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Klavierbau : Piano statt forte

30.000 Euro für ein Standardklavier: Die deutsche Pianoindustrie hofft auf die Chinesen Bild: Franz Bischof

Geht es mit der Wirtschaft abwärts, sind die Klavierbauer die Ersten, die es merken. Geht es aufwärts, sind sie die Letzten, die davon profitieren. Wie kann man das eigentlich durchhalten?

          Manchmal, in einer stillen Stunde, gehen Hannes Schimmel-Vogel ketzerische Überlegungen durch den Kopf. Dann schaut er auf Managerkollegen, denkt an Gespräche mit anderen Firmenchefs und wälzt Gedanken wie: In welch einer komplexen Welt leben wir eigentlich in der Klavierbranche? Um wie viel einfacher könnte man woanders Geld verdienen und auf der Karriereleiter nach oben kommen?

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der 42 Jahre alte Blondschopf, der in die Braunschweiger Tastendynastie eingeheiratet hat und seit neun Jahren das Unternehmen führt, hat allen Grund zu solchem Räsonieren. Ausgerechnet der Traditionsklavierbauer Schimmel, dessen Instrumente Generationen von Jugendlichen die Schulmusik entweder nähergebracht oder verleidet haben, musste vor drei Jahren Insolvenz anmelden. Heute steht Schimmel wieder halbwegs stabil da, doch die Zukunft ist - diese Erkenntnis geht über das Klischee hinaus - ungewisser denn je. Und nicht nur die der Niedersachsen.

          Eine große Chance und ein großes Problem zugleich

          Wenige Zahlen und Fakten genügen, und man versteht, warum Berichte über Pianoforte-Produzenten immer wieder gerne mit einer Überschrift aus der Ideenrecycling-Schublade garniert werden: „Piano morte“. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre produzierten die Klavierhersteller hierzulande rund 30.000 Instrumente. Anfang der achtziger Jahre gab es eine erste Delle, der Absatz sank auf 25.000 Stück. Heute wären die Firmen mehr als froh über eine solche Zahl. Die aktuelle Produktion liegt bei 11.000. Davon bleibt nur der kleinere Teil in Deutschland: 3000 Stück. Den Rest kauft das Ausland.

          Hannes Schimmel-Vogel führt den Braunschweiger Klavierhersteller Schimmel seit 2003. Er hat schon eine Insolvenz hinter sich Bilderstrecke

          Unsere Klaviere und Flügel stammen also in erster Linie nicht aus heimischen Fabriken, sondern aus chinesischen, koreanischen und japanischen. Wir beliefern die Welt, und die Welt beliefert uns. Globalisierung? Ja, aber im Gegensatz zur Regel eine, die auf gleichen Wertschöpfungsstufen basiert. Damit ist Asien und ist vor allem China eine große Chance für die deutschen Klavierbauer und ein großes Problem zugleich.

          Problematisch ist für den Industriezweig bereits das schnelle Tempo des globalen Marktes. Wenn es einen Sektor gibt, der in langen Zyklen denkt, dann ist es die deutsche Klavierindustrie. „Bechstein soll uns und weitere Generationen überleben“, sagt Eigentümer Stefan Freymuth und benutzt damit einen Schlüsselbegriff. Nur zu gerne verweisen die Pianobauer auf ihre Historie, stets ein Anlass zum Feiern: Im kommenden Jahr begehen Bechstein, Blüthner und Steinway jeweils ihren 160. Geburtstag. Vor zwei Jahren waren Grotrian-Steinweg mit 175 Jahren und Schimmel mit 125 Jahren an der Reihe. Ganz zu schweigen von mehreren kleineren Anbietern, die bald 140 Jahre und älter werden.

          Ein organisch gewachsenes Chaos

          Im Rückblick übersieht man leicht, dass die Geschichte der 88 schwarzen und weißen Tasten ökonomisch ziemlich wechselhaft verlaufen ist. Im 19. Jahrhundert war die Technik so weit ausgereift, dass eine regelrechte Gründerwelle einsetzte. Von den damals mehreren hundert Pianofabriken überlebte in Deutschland jedoch nur ein gutes Dutzend. 13 Hersteller zählt der Bundesverband Klavier heute noch als Mitglieder. Einstiges Renommee schützt nicht vor dem Aus. Das Unternehmen Ibach etwa, das sich stolz mit dem Prädikat „Älteste Pianofortemanufaktur der Welt, seit 1794“ schmückte, stellte 2007 die Produktion ein. Andere wie der unterfränkische Hersteller Seiler wurden übernommen.

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