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Kauflaune in Deutschland : Die Mär vom Konsumrausch

In der Düsseldorfer Königsallee gehört der Kaufrausch zum Alltag - nicht erst jetzt. Bild: dpa

Die Deutschen kaufen mehr ein - auch wegen der niedrigen Zinsen. Von einem wahren Kaufrausch ist allerdings keine Spur. Die Sparquote ist hierzulande weiter recht hoch.

          Die Kauflaune der Deutschen ist so groß wie lange nicht mehr. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig und auch weil Sparer kaum noch Zinsen erhalten, geben sie mehr aus. Droht nun aber ein „Kaufrausch“ und ein gefährlicher Verfall der Sparquote? Die „Bild“-Zeitung hatte entsprechende Warnungen dem Vorsitzenden der „Wirtschaftsweisen“, Christoph Schmidt, zugeschrieben.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          So hat es der Ökonom aber nicht gemeint, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Die Sparquote geht zwar ein bisschen runter, im Jahresdurchschnitt ist sie nach der deutschen Statistik auf 10,0 Prozent gesunken“, sagte Schmidt. Es sei nicht klar, dass die Sparquote dauerhaft immer weiter sinken werde. Es bestehe noch kein Anlass, sich Sorgen zu machen.

          Allerdings rät der Ökonom den Bürgern doch, das Sparen fürs Alter trotz niedriger Zinsen nicht aus dem Blick zu verlieren. „Grundsätzlich muss man – trotz Niedrigzinsen – mehr als in der Vergangenheit an den Aufbau einer privaten Altersvorsorge denken“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler, der seit einem Jahr dem Sachverständigenrat vorsitzt.

          Konsum wächst unterproportional

          Auch die Behauptung, die Deutschen befänden sich in einem „Kaufrausch“, wollen Ökonomen so nicht gelten lassen. „Der private Konsum ist eine Stütze der Konjunktur, aber der Anstieg um vermutlich 1,4 Prozent in diesem Jahr ist doch wenig spektakulär“, findet Schmidt. Das stützen auch an diesem Freitag bekannt gegebenen Wirtschaftswachstumszahlen für die letzten drei Monate des vergangenen Jahres: Demnach wuchst die deutsche Wirtschaft um 0,4 Prozent - maßgeblich getragen allerdings durch den Außenhandel; der Konsum war sogar leicht rückläufig gewesen zum Jahresschluss.

          Die Bundesregierung schätzt in ihrem Jahreswirtschaftsbericht, dass die Konsumnachfrage dieses Jahr um 1,5 Prozent zulegt. Verglichen mit dem erwarteten Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Leistung um 1,8 Prozent, wächst der Konsum sogar unterproportional.

          Stärker als der Konsum sollen die Investitionen zum BIP-Wachstum beitragen. Auch Ferdinand Fichtner, Konjunkturfachmann am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, hält eine „Panik, dass die Leute in Kaufrausch verfallen“, für völlig verfehlt.

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          Gründe für die leicht sinkende Sparquote können die Ökonomen mehrere aufzählen. Hohe Beschäftigung, niedrige Zinsen, und auch eine nachlassende Verunsicherung in Sachen Euro-Krise. Im Jahr 2009, während der globalen Rezession, war die Sparquote in fast allen Ländern kurzzeitig auf einen Höhepunkt gestiegen. „Es gibt das Phänomen des Angstsparens, weil die Leute verunsichert sind, ob ihr Jobs gefährdet sind und wie es weitergeht“, sagt Fichtner.

          Auch als sich die Euro-Schuldenkrise zuspitzte, habe vielleicht der eine oder andere Bürger sein Geld lieber zusammengehalten. „Zudem haben die Bürger verstärkt in Immobilien investiert“, erinnert Fichtner. Die Verbände des Handwerks berichten zudem von einem guten Auftragspolster für alle möglichen Instandhaltungs- und Sanierungsarbeiten in Wohnungen und Häusern. Auf dem Höhepunkt der Euro-Krise hatte der Ifo-Chef Hans-Werner Sinn den Deutschen geraten, sie sollten ihr Geld nicht verjubeln, sondern es lieber in eine Bad-Renovierung stecken. Jede Reparatur oder Verbesserung zählt dann als private Investition, erklärt Norbert Räth, Leiter der BIP-Berechnung im Statistischen Bundesamt.

          Bürger brechen Ersparnisse an

          Im internationalen Vergleich scheint die Sparquote der Deutschen mit rund 10 Prozent jedoch noch immer „ausgesprochen hoch“, findet der DIW-Ökonom. Dabei sind die nationalen Statistiken wegen schwieriger Abgrenzungen und Schätzproblemen nur bedingt miteinander vergleichbar. Laut Daten der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) liegt die Sparquote im Euroraum-Durchschnitt um 2 Prozentpunkte unter dem deutschen Wert. Während der Rezession und der hohen Arbeitslosigkeit haben viele Bürger vor allem in Südeuropa Ersparnisse angebrochen, um weiter konsumieren zu können.

          Eine noch niedrigere Sparquote haben die Amerikaner, die traditionell sehr konsumfreudig sind und sich auch Verbrauchsgüter auf Kredit leisten. Um ihre private Verschuldung zu reduzieren, haben sie bei Ausbruch der Finanzkrise etwas mehr gespart. Eine besonders niedrige Sparquote haben die Japaner. „Hier spielt eine Rolle, dass die japanische Gesellschaft schon sehr stark gealtert ist und dass viele Rentner jetzt ihre Altersersparnisse aufbrauchen“, erklärt Stefan Kooths, Konjunkturforscher am Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

          Die Deutschen, die traditionell eher viel sparen, haben frühzeitiger als andere europäische Nationen auf die drohende starke Alterung reagiert. Die Regierung hat zudem Anreize für private Altersvorsorge geschaffen, etwa durch die Riester-Rente. „Wenn jetzt mit der Rente mit 63 wieder Anreize für die Frühverrentung geschaffen werden, sollten sich die Bürger nicht einlullen lassen“, sagt Kooths. „Dann müssen sie eher noch mehr tun für ihre Altersvorsorge.“

          Außerdem merkt er an: „Langfristig hängt nachhaltiges Wachstum an der Ersparnis, weil nur sie Investitionen ermöglicht.“ Nur durch mehr Investieren wachse langfristig das Potential einer Volkswirtschaft.

          Quelle: F.A.Z.

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