzieren, Bechstein Instrumente mit dem schönen deutschen Namen Zimmermann und Blüthner Instrumente mit dem schönen deutschen Namen Irmler.

Angesichts des hohen Anteils von Handarbeit schlägt sich der billige chinesische Arbeitslohn drastisch im Preis nieder. Rund die Hälfte der Herstellkosten eines Klaviers, rechnet der Vorsitzende des Bundesverbandes Klavier und Geschäftsführer von Grotrian-Steinweg, Burkhard Stein, vor, entfalle auf den Lohn. 40 Prozent macht das Material aus, der Rest verteilt sich unter anderem auf Vertrieb und Gewinnspanne. So wird verständlich, warum ein Klavierhändler wie die österreichische Firma Zifreind den Irmler-Flügel „F 160 Studio“ („by Blüthner“) mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 11.590 Euro anbietet, während das sogar noch ein wenig kleinere originale Blüthner-Modell „11“ 35.856 Euro kosten soll.

„Die Bäume wachsen nicht in den Himmel“

Die Hoffnungen der Branche liegen auf preisbewussten Deutschen und vor allem auf den Chinesen selbst. Die Chinesen gelten als das Klaviervolk ohne Wenn und Aber - spätestens seit Pianist Lang Lang als großes Vorbild herhalten muss. Der 30-Jährige ist ein von geschicktem Marketing aufgebauter Popstar, der nicht nur gut Klavier spielen, sondern auch nette Geschichten erzählen kann, die zur Legendenbildung taugen. Im Alter von zwei Jahren, gibt Lang Lang zu Protokoll, habe er einen Cartoon mit Tom und Jerry gesehen. Im Kurzfilm „The Cat Concerto“ aus dem Jahr 1946 muss sich Tom als Starpianist gegen die Störungen seines kleinen Kontrahenten durchsetzen. Seine Darbietung, die schnelle Ungarische Rhapsodie No. 2 von Franz Liszt, gehört heute noch zu den Lieblingsstücken des Starpianisten, der für Steinway wirbt.

Angeblich soll Lang Lang Millionen junger Chinesen zum Spielen bewegt haben. Und angeblich gibt es 80 Millionen im Reich der Mitte, die Klavierspielen lernen wollen. 80 Millionen - wenn nur ein Promille davon sich ein Instrument aus deutscher Fertigung zulegen würde, wären die deutschen Hersteller ihre Sorgen los. Aber so einfach ist es nicht. Schimmel-Vogel warnt vor übertriebenen Erwartungen, zumal das Markenbewusstsein der Chinesen alles andere als ausgeprägt sei. Und überhaupt gaukeln ihnen viele eine deutsche Herkunft vor. Es sind nicht nur die Deutschen selbst, die ihre China-Fertigung mit deutschen Klaviernamen versehen. Es sind auch die Chinesen selbst, die auf deutsch machen. „Die schauen einmal ins Telefonbuch und gucken sich einen typisch deutschen Namen aus“, sagt ein Branchenkenner mit nur leichter Ironie in der Stimme.

So entstehen dann Klaviere des Schlages „Ritmüller“. Sogar vor der Marke „Edelweiß“ schrecke man nicht zurück, weiß Klavierverbandsfunktionär Stein. Er weiß aber auch, dass sich große chinesische Hersteller wie Pearl River deutsche Technik einkaufen und sogar hiesige Klavierbaumeister anwerben. Steins Resümee: „Die Bäume wachsen nicht in den Himmel, auch nicht in China.“

Wie ein Pianist, der keine Noten braucht

Umso überraschender, dass in einer solchen Branche Manager und Chefs nicht reihenweise den Klavierdeckel schließen. Sie verspricht offenbar weder aktuell großes Wachstum noch Hoffnung auf den Durchbruch in der Zukunft. Dafür gehört der Klavierbau in jeder Konjunkturphase zu den Verlierern. Im Abschwung dient die Branche als Frühindikator, im Aufschwung als Spätindikator. Will heißen: Geht es mit der Wirtschaft abwärts, sind die Klavierbauer die ersten, die das merken. Geht es aufwärts, sind sie die Letzten, die davon profitieren.

Das alles scheint Leute wie Bechstein-Chef Karl Schulze wenig zu interessieren. Der resolute einstige Klavierhändler hat den Konzern nach einer Insolvenz in den neunziger Jahren zu einem erfolgreichen Unternehmen gemacht. Bechstein ist eines der wenigen Unternehmen, wo sich solche Aussagen nachprüfen lassen. Das börsennotierte Unternehmen muss öffentlich und breit Rechenschaft ablegen. Karl Schulze tritt dabei auf wie ein Pianist, der keine Noten braucht, sondern seine Partitur im Schlaf beherrscht. Von den heruntergeratterten Geschäftszahlen bleibt vor allem eine hängen: Die Rendite vor Steuern liegt bei fast 10 Prozent. Auf dem Gipfel des Erfolgs steigt der 64 Jahre alte Schulze demnächst aus. Seinen 20-Prozent-Anteil an Bechstein hat er an den neuen Eigner Freymuth verkauft, und 2014 verlässt er den Chef-Klavierhocker.

Mit Familientradition und Verantwortung

Ein paar Jahre länger müssen die relativ jungen Chefs bei Blüthner und Schimmel ihr Managementtalent unter Beweis stellen. Christian Blüthner-Haessler klingt zuversichtlich. Seit Jahrzehnten habe man kein negatives Betriebsergebnis gehabt, sagt er. Und die aktuelle Konsumzurückhaltung? „40 Jahre DDR haben uns nicht erledigt, dann schafft es auch so eine Euro-Krise nicht.“

Schimmel-Vogel ist ein wenig leiser. Schließlich hat er schon gespürt, wie sich eine Insolvenz anfühlt: „Wie eine Achterbahnfahrt, in der man nicht weiß, wo es hingeht.“ Schimmel spielt nur „marginal“ selbst Klavier, und wer ihn fragt, was ihn an das Instrument bindet, bekommt zur Antwort: „Schwierig zu sagen.“ Für ihn ist das Piano eine „Mischung aus Anachronismus und Bürgerlichkeit“. Und dieses Gefühl verschwimmt mit Kategorien wie Familientradition und Verantwortung für fast 200 Mitarbeiter. Schimmel hat, nachdem er vor knapp einem Jahrzehnt seinen Schwiegervater an der Spitze ablöste, erst einmal aufgeräumt, das alte Management gefeuert und sich mit der Gewerkschaft angelegt.

Heute ist der Betriebswirt ruhiger geworden, doch er weiß noch immer: „Es ist banal, am Ende geht es um Umsatz und Gewinn und darum, die Kosten zu senken.“ Lange Pause. „Aber es hat einen Zauber, der einen da hält und motiviert jeden Tag.“ Auch wenn sich woanders vielleicht leichter Geld verdienen ließe.

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

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