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Russenversteher Klaus Mangold : Mister Russland der deutschen Wirtschaft

In China sei der staatliche Einfluss auf die Wirtschaft jedenfalls viel größer, so schimpft er weiter, die kulturellen, historisch gewachsenen Bindungen zu Deutschland dafür viel geringer als in Russland. „Wer dort aber Geschäfte macht, wird nicht als Chinesenversteher in die Ecke gestellt.“ Noch so eine Ungerechtigkeit. Wie all die bösen Klischees, die im Westen über Russland kursieren. Beispiel Alkohol: Wodka-Gelage unter Managern seien überholt, Geschichte, sagt Mangold: „Ich habe in den letzten fünf Jahren nicht einen Wodka getrunken bei einem Geschäftsessen in Russland.“ Wenn schon, dann wählt man heute einen guten Rotwein. „Auch in Russland gibt es einen Trend zu gesunder Ernährung.“ Oder die Russen-Mafia, noch so ein verzerrtes Bild, wenn man Mangold glauben mag. Er habe ewig keine Mafia mehr gesehen: „Das Thema stellt sich längst nicht mehr.“ Wenn, dann war die Mafia Anfang der 90er Jahre ein Problem. „In den wilden Jahren nach der Wende.“

Heute hat das Land andere Sorgen: Russland leidet am niedrigen Ölpreis, an der Abwertung des Rubels, an den vergleichsweise hohen Zinsen. Und an den Sanktionen des Westens. „An denen noch am wenigsten“, urteilt Mangold. „Die sind nicht so giftig wie der Absturz der Ölpreise.“ Mit 50 oder 60 Dollar für das Barrel hätten die Russen ein Auskommen, der momentane Wert um die 30 Dollar bringe sie in die Bredouille: „Der russische Haushalt lebt zu 50 Prozent von Öl und Gas, 75 Prozent der Exporteinnahmen kommen von Öl und Gas.“

Russland als ein Teil Europas

Die russische Regierung muss an Reformen nachlegen, rät Mangold, um die Industrie zu modernisieren. Und ohne den Westen sei die Technologielücke nicht zu schließen. Er verlangt daher, „zur Normalität mit Russland zurückzukehren“. Wandel durch Handel halt, wie immer. Beide Seiten müssten Schritte aufeinander zugehen, sagt Mangold. Für die Russen heißt dies: das Abkommen Minsk II einhalten, sinnvolle Wahlen in der Ukraine und angemessene Beziehungen zur Türkei. Vom Westen verlangt er „wenigstens eine Lockerung der Sanktionen, etwa im Finanzbereich.“

Die Kanzlerin hat da anderes vor, Mangold verdient sich einmal mehr das Etikett als Russenversteher. Der Begriff, meist abwertend gebraucht, hat es inzwischen bis ins Angelsächsische geschafft, sogar der „Economist“ sorgt sich wegen der deutschen Russland-Sympathisanten um die klare Linie des Westens.

Mangold lässt sich davon nicht irritieren: Er hat nun mal Verständnis für die Russen, „viel Verständnis“, wie er betont. Für ihn sind und bleiben die Russen Teil Europas („geographisch bis zum Ural, mental als Ganzes“), und auf ihn als Fürsprecher ist Verlass: „Wir dürfen nicht überziehen, den Russen vorzuschreiben, was sie tun und lassen sollen. Das Land braucht nicht den Zeigefinger der Deutschen.“ Und überhaupt, so wie er die Russen versteht, so gut verstehe er auch die Franzosen: „Nur nennt mich keiner Franzosenversteher.“

Der Mensch

Klaus Mangold wird am 6.Juni 1943 in Pforzheim geboren. Nach dem Abitur studiert er Jura und Volkswirtschaft. Rhone-Poulenc, Quelle, Daimler sind seine Stationen als Manager. 2000 bis 2010 führt er den Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Mangold ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und ist ein passionierter Jäger.

Die Geschäfte

Klaus Mangold hat diverse Mandate in Aufsichtsräten, unter anderem in der TUI und Conti in Hannover, beim Bankhaus Rothschild in Frankfurt, bei Ernst & Young in Amerika, aber auch in Österreich, Frankreich und Kasachstan. Seine eigene Firma, „Mangold Consulting“, bahnt Kontakte in Osteuropa an. Außerdem hat er einen land- und forstwirtschaftlichen Betrieb im Hegau samt 1000 Hektar Jagdrevier.

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