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Kein „Oma-Export“ nach Osteuropa Der Deutsche lässt nur ungern im Ausland pflegen

 ·  Neue Zahlen der privaten und gesetzlichen Pflegekassen können die These vom „Oma-Export“ nach Osteuropa nicht belegen. Und wer darüber nachdenkt, Angehörige im Ausland pflegen zu lassen, sollte aufpassen: Für Sachleistungen kommt die Pflegeversicherung im Ausland nicht auf.

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© dapd Im Ausland trägt der Patient die Kosten des Pflegeheims selbst

Die Zahl der Pflegepatienten in Deutschland wird immer größer, doch nur sehr wenige Menschen lassen sich im Alter im Ausland pflegen. Deren Anteil bewegt sich ohne große Ausschläge im Promillebereich. Das zeigen unveröffentlichte Zahlen des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbands der Krankenkassen (MDS).

Demnach schauten die Gutachter letztes Jahr in 1164 Fällen im europäischen Ausland - nur dorthin überweist die Pflegekasse Geld - nach, ob die Voraussetzungen für die erstmals beantragte Leistung der Versicherung vorlagen. Bundesweit lag die Zahl der Erstprüfungen 700 Mal so hoch: 770.000. Noch auffälliger ist das Zahlenverhältnis, wenn man alle Prüfungen, also auch Zweit- oder Drittbegutachtungen vergleicht. Das waren 1885 im Ausland, verglichen mit knapp 1,5 Millionen bundesweit. Das sind 0,13 Prozent. Die Zahl hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert.

Keine Kenntnisse über Empfänger im Ausland

Nicht nur diese eindeutigen Zahlen lassen Uwe Brucker vom MDS an der einträglichen These vom „Oma-Export“ in preiswerte Heime Osteuropas zweifeln, die vor einigen Wochen in deutschen Medien hohe Wellen schlug. Es sind auch nicht nur Deutsche, die im Ausland Leistungen der deutschen Sozialversicherung beziehen. Darunter seien oft Arbeitsmigranten, früher sagte man Gastarbeiter, die im Alter in ihr Geburtsland zurückgekehrt seien und nun die ihnen zustehenden Leistungen auch aus der Pflegeversicherung anmeldeten, weiß Brucker aus Erfahrung. Genaue Zahlen gebe die Statistik leider nicht her.

Ebenso wenig wissen die meisten Pflegekassen oder ihre Spitzenverbände, an wie viele Empfänger im Ausland sie Pflegegeld überweisen. Das wird nur innerhalb der EU sowie in Norwegen, Island und der Schweiz ausgezahlt. Das Gesundheitsministerium schätzt die Zahl der Bezieher auf 5000. Es könnten aber auch erheblich weniger sein. Das Statistische Bundesamt zählte 2005 weniger als 900.

Die Techniker Krankenkasse (TK), die jeden Zehnten versichert, weiß von 200 Pflegegeldbeziehern unter ihren Kunden im Ausland. Die Ortskrankenkassen, die rund ein Drittel der gesetzlich Krankenversicherten haben, hatten 2006 einmal 1065 Pflegeldbezieher im Ausland aus ihren Reihen gezählt - kaum messbare Zahlen im Vergleich zu jenen fast 2,5 Millionen, die das Gesundheitsministerium als Bezieher von Pflegeleistungen ausweist.

Die private Pflegeversicherung kann den in Zeitungen und Fernsehen behaupteten Trend zu Auslandspflege nicht bestätigen. „Aus unseren Zahlen können wir keinen Trend ablesen, wonach Leute im Alter ins Ausland gehen oder gebracht werden, um sich dort pflegen zu lassen“, sagt Stefanie Abram von Medicproof. Die Kölner Firma prüft die Anträge Privatversicherter im Auftrag der Privaten Krankenversicherung.

Kein „Oma-Export“ ins billige Osteuropa

In den vergangenen 5 Jahren hat Medicproof 1113 Mal Pflegepatienten im Ausland begutachtet, das sind gut 200 im Jahr. Die meisten Prüfungen wurden in Österreich, Spanien, der Schweiz, Frankreich und Belgien vorgenommen. In ganz Osteuropa wurden in den vergangenen 5 Jahren so oft Pflegebedürftigkeit bei privat Versicherten festgestellt wie in Belgien - nämlich 51 Mal.

Wenn Menschen aus Deutschland mit pflegebedürftigen Angehörigen ins Ausland zögen, dann habe das „fast immer einen familiären Hintergrund“, sagt Abram. Sie kennt Einzelschicksale. Die Ärztin hat Pflegeprüfungen in halb Europa selbst vorgenommen. Da ist die Polin, die ihren pflegebedürftigen deutschen Mann lieber im Umfeld der Familie in Polen pflegen will, „auch weil es billiger ist“. Da ist der Deutsche, der in Estland eine Firma und eine neues Zuhause aufgebaut hat und nun, wo er ein Pflegefall geworden ist, auch dort bleiben will. Oder die in die Jahre gekommene Griechin, die es mit ihrem pflegebedürftigen Mann in die Heimat zur Schwester zieht, nachdem ihr Mann der Schlag getroffen hatte.

Abram kennt natürlich auch die Fälle von gutbetuchten Deutschen, die in Spanien aus Altenteil gegangen sind und dort auch gepflegt werden wollen. Allerdings packt hier auch mancher, das hat Brucker vom MDS erfahren, die Koffer, wenn sich der Gesundheitszustand dauerhaft verschlechtert und reist heim zur Familie - nach Deutschland.

Gegen die These vom „Oma-Export“ ins billige Osteuropa spricht auch die Tatsache, dass osteuropäische Staaten auf der Liste der Länder ganz unten stehen, in denen die Versicherung Pflegeanträge begutachtet (und vielleicht später Geld überweist). Oben stehen Spanien (556), Österreich (448), Griechenland (241), Frankreich und Italien (je 101). In Polen gibt es so viele Fälle wie in Portugal, 66, in Rumänien (15) fast so viele wie in Schweden (16) und in der Slowakei 6.

Wegen der Reisefreiheit blüht die Spekulation

Die Slowakei war der Hauptschauplatz der umfangreichen Medienberichterstattung Ende November. Ein Mann aus Bayern hatte seine demenzkranke Mutter dort in einem privaten Heim untergebracht, weil deren Unterbringung in Deutschland angeblich zu teuer geworden wäre, wie die „Welt am Sonntag“ als erste berichtet und kommentiert hatte: „Böse ausgedrückt könnte man sagen, dass immer mehr Deutsche ihre Eltern aus Kostengründen ins Ausland abschieben und dann vergessen.“

Wie viele Menschen sich wirklich auf eigene Kosten im Ausland pflegen lassen, sei es in Thailand oder der Slowakei, weiß niemand. Weil in Deutschland Reisefreiheit gilt, blüht die Spekulation.

Wer ernsthaft darüber nachdenkt, sich oder Angehörige im Ausland pflegen zu lassen und Vermittlungsangebote wie aus dem Internet wahrnehmen will, der sollte sich zuvor mit dem Sozialrecht befassen. Denn für Sachleistungen kommt die Pflegeversicherung im Ausland nicht auf. Die Kosten des Pflegeheims im Ausland muss - anders als im Inland - der Patient oder dessen Angehörige tragen. „Finanziell stellt man sich damit schlechter“, sagt Abram vom PKV-Dienstleister Medicproof.

Pflegeversicherung deckt nur Teilbetrag

Dass die gesetzliche oder private Versicherung künftig die Heimbetreuung im Ausland zahlen wird, ist nach einer Grundsatzentscheidung des Europäischen Gerichtshofes vom Juli 2012 nicht zu erwarten. Schließlich kontrollieren deutsche Pflegekassen die Qualität der Heime nicht im Ausland.

Aber in Deutschland könnten sich immer mehr Menschen die Pflegekosten nicht mehr leisten, monieren Sozialverbände. Sie verweisen auf die steigende Zahl von Pflegepatienten, die auf staatliche „Hilfe zur Pflege“ angewiesen seien. Tatsächlich deckt die Pflegeversicherung als Teilkaskoversicherung nur einen Teilbetrag. Den Rest müssen die Patienten selbst aufbringen. Reichen dazu Rente und Vermögen nicht aus, springt das Sozialamt ein. Das kann sich dann bei den Angehörigen schadlos halten. Allerdings gelten dafür hohe Freibeträge, so dass die Belastungen auch bei überdurchschnittlichen Einkommen stark gemildert sind und die Kosten einer Unterbringung im Ausland unterschreiten. Das Gesundheitsministerium hat dafür mehrere Beispiele berechnet (siehe Tabelle).

Bleibt als Grund für eine Verfrachtung von Pflegepatienten durch Angehörige ins Ausland aus finanziellen Motiven wohl vor allem der Verzicht auf die staatliche „Hilfe zur Pflege“ und die damit verbundene Offenlegung des Familienvermögens, samt „Omas klein Häuschen“. Als „Erbenschutzversicherung“, als die sie so oft verballhornt worden ist, war die Pflegeversicherung bei ihrer Einführung Mitte der 90er Jahre aber auch nicht gedacht.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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