Seit August 2010 ist Andreas Georgiou Präsident des griechischen Statistikamtes Elstat, und er soll gegenüber Europa und dem Rest der Welt einen Neuanfang verkörpern. Die weitverbreiteten Berichte über manipulierte und geschönte Daten zu Griechenlands Haushaltslage führten auch dazu, einen politisch nicht vernetzten Außenseiter in das Amt zu berufen: Der 51 Jahre alte Georgiou hat in den Vereinigten Staaten studiert und war danach Wirtschaftsdozent und schließlich 15 Jahre lang Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds. Dort fungierte er zeitweise als Verantwortlicher für Missionen zur Beurteilung oder Rettung von Mitgliedsländern, von 2004 bis 2010 als stellvertretender Chefstatistiker.
Nun residiert Georgiou als Chef des griechischen Statistikamtes im siebten Stock eines nach außen hin repräsentativen Gebäudes nahe am Hafen von Piräus, in einer seelenlosen Vorstadtgegend mit Lagerhäusern und großen Verbindungsstraßen. Innen erweist sich das Statistikamt als außerordentlich schlicht, doch die große Präsidentensuite mit vielen Nebenbüros lässt darauf schließen, dass die politisch ernannten Vorgänger große Beraterstäbe gehabt haben könnten. Georgiou kommt mit einem Sekretariat aus und stellt als Berater mit einem kleinen Büro den ehemaligen Chefstatistiker aus Island vor.
Die Stimmung erinnert eher an Belagerungszustand. „Jeden Tag bin ich auf den Zinnen, um mich und unsere Unabhängigkeit zu verteidigen“, sagt Georgiou. Denn vom ersten Tag an stieß der neue Statistikchef auf Schwierigkeiten. Seine Mail-Adresse wurde von einem Mitarbeiter geknackt, der persönliche Schriftverkehr mitgelesen und später auch verbreitet. Die Politiker hatten zudem dem Chefstatistiker einen Verwaltungsrat zur Seite gestellt, der direkten Einfluss auf die Veröffentlichungen nehmen wollte. „Es ist undenkbar und auch methodisch nicht zulässig, wenn jemand über die Zahlen des Haushaltsdefizits abstimmen will“, sagt Georgiou.
Gegenüber politischen Einflüssen behaupten
Dem neuen Chefstatistiker ist selbst unterstellt worden, er habe die Finanzlage unnötig dramatisiert. Eine parlamentarische Untersuchungskommission befasste sich nicht nur mit seinem Verhalten, sondern auch mit der Kommunikation des früheren Finanzministers. Kurz vor den Neuwahlen in Griechenland ist aber einer der letzten Versuche, die Lage nachträglich zu beschönigen, zumindest vorläufig im Sand verlaufen.
Für Georgiou besteht die Herausforderung nicht nur darin, sich gegenüber politischen Einflüssen zu behaupten, sondern zugleich die Arbeit seiner Behörde von Grund auf zu reformieren, und dies auch noch in Zeiten allgemeiner Einschnitte im öffentlichen Dienst. Mitten im politischen Pulverdampf musste zugleich eine Volkszählung abgehalten werden. Auch bei deren Organisation hat der neue griechische Chefstatistiker alte Seilschaften gestört. Denn dieses Mal durften nicht mehr die Bürgermeister persönliche Günstlinge für den kleinen Nebenjob als Volkszähler auswählen.
Georgiou bestand auf einem einfachen und transparenten Auswahlverfahren im Internet auch für diese Arbeiten. Denn es gehe nicht nur darum, ungeschönte Zahlen zu produzieren. Auch die internen Prozeduren des Statistikamtes will der neue Chef von Grund auf transparent machen. Bisher ist offenbar vieles ganz anders gelaufen. Auch aus den Ministerien kam manche Zahl nur über Telefon, während der neue Chef nun mit allen Behörden Abkommen über geregelte Verfahren geschlossen hat, bei denen Daten schriftlich gemeldet werden und der dafür Verantwortliche auch unterschreiben muss.
„Hohes Niveau von Professionalität“
Ein Chef, der inzwischen alle sensiblen Stellen der europäischen Regeln zu den Statistiken aus dem Kopf zitieren kann und dem Amt eine Vielzahl neuer Prozeduren verordnet, wird damit allzu leicht zum Störenfried für die Liebhaber der alten Zeiten. Doch Georgiou lässt sich nicht beirren und zeigt triumphierend, dass früher griechische Daten in Brüssel mit zweifelnden Fußnoten versehen wurden, seit seinem Amtsantritt aber vollkommen anerkannt sind als Zahlenwerke nach den aktuellen Regeln.
Aus dem Ausland, etwa vom Europäischen Statistikamt, kamen auch die Ehrenerklärungen für Georgiou, als seine Widersacher den Staatsanwalt auf den Plan riefen. „Die Verbesserung der griechischen Daten zum Staatshaushalt ist das Resultat neuer und gestärkter Prozeduren, die vom Präsidenten von Elstat eingeführt wurden“, schreibt der Generaldirektor von Eurostat. Georgiou habe ein „hohes Niveau von Professionalität“ gezeigt. Um dem Kollegen den Rücken zu stärken, gleichsam als Entwicklungshilfe, haben die europäischen Statistiker rund um Eurostat nun ihren jährlichen Kongress Ende Mai in Athen geplant. Thema ist die „Qualität offizieller Statistiken“.
