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Kapitalismus am Ende? Die Untergangspropheten

23.08.2011 ·  Ein Krieg gegen Außerirdische als letzte Rettung und Massenproteste in Amerika - Paul Krugman und Nouriel Roubini sehen das Ende des Kapitalismus gekommen.

Von Patrick Welter
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In turbulenten Zeiten an der Börse haben Untergangspropheten Hochkonjunktur. In den Vereinigten Staaten sind das die Ökonomen Paul Krugman und Nouriel Roubini. Der eine erwog jüngst die Chancen, mit einen Krieg gegen Außerirdische die Weltwirtschaft vor der Rezession zu retten. Der andere sieht den Kapitalismus mit Verweis auf Karl Marx dem Untergang geweiht.

Krugman ist unter den beiden der Seriösere. Der Princeton-Ökonom ist einer der brillantesten Vordenker in der Ökonomik, 2008 erhielt er den Nobelgedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Sein Denken ist rein keynesianisch geprägt. Krugman sieht die Vereinigten Staaten in einer Liquiditätsfalle, in der die expansive Geldpolitik versagt, weil den Unternehmen die Nachfrage fehlt. Nur noch große schuldenfinanzierte Mehrausgaben könnten das Land vor einer jahrelangen Deflation wie in Japan bewahren. Dass die fiskalischen Stimuli bislang nicht gewirkt haben - und auch in Japan nicht wirkten -, stört Krugman nicht: Sie waren einfach zu klein. Mit seiner Forderung nach mehr hatte er sich schon früh gegen spätere Vorwürfe immunisiert. Einwände, dass die Unternehmen aus Unsicherheit etwa vor der hohen Staatsschuld oder dem wirtschaftspolitischen Durcheinander in Washington vor Investitionen zurückscheuen, trüben Krugmans Denken nicht. Bei ihm ist alles Folge einer Nachfragelücke.

Ausflug in die Populärkultur

Wie die frühere Präsidentenberaterin Christina Romer hat Krugman zuletzt in seinen Kolumnen für die „New York Times“ den Krieg entdeckt und die These, dass die Vereinigten Staaten erst mit der Aufrüstung im Zweiten Weltkrieg aus der Großen Depression der dreißiger Jahre herausfanden. Diese Sicht der Dinge, dass Mehrausgaben im Krieg zu neuem Wohlstand führen, ist unter Wirtschaftshistorikern umstritten. Dem 58 Jahre alten Krugman gelingt es aber wie nur ganz wenigen Ökonomen, sein Wirtschaftswissen zugespitzt dem Normalbürger nahezubringen. In einem Fernsehinterview griff er jetzt auf das Beispiel eines Kriegs gegen Außerirdische zurück. Natürlich will der linksliberale Ostküstenamerikaner keinen Krieg gegen „Aliens“ inszenieren. Seine Reminiszenz galt einer Episode der Fernsehserie „Twilight Zone“, in der die Menschheit geschlossen im Kampf gegen Außerirdische zum Weltfrieden findet.

Unabhängig von diesem Ausflug in die Populärkultur leidet die intellektuelle Glaubwürdigkeit des Ökonomen schon seit langem darunter, dass er sich einseitig auf die Seite der Demokraten geschlagen hat. Das Gezerre um die Anhebung der Schuldengrenze und den Defizitabbau, das Washington wochenlang beschäftigte und zum Verlust des AAA-Ratings führte, kommentierte er in seinem Blog für die „New York Times“ mit der Erklärung, die Demokraten seien daran unschuldig. Nur die Verhärtung der Republikaner habe einen Kompromiss hinausgezögert. Dass auch die Demokraten mit ihrer Weigerung, die Ansprüche in den Sozialversicherungen auch nur anzufassen, die Einigung blockierten, blendete er dezent aus.

Stochern im Nebel

Roubini, ein vor Jahren noch unbekannter Ökonom, ist ein anderes intellektuelles Kaliber. Der 1959 in Istanbul geborene Perser lehrt Ökonomik an der New- York-Universität. Auffällig wurde er erst durch sein Beratungsunternehmen Roubini Global Economics, mit dem er seine Thesen verbreitet. Roubini sieht in seinem Pessimismus immer ein wenig gequält aus, so als ob die ganze Welt auf ihm laste. Er gilt als der Mann, der die Wirtschaftskrise prophezeite. Das geht auf 2006 zurück, als er in einem Vortrag beim Internationalen Währungsfonds vor der Kreditblase warnte und eine Rezession prognostizierte. Sein pessimistischer Tonfall muss die IWF-Ökonomen sehr beeindruckt haben, die sich damals die schlimmen Folgen des Platzens der Hauspreisblase noch nicht ausmalen wollten. Hätten die IWF-Mitarbeiter sich häufiger mit europäischen Notenbankern unterhalten, wäre ihnen dieser Lapsus nicht passiert.

Trotz seines Rufs als „Seher“ brauchte Roubini mehrere Anläufe, bis er mit seinen Prognosen einen Volltreffer landete. Er prognostizierte unter anderem einen ernsthaften Börsenkrach für 2004, eine scharfe Wachstumsverlangsamung für 2005, einen globalen Einbruch für 2006 und eine Rezession für 2007, die dann endlich kam. Beim Stochern im Nebel schwankten auch die Begründungen der Untergangsphantasien. Das Problem der Kreditblase am Hypothekenmarkt rückte erst spät in den Mittelpunkt, zuvor galt Roubinis Raunen vor allem dem amerikanischen Leistungsbilanzdefizit.

Propheten wissen, wie man sich vermarktet

Um das Grauen zu steigern, verweist er zuletzt gerne auf Karl Marx und dessen Beschwörung der immer wiederkehrenden Krisen des Kapitalismus. Nun hatte Marx nicht gelegentliche Finanzkrisen im Sinn, sondern einen steten Fall der Profitrate. Egal. Die Aufstände in der arabischen Welt, die Proteste in Griechenland und im Vereinigten Königreich sind für Roubini Beleg, dass Marx recht hatte. Selbst in den Vereinigten Staaten schließt er einen Aufstand der Massen nicht mehr aus: „Noch sind sie nicht soweit.“

Roubinis Marx-Exegese ist eher eine Variation von Keynes als eine Theorie des Klassenkampfes. Der Kapitalismus zerstöre sich, weil man nicht auf Dauer Einkommen von Arbeit zum Kapital schieben könne, ohne dass es zu Überschusskapazitäten und fehlender gesamtwirtschaftlicher Nachfrage komme. Munter rührt der Ökonom kurzfristigen Keynesianismus mit den Gesetzmäßigkeiten Marx'scher Theorie zusammen. Letztlich endet Roubini auch nur bei Krugmans Nachfragelücke. Den Ruf des Dr. Dooms, des Dr. Untergangs, verdankt Roubini einem Porträt in der „New York Times“ im Jahr 2008. Geschrieben wurde es von dem Wirtschaftshistoriker Stephen Mihm, einem späteren Co-Autor Roubinis. Propheten wissen eben, wie man sich vermarktet.

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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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