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Gina Rinehart Die Eisenharte

 ·  Aus den Erzfunden ihres Vaters schmiedete die Australierin Gina Rinehart ein Milliardenimperium. Jetzt ist sie die reichste Frau der Welt - und eine komplexe, schwierige und gefürchtete Persönlichkeit.

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© Action Press Besitzt ein Vermögen von mehr als zwanzig Milliarden Dollar: Gina Rinehart

Als Lang Hancock und seine Frau Hope in ihre einmotorige Auster stiegen, zogen dunkle Wolken auf. Hancock war gezwungen, tiefer über das australische Outback zu fliegen als sonst. Er war ein erfahrener Pilot - seit Jahren lebte das Paar in Nunjerry, in der unendlichen Steinwüste im Nordwesten Australiens, einem der heißesten und entlegensten Orte der Erde. Der nächste Nachbar lebte 250 Kilometer entfernt. Perth, die nächste Stadt, liegt fast 1200 Kilometer südlich von Nunjerry. Nach Perth wollten sie auch an jenem 22. November 1952. Dann aber sah Hancock aus dem Fenster im Cockpit eine rotbraune Spur in den Felsen dicht unter ihm: Eisenerz.

Es war der Moment, in dem sich das Leben von Hancock und all seiner Nachkommen, ja auch dasjenige vieler Australier änderte. Denn diese Entdeckung begründete, ohne dass Hancock es in dieser Sekunde ahnte, den Eisenerzabbau im Westen von „Down Under“. Hancock legte damit den Grundstein für eigene Milliarden und den Wohlstand des heutigen Australiens.

Wer spricht von der Erbin?

Seine Tochter Gina hasst es, als Erbin bezeichnet zu werden. Dabei ist sie genau das. Dank Hancocks Entdeckung wuchs sie die ersten vier Jahre im Outback auf, erbte später Millionen. Vor allem aber erbte sie das Wissen und Verhandlungsgeschick ihres Vaters. Die Kunst, Monopoly mit Minen zu spielen, beherrscht sie perfekt. Als ihr Vater 1992 starb, wurde der Reichtum der Tochter in Australien auf 75 Millionen Dollar geschätzt. Zehn Jahre später waren es schon rund 280 Millionen Dollar. 2011 wurde sie mit gut 10 Milliarden Dollar zum reichsten Menschen Australiens erklärt. Im vergangenen Jahr lagen die Schätzungen schon bei mehr als 20 Milliarden Dollar. In Abhängigkeit vom Weltmarktpreis für Eisenerz gilt sie - noch vor der Wal-Mart-Erbin Christy Walton - als reichste Frau der Welt. Analysten der Citibank und Schätzungen von Forbes sagen voraus, es werde nur noch ein paar Jahre dauern, bis Gina Rinehart der reichste Mensch der Welt sei. Wer spricht da noch von der Erbin?

Die Liebe zum Land hat Gina allerdings wirklich von ihren Eltern geerbt. „Schönheit ist nicht der gezupfte Rasen, es sind nicht die Gemälde, Schmuck, Statuen oder die Boutiquen in Paris. Schönheit, das sind die bizarren, nicht mit dem Pinsel einzufangenden Farben der Pilbara“, lässt sie sich zitieren und fügt allen Ernstes an: „Ideen sind Schönheit - die Ideen, was wir mit dieser weiten Wildnis anfangen können, wenn wir ihre Bodenschätze nutzen. Schönheit ist eine Eisenerzmine.“ Rinehart ist auf ihre ganz eigene Art unprätentiös - schwergewichtig tritt sie oft in weiten Gewändern auf, die Haare ungewaschen, auch beim Fototermin Badeschlappen an den Füßen. Keine Frage: Diese Frau würde jederzeit in der Pilbara den Spaten ansetzen.

Dabei ist sie längst in Vorstandsetagen zu Hause. Ihr Vater nahm sie schon als Kind mit zu Geschäftsterminen. So hielt auch sie es: Als sie für den „National Miner“ arbeitete, eine Zeitschrift des Vaters, ließ sie sich in ihr Zimmer eine doppelte Ziegelwand ziehen, hinter der eines der Babys lag - so wurden Besucher nicht von dessen Schreien gestört.

Zwanzig Dollar pro Sekunde

Mit dem zweitgrößten Rohstoffkonzern der Erde, Rio Tinto, handelte Hancock aus, an jeder Tonne Eisenerz aus dem riesigen Hamersley-Ranges-Vorkommen mit 2,5 Prozent beteiligt zu werden. Der Konzern baute eine Eisenbahnlinie an die Küste, einen Hafen, sorgte für den Abbau. Unterdessen stieg der Preis für die Tonne Eisenerz von 20 Dollar Ende der achtziger Jahre auf den Rekordwert von mehr als 170 Dollar im vergangenen Jahr. Ohne Zweifel bilden die Lizenzgebühren, die sie bei allen späteren Verkäufen von Bergwerksanteilen niemals gefährdete, die Grundlage des wachsenden Reichtums der Gina Rinehart. Allein die Mine Hamersley Iron dürfte ihr jede Sekunde 20 Dollar bringen - 1200 Dollar die Minute, 72.000 die Stunde, 1,7 Millionen Dollar am Tag, 630 Millionen Dollar im Jahr.

Michael Yabsley, heute Lobbyist und früher Politiker der Liberalen, sagt: „Die große Frage ist doch, ob ihr Reichtum auf eine gute Geschäftsstrategie zurückgeht oder auf eine gute Portion Glück und das unglaubliche Wachstum der Erz- und Kohlemärkte rund um die Welt und besonders in China. Ich glaube, es ist beides.“

Ihr Geschäftstalent hat Rinehart schon oft unter Beweis gestellt. In den vergangenen beiden Jahren verkaufte sie jeweils für Milliarden Dollar Anteile am Kohleprojekt Galilee Basin an die indische GVK Industries und eine Minderheitsbeteiligung an Roy Hill an den koreanischen Staatskonzern Posco. Die Investmentbanker von Morgan Stanley machten mit Rinehart in den vergangenen zwei Jahren geschätzte 470 Millionen Dollar Umsatz.

Der Bulldozer

Rineharts wahres Können sieht nur, wer auf die ganze Branche schaut: Während nämlich das „House of Hancock“ wächst und wächst, Rinehart immer mehr Macht und Geld anhäuft, fallen die hoch geachteten Vorstandschefs der Konkurrenz wie die Fliegen von der Wand: Für Markus Kloppers, an der Spitze von Weltmarktführer BHP Billiton, sucht der Konzern einen Nachfolger. Cynthia Carroll musste ihren Koffer als Chefin von Anglo American wegen Erfolglosigkeit schon packen. Tom Albanese, fünf Jahre Vorstandsvorsitzender von Rio Tinto, musste am Donnerstag weitere 14 Milliarden Dollar Abschreibungsbedarf für missratene Übernahmen gestehen und wurde sofort gefeuert. Mit Albaneses Nachfolger an der Spitze, Eisenerzchef Sam Walsh, ist Rinehart seit Jahrzehnten eng vertraut.

Bis heute hat der Familienkonzern Hancock Prospecting, dessen Führung sie mit dem Tod des Vaters übernahm, rund 2,5 Milliarden Tonnen Erz und Kohle in Westaustralien abgebaut und verschifft. „Würde sie heute auf einen Schlag alles versilbern, bekäme sie wohl 30 Milliarden Dollar. In ein paar Jahren könnten es 100 Milliarden Dollar sein. Sie sitzt auf mehr Eisenerz als Rio Tinto und BHP Billiton zusammen“, zitiert die Wirtschaftszeitung Australian Financial Review den früheren westaustralischen Minister Clive Brown.

Rineharts Auftreten rechtfertigt es, sie als Bulldozer zu bezeichnen. „Sie ist eine komplexe, schwierige Persönlichkeit“, sagt der frühere westaustralische Ministerpräsident Brian Burke. Er meint: Gina Rinehart ist gefürchtet. „Sie werden mit ihr kein wirklich anregendes Gespräch führen, bis Sie auf Eisenerz oder Kohle zu sprechen kommen, so wie es auch schon mit ihrem Vater war“, sagt der australische Werber und Freund der Familie, John Singleton. Andere sagen, sie spreche nur mit den Spitzenleuten, wie etwa mit Walsh von Rio Tinto - „mit der zweiten Ebene gibt sie sich gar nicht erst ab“, so Ron Manners, einer der engsten Freunde der Familie.

Dafür nimmt Gina Rinehart jeden Fehdehandschuh auf. Mit den Großkonzernen ringt sie um Bodenschatzvorkommen und lukrative Abbaulizenzen. Mit der Öffentlichkeit kämpft sie um ihren Einfluss auf die australische Politik. Mit den eigenen Kindern und den Erben von Peter Wright, eines engen Freundes ihres Vaters, streitet sie um Milliarden von Dollar.

Ein Streit, der halb Australien unterhält

Ihre Anwaltsrechnungen sind siebenstellig. Dafür dürfte schon ihre Familie sorgen. Erst stritt sie sich vor Gericht mit der dritten Frau ihres Vaters, Rose Porteous, um das Erbe und verdächtigte sie fälschlicherweise des Mordes an Hancock - Zeugen soll Rinehart bestochen haben. In den Jahren zuvor hatte sie sich mit ihrem 74 Jahre alten Vater wegen dessen Liebesbeziehung zu Porteous, „einem Hausmädchen“ von 34 Jahren, überworfen. Er erwiderte darauf unter anderem, ihre Kinder würden sich für Gewicht und Erscheinung ihrer Mutter schämen, und verbannte sie für Jahre aus der Firma. Sie verzweifelte fast.

Seit 2004 streitet sie nun mit ihrem Sohn John Langley über die Verteilung der Anteile in der Familienstiftung Hope Margaret Hancock Trust, an der sie nach dem Tod von Lang Hancock 51 Prozent hielt, ihre vier Kinder 49 Prozent. John wirft ihr vor, ihren Anteil auf 76 Prozent ausgeweitet zu haben. Der Streit eskalierte und unterhielt im vergangenen Jahr halb Australien über Wochen.

Während ihre jüngste Tochter Ginia an der Seite der Mutter bleibt und dafür mit Sitzen in den Vorständen der eigenen Firmen belohnt wird, kämpfen John und seine Schwestern Hope Welker und Bianca erbittert um Geld und Einfluss. „Ich kann Frau und Kinder in einfachen Verhältnissen durch meine Arbeit ernähren“, schrieb John seiner Mutter zur Begründung der Ansprüche. „Aber ich kann nicht die Menge Geldes heranschaffen, die allein das Sicherheitsnetz erfordert, das man als Sohn einer Mutter mit einem Vermögen von 20 Milliarden Dollar braucht.“ Mit Blick auf mögliche Kidnapper erklärte er: „Sie gibt nicht einen einzigen Cent, um ihre Enkel vor den Risiken zu schützen, die sie selbst mit ihren Geschäften erst kreiert.“

Steinzeitkapitalismus und der Verlust des Lebensstandards

Der junge Hancock arbeitet als Aktienhändler auf eigene Rechnung, nachdem ihm die Mutter seine Bezüge zusammenstrich. Die 27 Jahre alte Hope gab vor Gericht an, nur noch 60 000 Dollar zu besitzen - damit fehle es ihr an 225.000 Dollar für einen Koch und 100.000 Dollar für einen Bodyguard. Geld gebe ihre Mutter nur, wenn die Tochter Bedingungen erfülle: „Ich hasse das, ich bin müde und will nicht mehr kämpfen“, schrieb sie Ende Juli 2011.

Doch ist die Familie nicht das einzige Schlachtfeld, auf das sich Rinehart stürzt. In ihrem Dunstkreis sammelt sich eine Clique ultrakonservativer Minenbesitzer und Millionäre. Die sonst in der Öffentlichkeit nicht zugängliche Rinehart dringt inzwischen immer lauter auf Einfluss in der Politik. Am Fernsehsender Network Ten hält sie gut 10 Prozent und einen Sitz im Aufsichtsrat. Am Medienhaus Fairfax hat sie sich mit knapp 20 Prozent beteiligt. Schon ihr Vater hatte mit „The National Miner“ und „The Independent“ zwei Zeitungen in Westaustralien gegründet. „Mein Vater wurde immer verärgerter über die Politik, von der er sagte, sie zerstöre Australiens Zukunft“, berichtet Rinehart.

Ihre Biographin Adele Ferguson schreibt: „Australien hat noch nie eine solche Vermengung von Geld und politischen Interessen gesehen wie bei Gina.“ Deshalb steigt auf der Gegenseite die Angst, Rinehart werde die Medien nutzen, ihre Sicht der Welt durchzusetzen - eine Melange aus Steinzeitkapitalismus und nutzwertorientierter Politik, gewürzt mit der Angst vor dem Verlust des Lebensstandards. So holte der australische Schatzkanzler Wayne Swan jüngst die große Keule heraus: „Es sind diese 0,1 Prozent, die die anderen übertönen wollen, die blind sind für die Interessen der Nation und die ihre ansehnlichen Privatvermögen in Werbung, Armeen von Lobbyisten, zwielichtige Prognosen und Manöver pumpen, um journalistische Entscheidungen zu beeinflussen. Das jüngste Beispiel ist das Vordringen von Australiens reichster Person, Gina Rinehart, in Fairfax Media.“

Der Mensch

Georgina Hope Rinehart, kurz Gina, ist schon heute die reichste Frau der Welt und könnte bald der reichste Mensch der Welt sein. Das Vermögen der Erbin großer Erz- und Kohlevorkommen in Westaustralien wird auf mehr als 20 Milliarden Dollar geschätzt. Mit 19 Jahren heiratete sie den Briten Greg Milton, mit dem sie zwei Kinder hat, ließ sich 1981 scheiden. 1983 heiratete sie den amerikanischen Juristen Frank Rinehart und nahm dessen Namen an. Er starb 1990. Mit drei ihrer vier Kinder streitet die 58 Jahre alte Rinehart vor Gericht um Erbe und Einfluss. In den vergangenen Monaten verstärkte Rinehart ihren Einfluss auf die australische Öffentlichkeit durch den Einstieg in Fernsehsender und das Medienhaus Fairfax.

Das Unternehmen

Das Bergwerksunternehmen Hancock Prospecting liegt fest in Händen von Gina Rinehart. Ihr Vater Lang Hancock entdeckte eines der größten Eisenerzvorkommen Australiens und kämpfte mit seinem Geschäftspartner ein Jahrzehnt dafür, dass es erschlossen und das Erz exportiert werden konnte. Auf Grundlage des Erbes hat Rinehart milliardenschwere Deals mit globalen Stahlherstellern und Minenkonzernen geschmiedet. Arbeiten die geplanten Minen, könnten Rineharts Jahreseinnahmen auf rund 8 Milliarden Dollar steigen - in Abhängigkeit vom Erzpreis. Am Ende des Tages ist Hancock Prospecting gleichbedeutend mit „House of Hancock“. Dies stehe in ihrem Leben immer an erster Stelle, sagt Gina Rinehart. Ihre Anwaltsrechnungen sind siebenstellig. Dafür sorgt schon der Streit mit ihren Kindern. Rinehart sitzt auf mehr Eisenerz als Rio Tinto und BHP Billitonzusammen.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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