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Im Gespräch: Autor Rolf Dobelli „Glauben Sie ruhig an Gott oder die EZB“

 ·  „Ich brauche Evidenz, um an etwas zu glauben“, sagt Erfolgsautor Rolf Dobelli im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. In seinen Büchern seziert er unsere tägliche Selbsttäuschung. Und sagt, wie wir da rauskommen.

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© Helmut Fricke „Die Ökonomen durchdringen ihr Fach einfach nicht“, findet Rolf Dobelli

Herr Dobelli, seit 27 Wochen steht Ihr Buch „Die Kunst des klaren Denkens“ an der Spitze der Bestseller-Liste, nun erscheint der Folgeband. Was steht Aufregendes drin?

Jeder Band enthält 52 kurze Kolumnen über Denkfehler, wie man sie vermeidet und erfolgreicher durchs Leben kommt. Ich habe die Fehler nicht selbst aufgetan oder erforscht, sondern aus der Wissenschaft zusammengetragen. Das Buch basiert auf Erkenntnissen der Verhaltensforschung. Dass die noch niemand vor mir geordnet und auf die Kernaussagen reduziert hat, finde ich so überraschend wie den Erfolg.

Im Kapitel „Plappertendenz“ raten Sie: „Wenn Du nichts zu sagen hast, dann sage nichts.“ Klingt wie: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Da haben Sie recht. Es wird viel zu viel geplappert.

Im Kapitel „Social Proof“ warnen Sie davor, der Masse nachzurennen, in einem anderen davor, Schmeichlern auf den Leim zu gehen. Wer kauft solche Binsen?

Ich habe über meine Leserschaft keine Studien betrieben. Aber mir schreiben viele Manager, die das Buch geschenkt bekommen haben, auch viele Studenten aus den verschiedensten Fachrichtungen. Ich bin komplett überrascht, wer mich da alles anspricht. Hauptsächlich sind es Männer. Aber bei bald 300.000 verkauften Büchern kann man nicht sagen, da gibt es die eine Leserschaft. Da erreichen Sie ganz viele Menschen.

Weil Ihre Botschaft massentauglich ist: Wer die Welt verstehen will, soll auf den Bauch hören und nicht auf Politiker oder Ökonomen, die haben keine Ahnung?

Nein, nicht auf den Bauch hören. Aber auch nicht auf die Politiker oder Ökonomen. Wenn man etwas nicht versteht, und das ist in der derzeitigen Krise der Fall, dann geht man gerne in der Herde, das gibt ein gutes Gefühl. Dazu kommt die gefährliche Autoritätsgläubigkeit. Wenn man sich anguckt, was die Ökonomen so alles vorausgesagt haben, dann sollte man ihnen nicht mehr zuhören. Noch nie hat sich eine Wissenschaft schneller in Luft aufgelöst. Es ist erschreckend zu sehen, wie wir immer wieder abfahren auf Prognosen, die sich in den meisten Fällen als falsch herausstellen.

Weil Prognosen nun mal die Zukunft betreffen?

Nein, die Ökonomen durchdringen ihr Fach einfach nicht. Diese Mühe teilen Sie mit allen Gesellschaftswissenschaftlern. Eine Prognose über die nächste Sonnenfinsternis oder über die durchschnittliche Alterserwartung meiner Familie wird so eintreffen. Die Finanzkrise hat dagegen kaum einer vorausgesehen, weil wir einfach nicht verstehen, was an den Finanzmärkten vor sich geht. Unser Gehirn ist nicht darauf optimiert, diese zu verstehen, sondern um möglichst viele Gene in die nächste Generation zu geben. Wir sind derzeit im totalen Blindflug, was die Euro-Krise angeht.

Und deshalb simplifizieren Sie?

Halt! Ich simplifiziere die Wirklichkeit nicht, sondern reduziere sie. Das ist ein Riesenunterschied. Reduktion bedeutet: Das „weiße Rauschen“, das Geplapper, den Unsinn wegzuschneiden.

Haben Ihre Leser Angst, die Welt nicht mehr zu verstehen?

Vielleicht. Es ist ja wirklich erschreckend, was man die ganze Zeit aus Berlin, Brüssel, Athen und Washington hört. Jeden Tag geht es um neue Milliardensummen, die irgendwo hin gepumpt werden, und keiner weiß, was da eigentlich vor sich geht. Auch nicht jene, die am Drücker sind.

Und da raten Sie den Menschen, wie man wenigstens für sich selbst am meisten rausholt?

Ich bin kein Ratgeber, ich bin ein Anti-Ratgeber. Ich bin ein Skeptiker. Und ich glaube, Skepsis ist jetzt angebracht. Seit es Zivilisation gibt, haben die Menschen immer irgendwelche Heilsversprechen geglaubt, die da lauteten: So geht’s, so machen wir’s jetzt. Das ist momentan die Rolle der Ökonomie. Mein Programm ist das Gegenprogramm: Seid extrem skeptisch.

Außer Skepsis bieten Sie nichts?

Ich sage: Das Schlaueste, was man jetzt machen kann, ist, selbständig zu denken und in die Geschichte zu gucken, wie es in ähnlichen Fällen gelaufen ist. Was wir beim Euro, beim Dollar, aber auch beim Renminbi sehen, ist nichts anderes als der langsame Zerfall von Währungen. Ob Sie da die Römer nehmen, die chinesischen Dynastien, das europäische Mittelalter oder die 30er Jahre in Deutschland: Wenn immer eine Währung nicht mehr durch ein Edelmetall gedeckt war, ist sie zerfallen. Es gibt kein einziges Gegenbeispiel in der Geschichte.

Sie schreiben doch, man dürfe aus der Geschichte nichts ableiten?

Nein, ich sage nur, dass man nicht glauben darf, dass nur, weil bestimmte Erklärungen der Geschichte im Rückblick Sinn machen, diese Erklärungen auch der Realität entsprechen. Wir wissen nicht wirklich, warum der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist, wir kennen nur das Erklärungsmuster, die Erzählung dazu.

Sie haben Gold gekauft?

Ja. Da hatte ich natürlich Glück. Zum anderen habe ich aber auch lange überlegt. Irgendwann werden wir wieder zu einem Goldstandard zurückkehren, von dem wir uns 1972 abgekoppelt haben und was das Grundübel unserer heutigen Krisen darstellt. Ich vertraue den Zentralbanken nicht mehr.

Weil wir nichts wissen?

Wir wissen nicht wirklich, warum die Finanzkrise ausgebrochen ist, und die Realität Ihrer eigenen Geschichte kennen Sie auch nicht, das ist auch nur eine Erzählung. Wir basteln uns nur einen dicken roten Faden, an dem wir uns festhalten, aber der Faden ist eine Illusion, ein Denkfehler.

Glaube ist ein Denkfehler?

Wenn Sie Happiness-Management betreiben wollen, glauben Sie ruhig an Gott oder an den EZB-Präsidenten. Ich brauche Evidenz, um an etwas zu glauben.

Sie rauben den Menschen ihre Überzeugungen?

Ich raube niemandem etwas, von mir aus kann jeder gerne mit den Illusionen leben, die er gerne haben möchte, aber das ändert nichts daran, dass es Illusionen sind. Wenn Sie glauben, dass Ihnen Illusion einen Vorteil gegenüber den anderen Spielern auf dem Markt verschafft, liegen Sie falsch.

Sie raten, sich nicht zu überschätzen und lieber über Fehlervermeidung nachzudenken als über Erfolg. Hätte Apple-Gründer Steve Jobs so das iPhone erfunden?

Gegenfrage: Wie viele Genies vom Schlage eines Steve Jobs hat es denn in den letzten 100 Jahren gegeben? Die meisten Menschen sind nicht dazu geboren, ein iPhone zu erfinden. Das ist es, wenn ich schreibe, man solle sich nicht selbst überschätzen, weil die Gefahr, dass Sie brutal auf die Nase fallen, nun mal hoch ist.

Und das ist schlimm?

Stellen Sie sich vor, die Gesellschaft würde in ihrem Ganzen nur fünf Prozentpunkte bessere Entscheidungen treffen. Hey, wir hätten ein enormes Wirtschaftswachstum ausgelöst!

Wieso wollen sich die Menschen plötzlich von Illusionen befreien lassen?

Seit 10 bis 15 Jahren wissen wir ungefähr, wie der Mensch funktioniert. Wir haben 2500 Jahre lang versucht, das herauszufinden: Wie funktioniert das Denken, wer steuert das Handeln, was sind Emotionen? Jetzt haben wir die Ergebnisse der Forschung. Was für ein Privileg! Wir wissen noch nicht alles, aber wir können zum ersten Mal die Frage beantworten: Was ist der Mensch und warum ist er, wie er ist. Meine Aufgabe als Schriftsteller ist es, wissenschaftliche Papers in lesbare Sprache zu übersetzen, und das scheint die Leute zu faszinieren.

Und sie vertrauen Ihnen. Einem Schriftsteller und Ex-Manager.

Ja, ich mache mir bei meinen Büchern einen klassischen Denkfehler zunutze: die Autoritätsgläubigkeit, den „authority bias“.

Ihre Thesen belegen Sie mit persönlichen Erlebnissen. Das ist „Framing“. Noch so ein Denkfehler, den Sie ausnutzen.

Das stimmt, alles ist Framing! Das Wort bedeutet, den gleichen Sachverhalt so oder so darzustellen und damit unterschiedliche Reaktionen zu erzielen. Auch dieses Interview ist Framing: die Art und die Reihenfolge wie Sie die Fragen stellen. Man kann nicht nichtframen.

Wie bei den Buch-Zusammenfassungen, die Ihre Firma produziert: Sie dampfen Klassiker wie den „Faust“ auf acht Seiten ein.

Klar ist das Framing. Wir entscheiden, welche Stellen wichtiger sind als andere, welches Personal nimmt man rein und welches lässt man raus. Bei Tolstois „Krieg und Frieden“, in dem etwa 100 Figuren auftauchen, können Sie nicht alle auf acht Seiten bringen. Aber am Schluss stellt sich doch die Frage: Ist es besser, ich weiß etwas über „Krieg und Frieden“ oder nicht?

Was verkaufen Sie am meisten?

Die Zusammenfassung der Bibel. Und ich finde es besser, man erfährt auf acht Seiten, was da drinsteht, als wenn man gar nichts über die Bibel weiß.

Das Gespräch führte Hendrik Ankenbrand.

Quelle: F.A.S.
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