http://www.faz.net/-gqe-6jzuq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 22.07.2010, 23:39 Uhr

Insolvenzverwalter Die Manager der zweiten Chance

Mit Lehman Brothers nahm alles seinen Anfang, später folgten Karstadt, Karmann, Woolworth. In der Krise sind Insolvenzverwalter allgegenwärtig: Sie übernehmen, wenn das Management versagt. Nicht immer droht das Ende. Manchmal ist es ein neuer Anfang.

von
© Fricke, Helmut Insolvenzverwalter Michael Frege

Es war am Freitagnachmittag vor rund 15 Jahren, als der Anruf vom Insolvenzgericht kam: Eine Schweinezucht muss gerettet werden. Die Tiere haben kein Futter mehr, der ganze Bestand droht unterzugehen. Doch Michael Frege behält einen kühlen Kopf. Als Insolvenzverwalter kann er analysieren: "Wenn Schweine nicht gefüttert werden, besteht die Gefahr, dass sie übereinander herfallen", sagt er. "Schweine sind äußerst sensibel: Bei Stress sterben sie."

Corinna Budras Folgen:

Das allein wäre freilich eher ein Fall für den Tierarzt, deshalb schiebt er hinterher: "Wenn der Viehbestand sich selbst zerstört, gehen die Werte auch für die Gläubiger verloren." Also muss Futter her, doch das Unternehmen hat keine müde Mark. Noch dazu ist die Sache heikel: Die Schweine stehen unter Eigentumsvorbehalt, auch das Futter ist unter Eigentumsvorbehalt geliefert, was den Verkauf einiger Exemplare zur Rettung des Bestand im Übrigen verkompliziert. Für einen Top-Juristen ist das sozusagen das Sahnehäubchen der Geschichte: "Die Eigentumslage an den Schweinen war juristisch umstritten."

Immer geht es um das Überleben eines Unternehmens

Es mag nicht jeden Tag um Leben und Tod von Schweinen gehen, aber immer um das Überleben eines Unternehmens - mit allem, was dazugehört: die schiere materielle Existenz der Arbeitnehmer, manchmal gar die soziokulturelle Identität einer ganzen Gemeinde. Insolvenzverwalter mussten schon immer alles sein, und das auf Abruf: Unternehmer, Juristen, Psychologen, Vermittler. Oft tun sie das unbemerkt von einer breiten Öffentlichkeit, doch in der Krise sind sie allgegenwärtig: Innerhalb von Stunden übernehmen sie Konzerne, die vom Management in die Sackgasse manövriert wurden: Große Namen wie Karstadt, Woolworth, Lehman Brothers stehen plötzlich vor der Pleite, und Tausende Arbeitnehmer wollen wissen, wie es weitergeht.

Denn nicht immer bedeutet eine Insolvenz das endgültige Aus. Die Fälle sind zwar rar, aber spektakulär: Durch Restrukturierung oder Verkauf kann die Fortführung gelingen. Dann kommen Insolvenzverwalter ans Ruder, ganz selten darf sich das Unternehmen in Eigenregie retten. Damit auch noch häufiger die Sanierung kriselnder Unternehmen gelingt, möchte Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger nun das Insolvenzplanverfahren und die Eigenverwaltung stärken. "Eine Kultur der zweiten Chance" will sie etablieren. Doch auch heute schon versuchen Insolvenzverwalter, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu retten.

Michael Frege war der Insolvenzverwalter des deutschen Lehman Brothers

15 Jahre nach der Schweinezucht empfindet Frege die Übertragung des Lehman-Mandates als eine besondere Auszeichnung. Wieder ist es ein Anruf des Insolvenzgerichts. Er sitzt gerade in einer Besprechung, doch seine Mitarbeiter der Kanzlei CMS Hasche Sigle erkennen die Dramatik des Augenblicks. Insolvenzrichter sind ungeduldige Gesprächspartner. Sie abzuwimmeln, ist nicht ratsam. Wenig später ist der 51 Jahre alte Frege Insolvenzverwalter der deutschen Einheit von Lehman Brothers und spielt damit die erste Geige in einem ganzen Orchester voll erster Geigen: Das Mammutverfahren verteilt sich auf 80 Staaten.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kartelle Haben Schlecker-Lieferanten zu viel kassiert?

Es geht um Zucker und Waschmittel, um Schokolade und Kaffee: Vielleicht hat Schlecker dafür zu viel bezahlt. Da könnte eine schöne Überraschung für die Schlecker-Frauen warten. Mehr Von Susanne Preuß, Stuttgart

27.05.2016, 16:56 Uhr | Wirtschaft
Unternehmen Plötzlich waren sie Teil des Systems

Unter den Nazis ging es mit den Vileda-Erfindern Freudenberg moralisch bergab. Von der Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen wussten selbst die Nachkommen nichts. Die Aufarbeitung fördert Erschreckendes zutage. Mehr Von Carsten Knop

15.05.2016, 15:41 Uhr | Aktuell
Mittelstandsanleihen Verwirrung um Windreich

Der schillernde Chef des insolventen Windkraftkonzerns Windreich, Willi Balz, war immer schon für Alleingänge gut. Seine jüngste Eskapade sorgt bei der Insolvenzverwaltung für Verstimmung. Mehr Von Martin Hock

18.05.2016, 15:17 Uhr | Finanzen
Grünes Licht für Gesetzentwurf Schwerkranke sollen Cannabis in der Apotheke bekommen

Schwerkranke sollen Cannabis künftig auf Kosten der Krankenkasse erhalten. Das Bundeskabinett hat grünes Licht für einen entsprechenden Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Hermann Gröhe gegeben. Mehr

04.05.2016, 15:16 Uhr | Politik
Weitere Nachrichten Bayer lässt Anhebung seines Kaufangebots für Monsanto offen

Ein neuer Bericht über luxemburgische Steuerabsprachen sorgt für Wirbel. Arbeitsmarkt-Experten kritisieren das Mindestlohn-Gesetz und der schwächere Yen treibt in Tokio die Aktienkurse. Mehr

25.05.2016, 06:50 Uhr | Wirtschaft

Verdächtige Vermögen

Von Holger Steltzner

Jeder soll künftig die Herkunft seines Vermögens nachweisen – so steht es in einer Beschlussvorlage des SPD-Vorstands. Was für ein Menschenbild haben die Sozialdemokraten? Mehr 32 154


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Wirtschaftsblog „Fazit“ Warum Umverteilung dem Wachstum doch schadet

Ungleichheit schadet dem Wachstum, Umverteilung ist nützlich: So ist es in den Schlagzeilen der vergangenen Monate zu lesen. Vielleicht ist das ein Fehlschluss. Mehr Von Patrick Bernau 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“