„Hartmut Mehdorn“, rief einer der Journalisten in der Bundespressekonferenz. Das war Anfang Januar, als bekannt wurde, dass der erfolglose Rainer Schwarz als Geschäftsführer der Berliner Flughafengesellschaft entlassen und ein Nachfolger gesucht würde.
Mehdorn hatte gerade als Vorstandschef der Fluggesellschaft Air Berlin aufgehört und war in den Ruhestand zurückgekehrt. Der Personalvorschlag führte in der Berliner Journalistenrunde und auf der Bank der Ministeriumssprecher zu unüblicher Heiterkeit. Der Sprecher von Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), dessen Informationen über die neuesten Entwicklungen am Berliner Pannenflughafen nach der vierten Eröffnungsabsage eben gefragt waren, konnte seine amüsierte Überraschung kaum verbergen. „Den Witz muss ich erst mal sacken lassen“, sagte er. Und im Ernst, fügte er hinzu, stimme es zwar, dass der Flughafen nun einen neuen Steuermann brauche. Aber mehr könne er darüber nicht sagen, „auch nicht was den ehemaligen Air-Berlin-Chef anbelangt“.
Mehdorn wird im Juli 71
So verschwand der Name Mehdorn zunächst wieder in der Schublade, in der Kuriositäten abgelegt werden. Daraus hat ihn der Flughafen-Aufsichtsrat nun wieder hervorgeholt: Mehdorn soll von Montag an die Berliner Flughafen-Geschäftsführung leiten. Er soll die Verantwortung dafür übernehmen, dass trotz andauerndem Planungs- und Bauchaos so schnell wie möglich ein funktionierender Hauptstadtflughafen entsteht.
Das ungläubige Staunen, das die Personalie allenthalben hervorruft, hat eine Ursache im Alter des Protagonisten: Mehdorn wird im Juli 71 Jahre alt. Schon sein Feuerwehreinsatz bei der schwächelnden Fluggesellschaft Air Berlin, wo er seinem Freund, dem Gründer Joachim Hunold, zuliebe vom Verwaltungsrat in das operative Geschäft wechselte, war eine Überraschung für alle, die den einstigen Bahnchef seit seinem unrühmlichen Abgang wegen der Datenaffäre im Frühjahr 2009 in Rente wähnten.
Doch den rastlosen Mehdorn füllte die Halbtagstätigkeit als Berater, auf die er sich vorübergehend verlegt hatte, nie aus. Unternehmen sanieren ist seine Leidenschaft. Bei Air Berlin hat er den Sparkurs eingeleitet und diese Aufgabe auf halber Strecke zu Jahresbeginn an seinen Nachfolger übergeben. Mehdorns abermaliger Ruhestand dauerte dann gerade einmal acht Wochen.
„Patriotische Berufung“
Dass er nun eine Aufgabe übernimmt, die vielen als Himmelfahrtskommando erscheint, wertete Ramsauer am Freitag als Ausdruck einer „patriotischen Berufung“. Mehdorn stelle sich einer Herausforderung von nationaler Tragweite. Die drei Gesellschafter - neben dem Bund die Länder Berlin und Brandenburg - beeilten sich nach Ramsauers Erklärung hervorzuheben, die Entscheidung habe man gemeinsam getroffen.
Notwendig war diese Erläuterung vor allem nach dem Hickhack um den ehemaligen Frankfurter Flughafen-Chef Wilhelm Bender, der Chefberater werden sollte und dann wegen Querelen mit den Gesellschaftern vorige Woche überraschend abgesagt hatte. Dadurch stand Technik-Geschäftsführer Horst Amann, der seit vorigen August auf der Baustelle für mehr Ordnung sorgen soll, wieder allein am künftigen Schönefelder Flughafen. Für kurze Zeit zumindest.
Einen Flughafen hat Mehdorn noch nie gebaut
Einen Flughafen hat Mehdorn noch nie gebaut. Allerdings hatte er die Hand am Spaten, als im September 2006 auch der Baubeginn des Flughafen-Bahnhofs gefeiert wurde, der heute betriebsbereit unter dem Terminal liegt und auf dem schon Geisterzüge fahren. Auf Fotos steht er neben dem damaligen Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) - und neben den Regierungschefs von Berlin und Brandenburg, neben Klaus Wowereit und Matthias Platzeck (beide SPD). Sie sind es, die ihn nun wieder auf die Baustelle geholt haben. Man kenne sich „aus dem vergangenen Jahrhundert“, formulierte Platzeck am Freitag. Und er erinnerte an Mehdorns Hilfe bei der Rettung des Potsdamer Kaiserbahnhofs.
Dass Mehdorns Name in der schwierigen Nachfolgersuche schon vor längerer Zeit fiel, war kein Zufall. Mehdorn ist ein erfahrener Manager, der große Sanierungserfolge nachweisen kann - auch wenn er die Bahn und ihre Kunden im Zuge des eisernen Sparkurses vor dem erhofften Börsengang von Fehlern nicht verschonte. Verständnis für technische Abläufe ist beim Maschinenbauingenieur vorhanden, der Airbus-Chef war. An der Bahn-Spitze schärfte er seinen Sinn für komplexe Projekte und organisatorische Strukturen. Bei Air Berlin nahm er Einblick ins Geschäft des Flugbetriebs: Er weiß, was Fluglinien von Flughäfen erwarten - und umgekehrt.
Sein Umgang mit der Politik ist eine Herausforderung
Eine besonders große Herausforderung ist für einen wie Mehdorn der Umgang mit der Politik. Sein Führungsstil als Vorstand des Staatskonzerns Bahn, den er fast ein Jahrzehnt lang führte, war immer hochumstritten. Der energiegeladene Manager, in Berlin aufgewachsen übrigens, sagt von sich selbst, er sei „kein Diplomat“ - eine Beschreibung, die als Untertreibung gelten kann. In seiner Bahn-Zeit gelang es ihm auf legendäre Weise, Kunden durch unbedachte Aussagen ebenso zu verärgern wie Abgeordnete.
So verbindet auch Wowereit und Mehdorn eine lange Geschichte gegenseitiger Abneigung. Das hat mit beider Persönlichkeit zu tun, aber auch mit Mehdorns Versäumnissen, nämlich der Vernachlässigung der Berliner S-Bahn, unter deren Folgen die Stadt noch heute stöhnt. Unvergessen ist, wie Wowereit vor Jahren den Bahn-Chef als „Rambo“ beschimpfte und die „Bild“-Zeitung eine Fotomontage mit Mehdorns Kopf (mit schwarzer Perücke) auf dem Körper Sylvester Stallones veröffentlichte. Nach der Vorgeschichte konnte wohl erst der Rücktritt von Wowereit vom Aufsichtsratsvorsitz Ende Januar den Weg frei machen für den Kandidaten. Berlins Regierender Bürgermeister sprach am Freitag davon, man werde Mehdorn die Ecken und Kanten nicht mehr abschleifen. Er erwarte eine „Spannung, die aber produktiv sein wird“.
Platzeck pflegt eine verbindlichere Art der Kommunikation als Wowereit. Auch Mehdorn scheint milder geworden. Als klar wurde, dass der Flughafen nicht wie geplant im Juni 2012, nicht im August 2012, nicht im März 2013 und auch nicht im Oktober 2013 eröffnen werde, blieben die gefürchteten verbalen Attacken aus. Mehdorn wird zusammen mit Amann dafür sorgen müssen, dass es auf der Baustelle spätestens von Sommer an nicht mehr so ruhig zugeht wie im Moment, da vor lauter Bestandsaufnahme und Kabel-Zählen nicht mehr gebaut wird.
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