Nachhaltigkeitsstrategien geben sich Unternehmen oft erst dann, wenn das Image schon beschädigt ist. Illycaffè hat kein Imageproblem. Die Espressomarke steht wie kaum ein anderes Unternehmen für italienisches Lebensgefühl, für Genuss, für schönes Design, für teuren, aber auch hochwertigen Espresso. Trotzdem sitzt Andrea Illy in der prallen Julisonne auf der Terrasse eines Frankfurter Hotels und wirbt dafür, wie nachhaltig sein Unternehmen sei. Der Vorstandsvorsitzende und Leiter des Familienunternehmens hat kurze graue Haare und trinkt an diesem Tag keinen Espresso, sondern Wasser. An den Füßen trägt er elegante Slipper aus Wildleder, auf dem weißen Hemd stehen klein eingestickt seine Initialen.
„Nachhaltigkeit ist meine persönliche Leidenschaft“, sagt der Siebenundvierzigjährige. Zurzeit reist er durch Europa, um ein Zertifikat vorzustellen, das Illy erhalten hat. Das norwegische Zertifizierungsunternehmen Det Norske Veritas (DNV) bescheinigte dem Kaffeekonzern aus Triest einen „verantwortungsvollen Fertigungs- und Lieferprozess“. Zusammen mit der Universität Oxford hat DNV auf Illys Anregung einen Kriterienkatalog ausgearbeitet und die Produktions- und Lieferkette untersucht. Wozu der Aufwand? „Es gibt keine Qualität ohne Nachhaltigkeit“, sagt Andrea Illy. Ein Kaffeebauer brauche die richtigen Rahmenbedingungen, um exzellenten Kaffee zu produzieren. „Wir akzeptieren keine Zwischenhändler, wir zahlen ungefähr 30 Prozent mehr an die Bauern als der Durchschnitt.“
Die Darstellung des Wirtschaftens
Unter den Bauern suche sich Illy dann die besten aus, unterstütze sie mit Wissen und kaufe ihnen die Bohnen direkt ab. „Ungefähr ein Viertel von dem, was ein Illy-Espresso hier im Café kostet, kommt bei den Bauern in den Herstellungsländern an“, versichert Andrea Illy. Die Nachhaltigkeits-Zertifizierung sei ein Pilotprojekt, dem sich auch andere Unternehmen anschließen könnten, sagt er. Nicht nur aus der Kaffeeproduktion, sondern auch aus ganz anderen Branchen.
Denn bestehende Kriterien - etwa die der Fairtrade-Organisation - seien nicht ausreichend. Bei Fairtrade gehe es um Solidarität, sagt Illy. „Das ist, als würde man Geld ans Rote Kreuz spenden.“ Das sei zwar gut, aber nicht von Dauer. Im Juni hat Illy an der Nachhaltigkeitskonferenz in Rio de Janeiro teilgenommen, er sieht sich und sein Unternehmen auch in dieser Hinsicht als Vorreiter, spricht behende vom CO2-Fußabdruck und Solaranlagen auf den Fabriken. Er hat verstanden, dass es heute auch um die Darstellung des Wirtschaftens geht, nicht nur um das Produkt.
„Konzept totaler Qualität“
Sechs Millionen Tassen Espresso von Illy werden nach Angaben des Unternehmens täglich getrunken. Illycaffè wurde 1933 von Francesco Illy, dem Großvater von Andrea Illy, als kleine Kaffeerösterei in Triest gegründet. Heute hat das Unternehmen mit dem roten quadratischen Logo knapp 800 Beschäftigte, der Konzernumsatz beträgt 342 Millionen Euro. Ein und dieselbe Espressomischung wird in 140 Ländern vertrieben - mittlerweile nicht nur klassisch als Kaffeepulver, sondern auch als Pad in einem Papierbeutel und in Form einer Kapsel, - ähnlich dem Konkurrenzprodukt von Nestlé. Gefragt nach dem Marktanteil seines Unternehmens, hält sich der Vorstandsvorsitzende bedeckt. „Illy schaut nicht nach Marktanteilen“, sagt er nur. „Das haben wir nie gemacht.“ Das Ziel sei, den besten Kaffee der Welt zu produzieren und ihn in der ganzen Welt anzubieten. Ungefähr 20 Prozent davon würden nun in Kapseln ausgeliefert.
Mit dem großen Versprechen der Nachhaltigkeit jedoch sind diese Plastikkapseln kaum zu vereinbaren - viel Müll für einen kleinen Kaffee. Illy versucht es trotzdem, er gerät ein wenig ins Straucheln dabei. „Plastik ist ein Material, das man unendlich recyceln kann“, sagt er. Außerdem könne man den Kunststoff verbrennen, er sei der perfekte Brennstoff. Dann besinnt er sich. „Wir wollten die Kapseln nicht unbedingt machen. Aber der Markt geht nun einmal dahin.“ Und Illy müsse nun einmal wachsen, auch wenn das Unternehmen ein Nischenanbieter bleibe.
Wachstum wolle er aber nicht um jeden Preis, schränkt Illy ein - sondern nur solange die Qualität nicht leide. Das „Konzept totaler Qualität“ nennt er das. Dafür stehe das Familienunternehmen, das er in dritter Generation führt. Inzwischen mache sich schon die vierte Generation bereit, berichtet Illy lachend. Sie besteht aus einem Mann und acht Frauen, unter ihnen seine drei eigenen Töchter. Eine davon ist schon in das Unternehmen eingestiegen.
