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Herkunft bestimmt Zukunft : Die Klassengesellschaft feiert feste weiter

Willkommen in der Oberschicht: Leonardo DiCaprio als Jay Gatsby in „Der große Gatsby“ (2013) Bild: ddp images/Warner Bros. Pictures

Der amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär war schon immer eine Illusion. Die Herkunft der Eltern bestimmt die Zukunft der Kinder. Hilft mehr Umverteilung gegen diese Ungerechtigkeit?

          Jay Gatsby ist ein junger Millionär mit zweifelhaften Geschäftsbeziehungen. Auf Long Island, wo schon immer die Reichen und Schönen New Yorks lebten, verfügt er über ein großes Anwesen, auf dem am Wochenende rauschende Partys stattfinden. „Der große Gatsby“, ein Roman von Francis Scott Fitzgerald, erschienen im Jahr 1925, wurde bereits fünfmal verfilmt, zuletzt im Jahr 2013 mit dem großartigen Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle. Das anhaltende Interesse an diesem Stoff belegt den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher (im Fall von Gatsby handelt es sich um einen Schwarzhändler), wonach jedermann, der etwas zu leisten vermag, es auch zu etwas bringen kann.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dieser Traum von der unbegrenzten sozialen Mobilität war immer eine Illusion, nicht die Regel, sondern die Ausnahme, wie der Wirtschaftshistoriker Gregory Clark in seinem aufsehenerregenden Buch „The Son also Rises“ schreibt. In Wirklichkeit besteht die beste Strategie, richtig reich zu werden, darin, sich die richtigen Eltern zu suchen. Herkunft lässt sich nicht überspielen; was zählt, ist die Familie. „Während wir die Chancengleichheit feiern, leben wir in Wirklichkeit in einer Gesellschaft, wo der Zufall der Geburt zu unserem Schicksal wird“, behauptet auch der Ökonom James Heckman, Nobelpreisträger des Jahres 2000.

          Soziale Lage schwer veränderbar

          Das braucht man gar nicht nur biologistisch zu interpretieren. In der Oberschicht werden nicht nur Oberschicht-Gene vererbt, sondern auch die zugehörigen kulturellen Werte und Verhaltensweisen weitergegeben. Dazu gehört nicht zuletzt das Wissen darum, dass Bildung sich auszahlt und nicht nur ein ordentliches Einkommen, sondern auch den höheren sozialen Status verspricht. Wenn, was die Regel ist, reiche Männer liebend gerne reiche Frauen heiraten, zementiert dies zusätzlich die Klassengesellschaft.

          Dass Gatsby mehr Traum als Wirklichkeit ist, trifft nicht nur auf Long Island zu, sondern auch in Starnberg und Duisburg. Wer in Deutschland zur unteren Schicht der Gesellschaft gehört, kann seiner sozialen Lage nur schwer entrinnen. Wer ganz oben angekommen ist, braucht den sozialen Absturz kaum zu fürchten. Bloß innerhalb der Mittelschicht herrscht „reger Verkehr“, sagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Doch auch hier führt, allen Abstiegsängsten zum Trotz, der Weg weder bis nach ganz unten noch nach ganz oben.

          Dass es in allen Ländern der Welt so verdammt schwer ist, die Kluft zwischen den sozialen Schichten zu überwinden, ist eine große Kränkung für alle, die an Leistungsgerechtigkeit glauben. Gliche die Welt dem großen Gatsby, wären soziale Ungleichheiten auszuhalten. Zwar erregt die Tatsache, dass die einen mehr, die anderen weniger haben, regelmäßig Neid und Missgunst. Doch Neid ist ein ambivalenter Affekt: Er spornt den Ehrgeiz an, besser zu werden als die anderen. In einer Welt der Chancengleichheit und hoher sozialer Mobilität könnten wir die Ungleichheit ertragen: Denn wo einer sich auf der sozialen Leiter im Lauf seines Lebens befindet, wäre nicht gottgegeben.

          Je schwerer es hingegen objektiv ist, die Klassengegensätze zu überwinden, um so unerträglicher wird die soziale Ungleichheit. Man kann auch sagen: Ungleichheit wird vor allem dann zu einem moralischen Problem, je schwieriger der Übergang von einer zur anderen gesellschaftlichen Schicht ist, je seltener Aufstieg und Abstieg zu beobachten sind. Eine Welt der Ungleichheit mit hoher sozialer Mobilität würden wir gerecht nennen; eine Klassengesellschaft empfinden wir als ungerecht.

          „Große-Gatsby-Kurve“

          Der amerikanische Ökonom Alan Krueger geht sogar noch einen Schritt weiter. Er will nachweisen, dass es eine negative Korrelation gibt zwischen Ungleichheit und sozialer Mobilität. Im Klartext bedeutet das, dass in Ländern, in denen die Schere zwischen Arm und Reich besonders weit geöffnet ist (wie zum Beispiel in Chile oder Brasilien), fatalerweise auch der Weg von unten nach oben ganz besonders beschwerlich ist. Im Gegensatz dazu bieten relativ egalitäre Gesellschaften (Dänemark, Schweden) auch größere Chancen auf sozialen Aufstieg. Das nennt Krueger ironisch die „Große-Gatsby-Kurve“.

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