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Insolvenzverwalter : Die Manager der zweiten Chance

Insolvenzverwalter Michael Frege Bild: Fricke, Helmut

Mit Lehman Brothers nahm alles seinen Anfang, später folgten Karstadt, Karmann, Woolworth. In der Krise sind Insolvenzverwalter allgegenwärtig: Sie übernehmen, wenn das Management versagt. Nicht immer droht das Ende. Manchmal ist es ein neuer Anfang.

          Es war am Freitagnachmittag vor rund 15 Jahren, als der Anruf vom Insolvenzgericht kam: Eine Schweinezucht muss gerettet werden. Die Tiere haben kein Futter mehr, der ganze Bestand droht unterzugehen. Doch Michael Frege behält einen kühlen Kopf. Als Insolvenzverwalter kann er analysieren: "Wenn Schweine nicht gefüttert werden, besteht die Gefahr, dass sie übereinander herfallen", sagt er. "Schweine sind äußerst sensibel: Bei Stress sterben sie."

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Das allein wäre freilich eher ein Fall für den Tierarzt, deshalb schiebt er hinterher: "Wenn der Viehbestand sich selbst zerstört, gehen die Werte auch für die Gläubiger verloren." Also muss Futter her, doch das Unternehmen hat keine müde Mark. Noch dazu ist die Sache heikel: Die Schweine stehen unter Eigentumsvorbehalt, auch das Futter ist unter Eigentumsvorbehalt geliefert, was den Verkauf einiger Exemplare zur Rettung des Bestand im Übrigen verkompliziert. Für einen Top-Juristen ist das sozusagen das Sahnehäubchen der Geschichte: "Die Eigentumslage an den Schweinen war juristisch umstritten."

          Immer geht es um das Überleben eines Unternehmens

          Es mag nicht jeden Tag um Leben und Tod von Schweinen gehen, aber immer um das Überleben eines Unternehmens - mit allem, was dazugehört: die schiere materielle Existenz der Arbeitnehmer, manchmal gar die soziokulturelle Identität einer ganzen Gemeinde. Insolvenzverwalter mussten schon immer alles sein, und das auf Abruf: Unternehmer, Juristen, Psychologen, Vermittler. Oft tun sie das unbemerkt von einer breiten Öffentlichkeit, doch in der Krise sind sie allgegenwärtig: Innerhalb von Stunden übernehmen sie Konzerne, die vom Management in die Sackgasse manövriert wurden: Große Namen wie Karstadt, Woolworth, Lehman Brothers stehen plötzlich vor der Pleite, und Tausende Arbeitnehmer wollen wissen, wie es weitergeht.

          Denn nicht immer bedeutet eine Insolvenz das endgültige Aus. Die Fälle sind zwar rar, aber spektakulär: Durch Restrukturierung oder Verkauf kann die Fortführung gelingen. Dann kommen Insolvenzverwalter ans Ruder, ganz selten darf sich das Unternehmen in Eigenregie retten. Damit auch noch häufiger die Sanierung kriselnder Unternehmen gelingt, möchte Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger nun das Insolvenzplanverfahren und die Eigenverwaltung stärken. "Eine Kultur der zweiten Chance" will sie etablieren. Doch auch heute schon versuchen Insolvenzverwalter, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu retten.

          Michael Frege war der Insolvenzverwalter des deutschen Lehman Brothers

          15 Jahre nach der Schweinezucht empfindet Frege die Übertragung des Lehman-Mandates als eine besondere Auszeichnung. Wieder ist es ein Anruf des Insolvenzgerichts. Er sitzt gerade in einer Besprechung, doch seine Mitarbeiter der Kanzlei CMS Hasche Sigle erkennen die Dramatik des Augenblicks. Insolvenzrichter sind ungeduldige Gesprächspartner. Sie abzuwimmeln, ist nicht ratsam. Wenig später ist der 51 Jahre alte Frege Insolvenzverwalter der deutschen Einheit von Lehman Brothers und spielt damit die erste Geige in einem ganzen Orchester voll erster Geigen: Das Mammutverfahren verteilt sich auf 80 Staaten.

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